Stand: 19.03.2017 09:42 Uhr

Haußmanns "Cyrano" rührt an - und langweilt

von Heide Soltau

Mit dem Theater sei erst mal Schluss, hatte Leander Haußmann vor einigen Monaten verkündet. Doch nun hat er doch wieder Regie geführt und am Hamburger Thalia Theater das romantische Versdrama "Cyrano de Bergerac" inszeniert, das am Samstagabend Premiere feierte. Er habe damit ein altes Versprechen eingelöst, so die Erklärung. In Zukunft aber werde er auf jeden Fall etwas anderes machen.

Eine Vorstellung des Theaterstücks Cyrano

Haußmann inszeniert "Cyrano" am Thalia Theater

Hamburg Journal -

Am Samstagabend feierte "Cyrano de Bergerac" Premiere am Hamburger Thalia Theater. Leander Haußmann inszenierte das Versdrama mit wilden Fechtszenen und viel Musik.

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Auftakt mit Heine-Gedicht

Als sich der rote Vorhang öffnet, blicken die Zuschauer auf einen weiteren roten Vorhang, aus dem eine Frau hervortritt und Heinrich Heine rezitiert:

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen Andern erwählt;
Der andere liebt eine andere,
Und hat sich mit dieser vermählt.
Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.
Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu,
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

So stimmt Leander Haußmann das Publikum auf den langen Abend ein. Schluchzend verschwindet die Frau hinter dem Vorhang und das Stück beginnt, wie im Textbuch vorgesehen, als Theater im Theater. 

Haußmanns "Cyrano" am Thalia Theater

Inszenierung mit viel Herzschmerz

Haußmann inszeniert das 1897 in Paris uraufgeführte romantisch-komödiantische Versdrama von Edmond Rostand als "Romeo und Julia für die Generation Middle Age" mit viel Herzschmerz. Der kluge, wortgewandte, tapfere, aber mit einer großen hässlichen Nase geschlagene Cyrano de Bergerac liebt seine schöne Cousine Roxane, aber er mag sich ihr nicht offenbaren. Aus Scham über den Riesenzinken in seinem Gesicht. Doch dann bittet ihn Roxane um ein Treffen und er schöpft Hoffnung, zumal sie ihm gesteht, sich verliebt zu haben und er sich in ihren Beschreibungen wiedererkennt. Doch gemeint ist natürlich ein anderer.

Wie ein verletztes Tier brüllt Jens Harzer als Cyrano seinen Schmerz heraus und lässt sich von der Cousine sogar als Liebesvermittler einspannen. Denn Christian, der Angebetete, weiß noch nichts von seinem Glück. Er hat sie bisher nur von Ferne gesehen und bewundert und fühlt sich sehr geschmeichelt von dem Vorschlag, um sie zu werben. Doch als er hört, dass er einen Brief schreiben soll, bricht er zusammen.

Christian: Ohohoh, schreib ich ihr, werd‘ ich meines Lebens nimmer froh.
Cyrano: Wieso denn?
Christian: Weil ich dumm bin. Weil ich so dumm bin, dass es weh tun müsste.

Warum nicht zu zweit verführen?

Herrlich wie Sebastian Zimmler den Christian als unbedarften Macho spielt. Er will die Frau ohne viel Tamtam und schöne Worte. Das aber würde Roxane nicht gefallen. Und so schmiedet Cyrano einen Plan:

Cyrano: Wie wär’s, wenn wir beide sie zu zweit verführen?
Christian: Du machst mir Angst.
Cyrano: Angst hast du, dass du nicht allein ihr Herz erlangst. Aber sag, warum spannen wir zwei, um sie zu entflammen, nicht deinen Mund und meine Worte dann zusammen?

Ménage à trois im Mantel- und Degen-Look

Leander Haußmann inszeniert diese heimliche ménage à trois wie ein Märchen mit allen Zutaten des Mantel- und Degen-Stücks. Es gibt wunderschöne Fechtszenen, fantastische Kostüme von Janina Brinkmann, mit Stiefeln, wehenden Mänteln, duftigen weißen Blusen und knackig sitzenden Hosen, Roxane im transparenten, weißen Kleid mit Krinoline und die Männer zeigen viel Haut. Auf der Bühne leuchtet ein weißer Mond, der einen kahlen Baum bescheint. Blätter rieseln vom Himmel.

Er wolle verstanden werden, sagt Haußmann. "Und zwar nicht nur inhaltlich, sondern ganz einfach äußerlich vom Plot her, von dem, wie man Figuren betrachtet, dass man mit ihnen Empathie empfinde. Das ist natürlich schwer herzustellen, da ist der Film in größerer Konkurrenz, aber dass man so etwas wie Spannung empfindet. Dass man sich freut an den Szenen, dass man da seinen Spaß hat, das ist eigentlich das, was mich immer wieder interessiert: das reine Storytelling, das reine Erzählen, damit Freude als auch Kummer als auch Aufregung zu erzeugen."

Anrührende Tiefe, aber zu langatmig erzählt

Mehr Freude hätte das Publikum allerdings gehabt, wenn Haußmann mehr gestrichen hätte. Dreieinhalb Stunden für diese Geschichte sind einfach zu lang, man kann sie auch schneller erzählen. Dem Abend fehlt zudem der Rhythmus, so wirken manche Szenen zerdehnt und schlicht unfertig. Besonders am Ende geht Haußmann die Puste aus. Das ist schade, weil dieser "Cyrano de Bergerac" eine anrührende Tiefe hat, was insbesondere Jens Harzer in der Titelrolle, Sebastian Zimmler als Christian und Marina Galic als Roxane zu verdanken ist.

Es ist ein Abend über die Liebe und die verpassten Möglichkeiten. Gerafft und mit mehr Tempo gespielt hätte es auch ein melancholisches Fest für die Sinne sein können.

Haußmanns "Cyrano" rührt an - und langweilt

Leander Haußmann hat am Hamburger Thalia Theater das Versdrama "Cyrano de Bergerac" inszeniert. Das Stück über verpasste Chancen in der Liebe rührt an, hat aber deutliche Längen.

Datum:
Ort:
Thalia Theater
Alstertor 1
20095  Hamburg
Preis:
6,50 bis 74 Euro
Kartenverkauf:
Montag bis Samstag von 10 bis 19 Uhr
Sonn- und Feiertage von 16 bis 18 Uhr
Kartentelefon 040. 32 81 44 44
theaterkasse@thalia-theater.de
Hinweis:
von Edmond Rostand, Regie: Leander Haußmann,
mit Marina Galic, Jens Harzer, Pascal Houdus und weiteren.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 19.03.2017 | 09:25 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/Cyrano-de-Bergerac-am-Thalia-Theater,cyrano110.html

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