Stand: 03.12.2018 13:09 Uhr

Klimawandel: "Deutschland fehlt Mut"

Im Dezember 2015 einigten sich die internationalen Staats- und Regierungschefs beim Weltklimagipfel in Paris auf gemeinsame Klimaziele. Nun wird auf der Weltklimakonferenz im polnischen Kattowitz über die Maßnahmen zur Umsetzung dieser drei Jahre alten Beschlüsse verhandelt. Mit dabei ist auch Klimaforscherin Daniela Jacob.

Frau Prof. Jacob, rund 13.000 Delegierte, 14 Tage Zeit: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass am Ende der Konferenz konkrete und verbindliche Ergebnisse stehen werden?

Bild vergrößern
Daniela Jacob ist Direktorin des "Climate Service Center Germany", einer Einrichtung des Helmholtz-Zentrums Geesthacht.

Daniela Jacob: Ich glaube bestimmt, dass es verbindliche Ergebnisse geben wird. Die Frage ist: Wie ist das Ausmaß dieser Ergebnisse? Denn auf diesen Konferenzen werden ja nicht nur ganz große Ziele, wie das Begrenzen des Klimawandels auf 1,5 Grad Celsius, festgelegt, sondern es werden diesmal sehr viele kleine Schritte dorthin besprochen. Ich rechne fest damit, dass dieses Regelwerk, um das es dort geht, in weiten Teilen auch mit festen und konkreten Zielen und Schritten besetzt wird.

Die Ziele sind bereits vor drei Jahren in Paris definiert worden. Jetzt geht es um die konkrete Umsetzung. Klimapolitik scheint eine sehr langsame Schnecke zu sein. Haben wir diese Zeit?

Jacob: Eigentlich haben wir die Zeit nicht. Natürlich brauchen wir einen sauberen Vorgang, wir müssen genügend Zeit haben, um solche Regelwerke zu entwerfen - und das wurde in den letzten drei Jahren auch gemacht. Aber wir wissen eigentlich schon, dass wir Emissionen massiv einsparen müssen, und wir sollten nicht mit unserem Handeln warten, bis so ein Regelwerk endgültig fertig ist. Die Zeit haben wir nicht.

UN-Generalsekretär António Gueterres zur Eröffnung der Klimakonferenz dramatische Worte gefunden: Die Welt stecke in großen Schwierigkeiten, und wir seien beim Klimaschutz nicht ansatzweise da, wo wir sein müssten. Wo müssten wir denn Ihrer Meinung nach sein?

Kommentar

Klimapolitik: Weniger ist besser als nichts

UN-Generalsekretär Guterres hat die Staatengemeinschaft zu Beginn der Weltklimakonferenz zu mehr Engagement im Kampf gegen die Erderwärmung aufgerufen. Jan Pallokat kommentiert. mehr

Jacob: Wir hätten schon viel ambitionierter umsetzen müssen. Die einzelne Nationen haben in den letzten Jahren Klimaziele festgelegt, sie haben freiwillige Emissionsreduktionen angegeben - aber die Umsetzung und damit das wirkliche Reduzieren dieser Emissionen ist noch weit zurück. Es geht also nicht nur darum, zu sagen, was man erreichen möchte, sondern das auch umzusetzen und die CO2-Emissionen so schnell wie möglich zu reduzieren.

Deutschland war mal europäischer Klimavorreiter - das sind wir nicht mehr. Was müsste hier konkret geschehen?

Jacob: Eigentlich hat Deutschland alles, was man braucht: Wir haben kluge Köpfe, wir haben funktionierende Regelwerke, und wir haben eigentlich auch die Finanzen, um zu agieren. Aber auch in Deutschland hapert es an der Umsetzung, und der Wille zum Vorangehen scheint mir im Moment begrenzt sein. Natürlich hat Deutschland viele kleine Schritte gemacht: in der Wärmedämmung, in den Anstrengungen zum Elektroauto. Aber die großen Diskussion, die wirklich etwas bringen würden, wie etwa zum Ausstieg der Braunkohle oder zum Umbau des Verkehrs, die sind extrem langsam. Da fehlt Deutschland ein bisschen Mut und Enthusiasmus.

Mit den USA unter Donald Trump ist einer der Global Player aus dem Klimaabkommen ausgetreten. Was wird es nutzen, wenn Europa - oder sogar nur Deutschland - da eine Vorreiterrolle einnähme?

Jacob: Jede Vorreiterrolle ist wichtig - natürlich nicht eine, die zum Ausstieg vorreitet. Aber Donald Trump hat sich das nunmal so vorgenommen. Auf der anderen Seite gibt es über 1.000 Initiativen, Firmen, Regionen, Städte in den USA, die ganz anders reagieren, die die bis zu 25 Prozent der Gesamtmenge der CO2-Einsparungen von den USA erreichen können. Also das, was die Regierung sagt, und das, was die Menschen vor Ort machen, ist nicht immer das Gleiche. Wir können außerdem auch nicht sagen: Nur weil mein Nachbar nicht mitgeht, gehe ich auch nicht - das ist in allen anderen Bereichen auch nicht der Fall. Wir müssen für uns entscheiden. Beim Klimawandel und bei der Reduzierung der Treibhausgase können alle nur gewinnen. Wenn wir nicht handeln, kann es nur schlechter werden, teurer, chaotischer, dramatischer, und das ist unakzeptabel.

Link
Link

Deutschland und der UN-Weltklimagipfel

Deutschland wird seine Klimaziele für 2020 verfehlen. Dennoch verbreitet Umweltministerin Svenja Schulze für die Weltklimakonferenz Optimismus. Mehr bei tagesschau.de. extern

Naturwissenschaftlich können wir uns wahrscheinlich noch auf die Tatsache der Erderwärmung einigen. Wir können womöglich sogar bei der Ursachenforschung mindestens ein Minimalkonsens erzielen. Schwierig wird es aber bei der Umsetzung von Gegenmaßnahmen, gerade zwischen armen und reichen Ländern. Wie kann das auch in der Praxis geschehen?

Jacob: Ich glaube, der Dialog, der zwischen den verschiedenen Nationen in Gang gekommen ist, ist sehr wichtig. Wenn man sich das Entstehen des Weltklimaberichtes ansieht, dann war das ein sehr demokratischer Prozess, der über sehr viel Austausch zwischen den Ländern stattgefunden hat. Es ist wichtig, dass man das Verständnis auf beiden Seiten entwickelt, welche Probleme die verschiedenen Nationen damit haben. Wenn man es schafft, sich so weit zu öffnen, dass man die Sichtweisen aller zusammen betrachtet, dann kann man auch gemeinsam zu Lösungen kommen. Aber natürlich geht es auch um Geld: Es muss ständig in die Regionen fließen, die unterstützt werden müssen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.12.2018 | 19:00 Uhr

Übersicht

NDR Kultur

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

35:13
NDR Kultur

Regula Mühlemann: lebensfrohe Koloraturen

12.12.2018 13:00 Uhr
NDR Kultur
15:40
Visite
03:13
Nordmagazin