Stand: 21.04.2020 13:47 Uhr

Coronavirus: Kein Theater bis 30. Juni in Hamburg

von Peter Helling

Es war eine deutliche Entscheidung des Hamburger Senats am vergangenen Freitag: Hamburgs Theater bleiben bis 30. Juni geschlossen, das heißt, in der aktuellen Spielzeit wird sich kein Vorhang mehr heben. Ob es im Herbst weitergeht, ist noch offen. Die Reaktionen der Bühnen fallen überraschend einhellig aus. Es stellten sich aber ganz neue Fragen.

Joachim Lux, Intendant des Hamburger Thalia-Theaters. © https://www.thalia-theater.de/de/presse/menschen/leitung/joachim-lux-intendant/ Foto: https://www.thalia-theater.de/de/presse/menschen/leitung/joachim-lux-intendant/
Joachim Lux begrüßt, dass die Theater jetzt Planungssicherheit haben.

Hamburgs Theater scheinen vor allem erleichtert zu sein über die Entscheidung des Senats. Joachim Lux, der Intendant des Thalia Theaters, sagt etwa, ihn hätte die Spielabsage bis 30. Juni "in keiner Weise überrascht". Auch Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard ist froh, dass bis zum 30. Juni kein Spielbetrieb mehr möglich ist, sie alle könnten nun sicherer planen.

Das Deutsche Schauspielhaus und das Ohnsorg Theater sind froh über die Klarheit, bei allem Bedauern über die ausgefallenen Vorstellungen und die damit verbundenen Einnahmeverluste. Die Werkstätten der Theater könnten aber - unter Wahrung der Arbeitsschutzregeln - weiterarbeiten. Es müsse ein großer Rückstand der letzten Wochen nachgeholt werden, sagt etwa Peter Raddatz, der Geschäftsführer des Schauspielhauses. Bühnenbilder würden also weiter gebaut.

Wie lassen sich Theaterproben organisieren?

Entscheidend sei aber, meint Joachim Lux, eine andere Frage: Wie lassen sich bis 30. Juni Proben der Schauspieler und Schauspielerinnen organisieren? Das Ziel sei es, bis zu den Sommerferien viele Stücke fertig zu probieren, um sie zu Beginn der neuen Spielzeit herauszubringen. Joachim Lux sagt, er wolle - auch für die anderen Hamburger Häuser - ein Konzept erarbeiten, wie unter den aktuellen Arbeitsschutzbedingungen geprobt werden könne. Dieses wolle er, in Absprache mit anderen Bühnen, dem Senat in den nächsten Tagen vorschlagen.

Privattheater besonders betroffen

Die Privattheater sind natürlich besonders betroffen von der Situation, weil sie deutlich stärker von Einnahmen aus Kartenverkäufen abhängig sind als staatliche Bühnen. Michael Lang, der Intendant des Ohnsorg-Theaters, ist in großer Sorge, dass der Ausnahmezustand 12 bis 18 Monate anhalte.

Michael Lang, Intendant Ohnsorg-Theater, steht am Spendentag von "Hand in Hand" vor der NDR 90,3 Spendenzentrale. © NDR Foto: Florian Engelmann
Michael Lang arbeitet an einem Konzept, wie man unter Wahrung der Abstandsregelungen Publikum ins Theater lassen kann.

Bis zur Etablierung eines wirksamen Impfstoffes gegen das Coronavirus könne das Theater seinen regulären Betrieb nicht wieder aufnehmen, sagt er. Er rechnet fest mit einer finanziellen Unterstützung durch Bund und Land. "Es kann einfach nicht sein, dass die gesamte Kulturlandschaft Deutschlands, was ja auch ein Alleinstellungsmerkmal des Landes ist, in die Brüche geht. Das kann nicht sein, das darf nicht sein. Dafür muss es Mittel und Wege geben", sagt er kämpferisch. Er und sein Team berechnen derzeit, wie man unter Wahrung der Abstands- und Hygienevorschriften Menschen ins Ohnsorg-Theater setzen kann. Für etwa 90 Menschen sei im großen Saal Platz, insofern jede zweite Reihe leer und zwischen den Menschen in einer Reihe genügend Platz bleibe.

Schauspieler mit Masken? Kaum vorstellbar

Für alle Theaterleiter stellt sich die große Frage, wie es nach der Sommerpause weitergeht. Amelie Deuflhard hält derzeit sogar am Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel im August fest. Nur: Was macht Corona mit den Stücken selbst? Müssen Schauspieler und Schauspielerinnen mit Masken spielen? Joachim Lux spricht mit den verschiedenen Regieteams, es könne da natürlich unterschiedliche Spielweisen geben.

Ein Soloabend habe es da natürlich leichter, die Abstandsregeln einzuhalten. Aber ein Ensemblestück, in dem Schauspieler und Schauspielerinnen ohne Körperkontakt arbeiten, könne man sich kaum vorstellen. Auch für die Spielpläne der kommenden Theatersaison haben die neuen Entscheidungen Folgen. Amelie Deuflhard baut derzeit ihre nächste Spielzeit so um, dass bis Weihnachten keine Interkontinentalflüge nötig sind. Die Kulturfabrik Kampnagel lebt ja von Gastspielen aus aller Welt, es gelten aber die internationalen Reisebeschränkungen. Bis Jahresende sollten daher eher lokale Künstlerinnen und Künstler auftreten.

Die Wiedereröffnung der Theater: Zu wenig thematisiert

Schauspielhaus-Geschäftsführer Peter Raddatz am 11.11.2013 © dpa-Bildfunk Foto: Marcus Brandt
Peter Raddatz möchte Theater für alle machen und fordert noch etwas Geduld.

Einige Intendanten und Intendantinnen bemängeln, dass zwar lebhaft - und berechtigterweise - über die Wiedereröffnung der Gotteshäuser, der Schulen, vor allem der Läden und Betriebe diskutiert werde, aber kaum über die Wiedereröffnung der Theater. Amelie Deuflhard hält Kunst für gesellschaftlich relevant. "Deshalb müssen wir auch ein bisschen aufpassen, dass wir da nicht abgehängt werden und als Letzte dran sind."

Peter Raddatz vom Schauspielhaus sagt deutlich, was er für den Fall einer Wiedereröffnung im Herbst nicht möchte, eine Separierung von Risikogruppen zum Beispiel. "Das Schlimmste, was passieren kann, dass man es nur halb macht. Dadurch, dass man es nur halb macht, gefährdet man letztendlich das Gesamte, und das wäre fatal." Nach dem Motto: Lieber noch etwas Geduld haben, dann aber richtig durchstarten, Theater für alle machen.

Trotz aller "Wenns und Abers" setzen Hamburgs Theaterleiter jetzt voller Optimismus auf einen gemeinsamen Neustart im Herbst. Der Hunger nach Kultur, nach Austausch wachse. "Die Menschen spüren, was ihnen fehlt. Dass das Leben nicht aus 'Cocooning' bestehen kann, das erlebt jetzt gerade mal jeder", ist sich Joachim Lux sicher.

Theater in Zeiten von Corona
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Klassisch in den Tag | 21.04.2020 | 19:05 Uhr