Daniel Karasek im Porträt. © picture alliance/dpa | Frank Molter

Daniel Karasek: "Theater sind im Augenblick nicht wichtig"

Stand: 06.01.2021 19:08 Uhr

Daniel Karasek, Generalintendant des Theaters Kiel, spricht im Interview darüber, was die neuen Corona-Maßnahmen für sein Haus bedeuten.

Am Dienstag sind die neuen Corona-Maßnahmen beschlossen worden. Wie geht es jetzt weiter an norddeutschen Theatern und Opernhäusern? In Kiel hat Generalintendant Daniel Karasek in den letzten Monaten wiederholt von einer "Kastration des Theaters" gesprochen und beklagt, dass durch die Pandemie in der Gesellschaft eine "ganz körperlich-haptische Verkümmerung" stattfinde. Nun hört man von seiner Seite andere Töne. Es überwiegt das Verständnis für die aktuellen Pandemie-Beschlüsse.

NDR Kultur: Herr Karasek, was bedeuten die neuen Maßnahmen für das Theater Kiel?

Daniel Karasek: Sie bedeuteten, wir bleiben zu. Alles andere macht überhaupt keinen Sinn. Niemand muss sich der Illusion hingeben, dass die Leute massenweise ins Theater strömen würden, wenn wir jetzt öffnen. Das kann man bei der momentanen Situation auch nicht erwarten. Zumal wir auch bei jeder Wiederaufnahme, egal zu welchem Zeitpunkt sie passiert, logischerweise Vorlauf brauchen. Wir müssen das ja bewerben, es muss verkauft werden et cetera. Und wir müssen auch von einer Situation ausgehen können, in der das Publikum eine gewisse Sicherheit verspürt, wenn es wieder ins Theater geht.

Die schleswig-holsteinischen Theater hatten ja bereits im Dezember ihren regulären Vorstellungsbetrieb bis Ende Januar abgesagt. Es hat aber immer geheißen, man bleibe im Probenbetrieb. Wird der aufrecht erhalten?

Karasek: Wir haben gemerkt, dass es überhaupt keinen Sinn macht, jetzt auf Teufel komm raus weiterzuarbeiten. Wir haben als öffentliche Institution auch einen gewissen Vorbildcharakter, jetzt auch im Theater das Homeworking zu unterstützen. Wir mussten zwar auch schon Produktionen in die nächste oder übernächste Spielzeit verschieben, haben aber im Herbst so gut vorgearbeitet, dass wir für das Frühjahr, wenn wir hoffentlich wieder starten können, gut gewappnet sind.

Nun gibt es sehr unterschiedliche Stimmen aus ihrer Branche. Zum Beispiel Martin Kusej, der Chef des Burgtheaters, der wütend fragt: Wie lange sollen wir uns noch verschaukeln lassen?

Karasek: Ich glaube, wir werden nicht verschaukelt, sondern sind alle in einer schwierigen Situation. Und ich finde, die Theater können sich nicht einbilden, dass sie im Augenblick wirklich von großer Wichtigkeit sind. Wir sind in dem Augenblick wieder lebenswichtig und wirklich existenziell wichtig, wenn die Welt wieder in Ordnung ist, wenn die Leute wieder frei und ohne Angst in Zuschauerräume gehen können. Davon sind wir abhängig. Und dann machen wir auch wieder Sinn in der Gesellschaft.

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Die Schließung ist ein Umstand, den Sie in Ihrem Haus kommunizieren müssen. Wie wird das aufgenommen vonseiten der Künstler oder der Werkstätten?

Karasek: Ich habe in den letzten zwei Tagen wahnsinnig viel mit den Mitarbeitern herumtelefoniert, und es gibt eine breite Zustimmung. Unser eigentliches Ziel, an ein Publikum heranzutreten, ist ja im Augenblick unterbunden. Insofern macht das Sinn. Die Bevölkerung hat ja nicht andere Ängste als meine Mitarbeiter.

Haben Sie denn auch schon Corona-Fälle am Theater Kiel gehabt?

Karasek: Ja, wir hatten zwei Fälle. Das hat aber zum Glück nicht gestreut. Und danach haben wir auch beschlossenen, in den Lockdown zu gehen.

Plädieren Sie denn nach wie vor für eine regionale Anpassung der Maßnahmen?

Karasek: Ja, das wäre im Prinzip zu wünschen. Weil ich schon finde, dass Schleswig-Holstein bei den derzeitigen Umständen gerade vorbildliche Zahlen hat. Andererseits verstehe ich auch, dass das letztendlich schwierig ist. Dann dürfen die einen öffnen, die anderen aber nicht - das ist eine ganz schwierige Entscheidung. Deswegen bin ich da auch gar nicht so rabiat. Ich hatte eine Zeitlang das Gefühl, die Theater müssen nicht zu sein, weil sie super Sicherheitskonzepte haben. Aber die Diskussion, wer auf haben darf und wer nicht, wäre mühselig. Und ich glaube, das sind im Augenblick auch nicht die Sorgen der Bevölkerung.

Das Gespräch führte Philipp Cavert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 06.01.2021 | 16:20 Uhr