Eine Fernbedienung in einer Hand. © NDR

Dafür interessieren sich die Menschen in Corona-Zeiten

Stand: 20.10.2020 16:00 Uhr

Manch ein Theater- oder Konzertmacher fragt sich in diesen Tagen oft: Was will es denn nun, das Publikum, in diesem besonderen Corona-Jahr? Leichte Unterhaltung oder schwere Kost? Der Versuch einer Meinungsfindung.

von Lenore Lötsch

Ich hatte die Wahl: Sartre oder Brecht? "Geschlossene Gesellschaft" am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin oder "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Volkstheater Rostock? Sartres Klassiker über drei Menschen, die in einem geheimnisvollen Raum ohne Ausgang aufeinandertreffen, war mir zu nah an den Realitäten dieses Pandemieherbstes. Und so saß ich in Brechts Komödie. Über der Bühne schwebte in pinkfarbener Leuchtschrift "Kapitalismus ist geil" und die poppige Inszenierung setzte musikalisch auf ABBA.

Aber was will das Publikum gerade? Reflexion oder sich Fortträumen? Für den Intendanten des Rostocker Volkstheaters, Ralph Reichel, ist das nicht eindeutig zu beantworten: "Es gibt nicht die einfache Antwort, aber zweifellos ist es eher Unterhaltung und Ablenkung. Die Sehnsucht, momentan Stücke über Corona zu sehen, ist, glaube ich, sehr gering. Es gibt trotzdem eine Sehnsucht, sich mit großen Stoffen zu beschäftigen, das zweifellos, aber es gibt Menschen im Publikum, die sagen, ich will nichts Trauriges, das hab ich schon genügend, gib mir leichtes Entertainment."

Rostock setzt auf Revuen

Benjamin Brittens Kammeroper "Die Schändung der Lukrezia" hat es gerade schwer an der Theaterkasse. In Rostock setzt man unter anderem auf Revuen: Eine Operetten-Gala mit Musik von Lehár und Oscar Straus wird kommen und irgendwann auch eine spartenübergreifende Inszenierung von "Cabaret": "Ich glaube, das ist ein Stück, was auf einem extrem hohen Niveau: Unterhaltung, Tiefe und Geschichte verbindet und in dem man alle Sparten erleben kann. Ich glaube, das ist etwas, worauf die Leute sich wirklich stürzen werden." Ralph Reichel träumt vom Frühsommer und einem vollen Haus.

Nachfrage bei Netflix: Wofür interessieren sich die Menschen? Die Kommunikationsagentur des Streaming-Dienstes antwortet mit Zahlen: Im letzten Quartal wurden weltweit über zehn Millionen neue Mitglieder gewonnen. Dadurch weist Netflix insgesamt 193 Millionen bezahlte Mitgliedschaften auf. Zu konkreten Zugriffszahlen oder Nutzerpräferenzen gibt es keine Stellungnahme.

Zielgruppe: Weiblich und zwischen 45 und 50 Jahre

Auskunftsfreudiger ist das Kino in meiner Nachbarschaft. Anne Kellner vom Rostocker Programmkino LiWu beschreibt den typischen Vertreter der Zielgruppe des Kinos: weiblich und zwischen 45 und 50 Jahren. "Allgemein könnte ich nicht sagen, dass die Leute mehr auf der Suche nach Ablenkung sind, weil wir festgestellt haben, dass Dokumentarfilme jetzt sehr gut gehen, also auch zu schwierigeren Themen. 'Der Krieg in mir' da geht es um die Weitergabe von Kriegstraumata, also nicht wirklich leichtes Thema, aber es scheint, viele zu interessieren und anzusprechen."

Die sogenannten "Brotfilme" eines Kinos, also die, die viel Publikum bringen, Komödien beispielsweise laufen nicht besser oder schlechter als früher, sagt Anne Kellner. Neben der neuen Lust auf Dokumentarfilme haben Reisefilme seit dem Sommer wieder Konjunktur, beispielsweise "972 Breakdowns". "Das ist wirklich auch so eine Corona-Folge: Wenn ich nicht reisen kann, dann schaut man das wenigstens auf der Leinwand an", ergänzt Kellner.

Buchmarkt zeigt sich unterschiedlich

Nach den Lieferschwierigkeiten von Albert Camus' "Pest" arbeiten die Verlage gerade daran, möglichst schnell Corona-Bücher auf den Markt zu bringen. Mein Buchhändler Manfred Keiper nimmt bei sich und seinen Kundinnen und Kunden eine andere Sehnsucht wahr: "Wir haben mit dieser Pandemie im Moment eine besondere Zeit, weil das bei manchen Leuten zu einer Schockstarre führt und bei vielen eben auch dazu, sich Gedanken um das Leben zu machen. Nicht mehr wie ein Hamster im Laufrad von einem Termin zum nächsten jagen, sondern mal innehalten und nachdenken. Das ist eigentlich eine Chance, die viel zu selten gesehen wird, dass so eine Pandemie auch dazu da ist, bewusster zu leben."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 20.10.2020 | 15:20 Uhr