Stand: 08.07.2020 19:08 Uhr  - NDR Kultur

Corona und die Buchbranche: "Wir haben uns aufgerappelt"

Die Corona-Krise wirkt sich verheerend auf die Wirtschaft aus. Auch das Buch ist ein wirtschaftliches Gut. Verlage und Buchhandlungen sind Wirtschaftsunternehmen, die - auch in der Corona-Krise - auf einem Markt zu bestehen haben. Genau darüber hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nun in Frankfurt aufgeklärt: "Das Buch in Zeiten von Corona - Perspektiven für den Markt". Ein Gespräch mit dem Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins Alexander Skipis.

Herr Skipis, betrachtet man die nackten Zahlen, ist die Buchbranche im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen bislang verhältnismäßig glimpflich durch die Krise gekommen. Oder täuscht der Eindruck?

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"Wir merken, wie tief das Buch in der Gesellschaft verankert ist", sagt Alexander Skipis.

Alexander Skipis: Ja, auf den ersten den Blick schon. In der Tat gab es während der Schließungszeit einen Umsatzrückgang des reinen Sortimentes von rund 66 Prozent und bei allen Vertriebswegen ein Minus von 46 Prozent. In unserer Branche sind die Umsatzrenditen extrem gering, etwa 0,5 bis zwei Prozent - der Durchschnitt im Mittelstand beträgt sieben bis acht Prozent. Die finanziellen Polster vor allen Dingen unserer Buchhandlungen, aber auch der Verlage, sind also fast nicht vorhanden. Bei einem Umsatzrückgang von 66 Prozent stellt sich sofort die Frage: Wie zahle ich meine nächste Miete? Insofern war und ist es bei uns in der Buchbranche dramatisch.

Das war aber verhältnismäßig vorübergehend, vom 23. März bis 19. April. Danach ging es sehr schnell wieder aufwärts, und man nähert sich langsam wieder Zahlen, die an das Überleben denken lassen, oder?

Skipis: Ja, das stimmt, wir haben uns aufgerappelt. Wenn wir uns alle Vertriebswege anschauen, sind wir für den Teil des Jahres mit einem Minus von 14,9 Prozent aus der Krise herausgekommen und sind mit den neuesten Zahlen von Juni bei minus 8,3 Prozent. Das stimmt uns verhalten optimistisch.

Da wären andere Branchen wahrscheinlich neidisch: Die Gastronomie beispielsweise oder das produzierende Gewerbe, die angesichts solcher Zahlen doch jubeln würden, oder?

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Skipis: Das will ich gar nicht verhehlen. Gerade die Gastronomie oder Unternehmen, die permanent schließen, haben kaum die Möglichkeit, auf anderem Wege Produkte zu verkaufen, so wie wir das gemacht haben. Wenn die Buchhandlungen komplett geschlossen hatten und wir minus 66 Prozent Umsatz hatten, dann heißt es, dass 34 Prozent durch Versandhandel, durch Fahrradkuriere etc. ausgeliefert wurden. Insofern ist das im Vergleich schon so, dass wir uns glücklich schätzen können.

Für wie nachhaltig halten Sie diese neue Liebesbeziehung? Denn viele Menschen haben plötzlich den Buchhandel vor Ort wieder für sich entdeckt. Umgekehrt haben auch die Buchhändlerinnen und Buchhändler sehr viel Fantasie entwickelt, um neue Kundschaften zu erschließen. Wird davon etwas übrig bleiben?

Skipis: In dieser Not sind die Menschen mit den Buchhandlungen zusammengeschweißt worden. Und unsere Branche hat in der Tat mit enormer Kreativität Wege aus dieser Krise gesucht und zum Teil auch gefunden. Ich glaube schon, dass wir diesen Schwung und Schub, den wir aus dieser Krise haben, auch aufrechterhalten können, weil wir merken, dass die Menschen bei uns sind. Wir merken, wie tief das Buch in der Gesellschaft verankert ist. Das macht natürlich einen enormen Spaß. Wir wollen diese Inhalte von Büchern zu den Menschen bringen, weil wir glauben, dass sie damit einen wichtigen Beitrag für das Gelingen einer freien Gesellschaft leisten. Insofern denke ich, dass wir diesen Schub aufrechterhalten werden.

Beim Kinder- und Jugendbuch gab es ein Umsatzplus - wie ist das zu erklären?

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Skipis: Ich glaube, dass das Kinder- und Jugendbuch etwas ist, was Kindern Halt geben kann. Sie können diese Reisen in fremde Welten machen, und es ist auch ein großer Teil Bildung. Und im Kontext mit den Eltern, die das sehr schätzen, ist das der Grund, warum das Kinder- und Jugendbuch so eine enorme Entwicklung nimmt.

Es ist aber leider nicht alles schönzureden. Denn insbesondere die Autorinnen und Autoren leiden massiv unter dieser Krise. Die Vorsteherin des Börsenvereins hat sogar von einem Alarmsignal gesprochen. Wie schlimm ist die Situation für diese Menschen?

Skipis: Ja, das ist in der Tat ein Alarmsignal, weil die Verlage wegen ihrer mangelnden wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Projekte, bestimmte Bücher verschieben oder gar aufgeben mussten. Das ist eine sehr missliche Situation, vor allen Dingen für die Autorinnen und Autoren. Aber da wir in sehr erfolgversprechenden Gesprächen mit der Kulturstaatsministerin Monika Grütters sind, denke ich, dass wir etwas dafür tun können, dass wir Verlage mit zusätzlichen Finanzmitteln ausstatten, damit Projekte nicht liegen bleiben.

Aber es ist auch ein kulturpolitisches Argument, denn es ist enorm wichtig, dass gerade die Bücher gemacht werden, die vielleicht nicht Bestseller-Potential haben, aber doch etwas so Besonderes und Wertvolles sind, dass sie unsere Gesellschaft bereichern. Ich hoffe, dass wir in diesem Gespräch mit der Kulturstaatsministerin erfolgreich sein werden.

Angenommen, die Frankfurter Buchmesse würde genauso ausfallen müssen wie die Leipziger Buchmesse - wie lange hält die Branche diese Drucksituation aus?

Skipis: Die Frankfurter Buchmesse wird nicht komplett ausfallen, weil wir ein großes digitales Angebot haben werden. Die Buchmessen haben eine enorm wichtige Funktion am Markt: Sie sind Schaufenster dessen, was die Branche weltweit auf die Beine stellt. Diese Sichtbarkeit braucht das Buch, und deswegen sind Messen so wichtig. Aber genauso wichtig sind Erörterungen zu Büchern in den Medien. Und da verzeichnen wir, insbesondere bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunksendern, ein Zurückgehen der Behandlung des Themas Buch. Ich würde mir wünschen, dass das wieder den gebührenden Stellenwert in den Programmen bekommt.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Alexander Skipis © picture alliance/Hendrik Schmidt/zb/dpa Foto: Hendrik Schmidt

Corona und die Buchbranche: "Wir haben uns aufgerappelt"

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Die Buchbranche ist verhältnismäßig glimpflich durch die Coronakrise gekommen. Ein Gespräch mit dem Hauptgeschäftsführer des Börsenverein des Deutschen Buchhandels Alexander Skipis.

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