Eine Discokugel wird von rote Licht angestrahlt. © picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/ZB Foto: Jens Büttner

Zwischen Skepsis und Hoffnung: Stimmen zur Schließung der Clubs

Stand: 03.11.2020 11:35 Uhr

Die Kultur wird wieder heruntergefahren. Das trifft auch die Clubs hart - denn die sind teilweise seit Monaten zu, teilweise haben sie einen sehr reduzierten Betrieb. Susanne Birkner fasst einige Reaktionen zusammen.

von Susanne Birkner

"Wir haben alles gemacht. Jetzt bringen wir wieder dieses Sonderopfer und machen zu. Ob das jetzt richtig oder falsch ist, kann im Moment niemand beurteilen. Es fühlt sich aber nicht richtig an", erklärt Rainer Lemmer. Er ist Geschäftsführer von Helgas Stadtpalast in Rostock und der Vorsitzende des Landesverbandes für Clubs und Live-Spielstätten in Mecklenburg-Vorpommern. Der wurde im April gegründet, als Reaktion auf das erste Herunterfahren der Kultur. Drei Clubs in Mecklenburg-Vorpommern sind schon dicht. Dieses erneute Herunterfahren trifft die Szene hart.

Schließung der Clubs sei "eine Katastrophe"

"Rational betrachtet bedeutet es, dass wir immer noch nicht aufmachen und für jeden einzelnen immer mehr Perspektive schwindet. Emotional betrachtet ist es natürlich doppelt bitter, weil wir vorbereitet waren, wir haben alles Pandemie-gerecht umgebaut, wir haben die Auflagen erfüllt, wir haben gebucht, dass wir wenigstens Alternativkonzepte umsetzen können, die dann abseits vom Tanzen im Sitzen stattfinden können. Bands, DJs, Techniker, alles war für die nächsten Monate gebucht. Jetzt stehen wir wieder da, wo wir schon mal standen. Das ist natürlich eine Katastrophe für uns", so Lemmer.

Corona-Lockdown in der Hochsaison finanzielles Desaster

Clubbetreiber Sebastian Glanz steht hinter dem Tresen in der Lounge der geschlossenen Diskothek Zenit. © picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/ZB Foto: Jens Büttner
Auch der Club Zenit in Schwerin wollte wieder Veranstaltungen durchführen. Nun muss Betreiber Sebastian Glanz alles absagen.

Jetzt gerade ist die Zeit, in der die Clubs Geld verdienen würden. Herbst und Winter sind Hochsaison. Ab März feiern die Menschen wieder draußen. Dass die Clubs seit Monaten nicht aufmachen dürfen, sieht Rainer Lemmer kritisch: "Wir werden nachhaltig dadurch geschädigt, wenn es jetzt heißt, die bleiben zu, die sind schuld. Das Publikumsverhalten, das sich sowieso schon geändert hat, das wird sich weiterhin ändern. Die Leute werden skeptischer."

Hamburg: Rettungsschirm sichert Überleben

"Wir sehen auch die Gefahr, dass jetzt das soziale Leben wieder vermehrt in privaten Räumen stattfindet", befürchtet Thore Debor vom Clubkombinat Hamburg. Dem Verband Hamburger Clubbetreiber ist aber sehr bewusst: "Zurzeit sind wir in Hamburg trotz Krisenmodus auf der Insel der Glückseligen, weil wir einen Senat haben, der die Förderfähigkeit von Musikclubs sieht. Seit April hat der Senat einen Clubrettungsschirm gespannt, in den rund 50 Clubs fallen, die sind erst mal abgesichert."

Fast täglich gab es in Hamburg schon wieder Konzerte, damit ist erst mal Schluss. Das Béi Chéz Heinz in Hannover hatte man angesichts steigender Zahlen gar nicht erst Konzerte für November eingeplant, sagt Geschäftsführer Jürgen Grambeck. "Wir wollten im Dezember vorsichtig einsteigen mit Veranstaltungen mit Hygienekonzept indoor. Von daher trifft uns das gar nicht so ganz brutal hart."

Skepsis über Auszahlung versprochener Corona-Hilfen

Die Bundesregierung hat in Aussicht gestellt, dass Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen in den kommenden vier Wochen 70 bis 75 Prozent dessen bekommen, was sie im November 2019 verdient haben. Unbürokratisch und zeitnah, so das Versprechen. Das wäre doch für die seit Monaten kämpfenden Clubs ein Geldsegen, oder? "Wir haben monatlich durchschnittlich zwischen 30.000 bis 60.000 Euro. Gehen wir mal von 40.000 aus, dann bekämen wir 30.000 Euro. Das ist sehr viel Geld, da wir im Moment um die 4.000 Euro im Monat bekommen", findet Grambeck, äußert sich aber noch zurückhaltend: "Aber ich würde das alles unter Vorbehalt stellen, wir kennen noch nicht die Ausgestaltung dieser Regeln." Auch Thore Debor ist skeptisch: "Uns wurden in dieser Pandemie schon viele Gelder in Aussicht gestellt, aber am Ende kommt es auf die Details an."

Grundsätzlich aber steht für alle die Gesundheit im Vordergrund, insofern gibt es keine große Kritik an den Maßnahmen der Regierung: "Wenn es zum Erfolg führt, dann halte ich es für richtig - aber das muss die Grundbedingung sein", findet Debor. Allerdings macht die große Unsicherheit die Clubbetreiber wie Jürgen Grambeck allmählich mürbe: "Wenn dieser Lockdown nicht zum erhofften Ziel führt, was soll denn dann noch passieren, frage ich mich?"

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NDR Info | Kultur | 30.10.2020 | 08:53 Uhr