Stand: 09.04.2020 13:16 Uhr  - NDR Kultur

Coronavirus: Chance zum Innehalten

Das Coronavirus versetzt die Welt in einen Ausnahmezustand. Ohne Vorwarnung wurden wir aus unserer Geschäftigkeit herausgerissen. Und jetzt? Hier tut sich ein spannendes Forschungsfeld auf - besonders für den Soziologen Hartmut Rosa, der seit Jahren das Phänomen der sozialen Beschleunigung untersucht.

Herr Rosa, für Sie als Soziologen, besonders mit ihrem Forschungsschwerpunkt, ist die derzeitige Situation wahrscheinlich so etwas wie ein Sechser im Lotto. Was reizt Sie an der aktuellen Situation besonders?

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Hartmut Rosa lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und leitet das Max-Weber-Kolleg in Erfurt.

Hartmut Rosa: Ich finde die Situation tatsächlich außerordentlich spannend, so düster sie in manchen Hinsichten auch ist. Es handelt sich wirklich um einen globalen und einzigartigen Stillstand. Natürlich steht nicht alles still. Aber wenn man sich zum Beispiel Verkehrsströme anschaut, viele Produktionsleistungen, aber auch den ganzen Kultur und Sportbetrieb - da haben wir es mit einem gewaltigen Stillstand, mit einer Entschleunigung zu tun, die wir uns nicht hätten vorstellen können. Ich finde es interessant, sich zu überlegen, was da gerade mit uns passiert. Was macht das Virus mit uns? Und da würde ich sagen: Erstens hat nicht das Virus die Flugzeuge vom Himmel geholt, sondern wir haben es politisch getan. Und zweitens geht es auch um die Grenze zwischen dem Verfügbaren und dem Unverfügbaren. Das Virus ist etwas, was für uns monströs unverfügbar ist.

Was bedeutet dieser Schnitt für uns? Der kam doch sehr plötzlich.

Rosa: Er kam sehr plötzlich und hat uns im Kleinen überrascht: in vielen Familien, an den Arbeitsstellen. Und natürlich auch im Großen: in der Politik, in der Wirtschaft, in den gesellschaftlichen Kontexten. Man muss sehen, dass nicht alle das plötzlich als Phase der Langsamkeit oder des Stillstandes erleben wollen. In vielen Bereichen ist es jetzt richtig hektisch geworden: in Krisenzentren, in der Pflege und auch in der digitalen Welt, die weiterrast. Und wir flüchten uns jetzt in diese digitalen Welten. Aber trotdem haben wir eine neue Situation, die uns aus den Routinen, die wir normalerweise haben, herausbringt, manchmal auch zum Stillstand zwingt, und uns gemeinsam im Kleinen wie im Großen überlegen lässt, wie wir darauf reagieren können. Das Wichtige ist, dass es dafür keine Routinen, keine institutionellen Programme und manchmal noch nicht einmal zuständige Behörden gibt. Das ist eine Herausforderung, die uns aus den bisher eingetretenen Pfaden herausholt. Die Frage ist, ob wir uns etwas Neues einfallen lassen oder ob wir so schnell wie möglich wieder in die alten Pfade zurückkehren.

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Rosa: Viele finden heraus, dass es nicht unbedingt so schön ist, wie man es sich hätte vorstellen können. Die Kommunion ist abgesagt, die Reise ist gestrichen, das Fußballspiel fällt aus, die Konferenzreise fällt aus - da entstehen jetzt freie Zeitressourcen. Wir hätten vermutlich gedacht: Wenn so etwas passiert, wäre es super - da weiß ich genau, was ich tun will. Jetzt stellen wir aber fest, dass das doch nicht so schön ist, und das hat verschiedene Gründe. Ein Grund ist, dass wir in unterschiedlichem Maße von Ängsten geplagt sind: Einerseits ist das Virus bedrohlich, andererseits kämpfen viele um ihre ökonomische Existenz. Wir stellen auch fest, dass soziale Beziehungen durchaus problematisch werden, sie entspannten sich nicht einfach. Das gilt aber auch für die Dinge, von denen wir immer dachten, dass wir sie mal tun wollten: Klavierspielen, Tolstoi lesen oder Wagner hören. Und jetzt stellen wir fest, dass das nicht so leicht geht. Dieses auf sich selbst geworfene Sein, auch im sozialen Nahbereich, bringt alle möglichen Probleme mit sich - von ökonomischen und politischen Problemen ganz zu schweigen.

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Rosa: Im Moment ist das Wichtigste, dass man diese Irritation zulässt. Das Virus hat uns in vielerlei Hinsicht zum Aufhören gezwungen - und wir können nicht mehr unsere Routinen fortsetzen, sondern wir müssen jetzt mal innehalten. Das Wort "aufhören" ist ganz schön, weil es bedeutet, dass ich meinen emsigen Hamsterradbetrieb beende und auf eine neue Situation höre, in der ich noch nicht weiß, was zu tun ist. Ich empfehle, nicht sofort wieder ein Programm zur Optimierung abzuleiten - ich muss jetzt kreativ werden, ich muss jetzt Achtsamkeit trainieren - sondern innezuhalten und neu zu suchen. Solche Situationen, im Kleinen wie im Großen, bergen die Chance für Kreativität, die Philosophin Hannah Arendt "Natalität" nennt, und etwas Neues zu beginnen. Deshalb würde ich uns gar nicht unter Druck setzen. Dieses Innehalten und diese andere Erfahrung von Weltbeziehung, dass unser räumlicher und zeitlicher Horizont im Moment massiv eingeschränkt ist, das ändert die Art unseres Dasein. Und dabei kann man durchaus neue Erfahrungen machen und vielleicht neue Dinge entdecken.

Wie wird sich die Gesellschaft nach dieser Krise verändern?

Rosa: Ich denke schon, dass es Veränderungen geben wird. Die wichtigste ist, dass die Nationalstaaten vielleicht die großen Gewinner sein werden - aber damit auch politisches Handeln, dass wir eben doch politisch handeln können. Eigentlich dachten wir immer, dass sich gegen diese großen Räder der Beschleunigung, der Innovation, des Wachstums gar nichts ausrichten lässt. Wir haben uns sehr ohnmächtig gefühlt, auch angesichts der Klimakrisen-Diskussionen, die wir seit 50 Jahren führen. Alle Konferenzen, alle politischen Tagungen und sogar Beschlüsse haben gar nichts bewirkt. Und jetzt stellen wir plötzlich fest, dass man doch politisch handeln kann. Ich hoffe, dass diese Erkenntnis Konsequenzen haben wird - vielleicht auch für die Art, wie wir das Gesundheitssystem organisieren wollen. Ich bin großer Hoffnung, dass wir nicht einfach in die alten Pfade zurückkehren, sondern dass wir das als Chance betrachten, neue Antworten zu finden. Zum Beispiel könnte man über einen globalen Schuldenschnitt oder über die riesigen Vermögensungleichheiten nachdenken, die momentan weltweit herrschen. Wir stellen plötzlich fest: Da kann man etwas machen. Man kann auch in der ökologischen Frage etwas machen. Und diese Chance sollten wir nutzen.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Hartmut Rosa © picture alliance/Juergen Bauer/Universität jena/dpa

Coronavirus: "Diese Chance sollten wir nutzen"

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.04.2020 | 19:00 Uhr

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