Stand: 29.02.2020 15:24 Uhr  - NDR Kultur

Coronavirus: Risikoforscher hält Panik für übertrieben

"Deutschland steht am Beginn einer Coronavirus-Epidemie", wenn das aus dem Mund von Gesundheitsminister Jens Spahn kommt, dann scheint die Lage ernst. Laut Weltgesundheitsorganisation sind mittlerweile mehr neue Corona-Fälle außerhalb Chinas zu verzeichnen als in der Volksrepublik selbst. Rund 40 Länder sind weltweit betroffen. Ein Gespräch mit dem Soziologen und Risikoforscher Ortwin Renn.

Herr Renn, Sie haben vor einem Monat der "FAZ" gesagt, die Angst vor dem Coronavirus sei übertrieben. Möchten Sie diese Aussage heute revidieren?

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Ortwin Renn ist wissenschaftlicher Direktor des Potsdamer Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung.

Ortwin Renn: Die Ansteckungsgefahr ist doch etwas höher, als ich es damals angedacht hatte. Aber die panischen Reaktionen, die wir teilweise in den sozialen Medien sehen, sind tatsächlich übertrieben. Wir haben zwei wesentliche Faktoren bei solchen Epidemien: Wie schnell breitet sich das Virus aus - und wie tödlich ist es? Gerade im zweiten Fall haben wir bislang die gute Nachricht, dass über 99 Prozent derjenigen, die außerhalb Chinas erkrankt sind, diese Krankheit gut überstehen können.

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Renn: Es gibt mehrere Gründe dafür. Der eine Grund ist, dass wir in Deutschland sehr wenige Naturkatastrophen und andere große Risiken haben, die uns bedrohen, zumindestens individuell. Wenn dann so eine Bedrohung kommt, dann hat das einen großen Aufmerksamkeitswert. Der zweite Punkt ist: Es ist etwas total Neues. Beim Grippevirus haben wir ähnliche Erkrankungswellen, aber die kennen wir, das ist uns vertraut. Da wissen wir auch, dass die meisten Menschen überleben - von daher nimmt uns das nicht so mit. Aber der Neuigkeitswert macht es aus. Was auch eine Rolle spielt, ist, dass Epidemien und Pandemien Katastrophen-Assoziationen auslösen. Man erinnert sich an Filme, an die Pest und andere Dinge. Die Ausweglosigkeit der Lage schafft nochmals zusätzliche Angst.

Diese Endzeitfilme faszinieren uns ja auch. Kann man sogar von einer unbewussten "Sehnsucht" nach Katastrophen sprechen?

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Renn: Ja, das kann man. Es ist gar nicht so sehr die Sehnsucht nach der Katastrophe, sondern - und das ist auch bei den Filmen so - irgendwann kommt der Held doch durch und schafft es. Und das schafft dann die Ausschüttung von Glückshormonen, die wir auch kennen, wenn wir andere Gefahrensituationen erfolgreich überwinden. Das hat uns die Evolution so mitgegeben. Damit behalten wir dann auch die Strategie im Gedächtnis - das ist die Funktion, die dahinter steht.

Es gibt heute nur noch wenige Gefahren - und wir möchten diese Gefahren gut bewältigen. Deshalb machen viele von uns Bungee-Jumping, spielen spannende Computerspiele, schauen uns Krimis und Katastrophenfilme an. Wenn nun tatsächlich so etwas wie eine nahe Katastrophe auf uns zukommt, dann wird genau diese Sehnsucht wieder neu ausgelöst - und sie hat dann manchmal missionarische Züge: Alle sind ganz fest davon überzeugt, dass jetzt die Endzeit losgeht. Und wenn sie dann doch überwunden ist, ist das Aufatmen umso größer.

Wann kippt diese Sehnsucht? Wann werden die Glückshormone nicht mehr ausgeschüttet?

Renn: Die Angst sinkt enorm, wenn wir merken, dass Menschen, die wir kennen, trotz eines solchen Virus' heil davongekommen sind. Das können wir empirisch sehr gut belegen. Das andere ist diese Routinisierung: Es gibt gar keinen Platz mehr für Helden. Dann sinkt auch dieses "Katastrophenüberwindungshormon", weil das Ganze institutionalisiert worden ist. Dann wird es auch weniger interessant.

Was würden Sie empfehlen im Umgang mit der Angst vor dem Coronavirus? Wie gehen wir damit um?

Renn: Es ist ganz wichtig, sich selbst zu vergewissern, dass selbst wenn man es bekommt, man gut medizinisch betreut wird. Es ist nicht so, dass wenn man erkrankt ist, das schon das Todesurteil ist. Es ist wichtig, dass man sich von den vor allem in den sozialen Medien verbreiteten Paniknachrichten - bis hin zu Verschwörungstheorien - befreit. Das sind Dinge, die völlig an den Haaren herbeigezogen sind. Die offiziellen Verkündungen der WHO sind die besten Informationen, die man dazu bekommen kann.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Ortwin Renn © imago images / Sabine Gudath

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NDR Kultur - Journal Gespräch -

Das Coronavirus hat Deutschland erreicht. Im Interview warnt der Soziologe und Risikoforscher Ortwin Renn vor Panik und spricht über die Lust an der Bewältigung von Katastrophen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 27.02.2020 | 19:00 Uhr

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