Björn Thümler © picture alliance/dpa Foto: picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte

Corona und 2G-Plus: Lässt sich Kultur überhaupt noch genießen?

Stand: 10.01.2022 17:32 Uhr

Wie lässt sich Kultur genießen, wenn wir uns im Theater, beim Ballett oder im Museum nur noch mit FFP2-Maske begegnen dürfen? Ein Gespräch mit dem Niedersächsischen Minister für Wissenschaft und Kultur, Björn Thümler.

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Herr Thümler, Theater, Musikhäuser, Museen bleiben offen - das war Bund und Ländern wichtig. Kulturstaatsministerin Claudia Roth betonte das auch nach den jüngsten Beschlüssen: keine Verschärfungen für die Kulturlandschaft. Brauchen wir uns um die Kultur also nicht weiter zu sorgen?

Björn Thümler: So würde ich das nicht sehen. Natürlich ist das vom Genuss weit entfernt - aber es ist möglich, und das ist das Entscheidende. Wir haben während des Lockdowns gemerkt, dass vielen Menschen etwas fehlt, dass sie diesen Genuss, die Möglichkeiten nicht hatten, sich mal abzulenken und etwas anderes in dieser schwierigen und manchmal auch etwas diffusen Situation erlebt zu haben. Deswegen bin ich ganz froh, dass Kultur weiter stattfinden kann, auch bei erheblichen Einschränkungen.

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Das Theater Lüneburg stellt den Betrieb freiwillig bis April ein. Intendant Hajo Fouquet sagte, dieser Schritt sei nötig, "um auch wirtschaftlich überlebensfähig zu bleiben". Was sollen Kultureinrichtungen entscheiden? Sollen sie offen bleiben, dafür aber nicht rentabel, oder zumachen und keine Förderung mehr bekommen? Was wäre ihr Ratschlag?

Thümler: Das muss jeder Träger für sich entscheiden und für die Situation vor Ort. Das, was wir tun können, ist, mit weiteren Unterstützungen zu arbeiten. Das tun wir in den eigenen und auch in den anderen Einrichtungen. Ansonsten ist das eine sehr breite Palette.

Also sehen Sie das Land Niedersachsen in so einem konkreten Fall nicht unbedingt in der Pflicht?

Thümler: Nö. Wir sind, was die Entscheidung speziell in Lüneburg angeht, im Vorfeld auch nicht eingebunden gewesen. Das ist die Entscheidung des Trägers vor Ort, die er dort für sich, sein Theater, seine Beschäftigten und für das Publikum getroffen hat. Die Staatstheater Niedersachsen fahren da eine andere Linie. Deswegen finde ich, muss es in der breiten Palette der Möglichkeiten hier auch zu einer unterschiedlichen Vorgehensweise kommen.

Womöglich liegt es auch gar nicht am Geld. Es gibt ja Förderhilfen, die auch sehr gut greifen. Womöglich müsste man aber über die Bedingungen vor Ort nachdenken, über dieses "Erlebnis Kultur". Gibt es da vielleicht noch anderen Spielraum, dass man zum Beispiel am Platz die Maske abnehmen darf, um so eine gewisse Freiheit oder gewissen Genuss zu ermöglichen?

Thümler: Das ist gerade das Problem bei der Omikron-Variante und den Erkenntnissen, die wir aus der Wissenschaft haben: Das Max-Planck-Institut, das im Besonderen für die Aerosol-Forschung zuständig sind, sagt ausdrücklich, dass das Tragen von Masken das ist, was bei Omikron am besten schützt, sowohl den Träger als auch das Gegenüber. Dementsprechend würde ich immer dazu raten, dass man bei den Vorstellungen und auch davor und danach die Maske trägt, dass man Vorstellungen etwas kürzt, weil das längere Tragen der Masken - der FFP2-Masken insbesondere - nicht so gesundheitsförderlich ist. Man muss sich anpassen, aber ich würde nie dazu raten, die Maske nicht zu tragen.

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Wo sehen Sie die größten Hausforderungen im Kulturbereich langfristig gesehen?

Thümler: Die größten Herausforderungen bleiben im Standing der Kultur. Kultur ist ja nach wie vor sehr divers. Es gibt die großen Einrichtungen, die per se keine Probleme haben, auf sich aufmerksam zu machen - aber es gibt auch sehr viele kleine Einrichtungen, die schon ein Problem haben, auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Da geht es um Beratung, um Förderung, um das Anerkennen, und die versuchen wir jetzt auch mitzunehmen. Wir sind dabei, ein Kulturfördergesetz demnächst im Landtag zu beraten und die Grundpfeiler für Kulturförderung festzulegen. Und dann müssen wir das auch systematisiert bündeln. Das heißt, Kultur eine Stimme geben über ein Gremium, wo viele unterschiedliche Sparten vertreten sind, damit sie gesehen beziehungsweise gehört werden.

Für Solo-Selbständige ist es besonders schwierig, die laufenden Kosten zu decken. Es gibt Corona-Sonderprogramme, die gut funktionieren - sie fördern aber fast ausschließlich innovative, neue Projekte. Was raten Sie Künstler*innen, woher sollen sie Geld für Miete, Proberäume, Instandhaltung und so weiter bekommen, gerade jetzt, wo sich diese Omikron-Variante weiter ausbreitet?

Thümler: Das ist nach wie vor das große Problem, dass es nur über die Wirtschaftsförderhilfen des Bundes geht oder über die sonstigen Hilfen, die der Bund zur Verfügung gestellt hat, weil wir selbst keine Solo-Selbständigen fördern dürfen. Wir dürfen nicht den Unterhalt fördern, sondern wir dürften eine "Arbeit" fördern, also eine Dienstleistung, die ein Solo-Selbstständiger erbringt. Daran werden wir in Zukunft arbeiten müssen. Wir sind auch im Gespräch mit den Kulturministerinnen und -ministern der Länder, dass wir über die Künstlersozialkasse eine andere Regelung für die Zukunft brauchen. Also ein wirkliches Sozialversicherungssystem für Künstlerinnen und Künstler, in das sie einzahlen und aus dem sie auch etwas herausbekommen können, auf dass sie auch Anspruch haben, vergleichbar mit der derzeitigen Arbeitslosenversicherung oder ähnlichen Sozialversicherungssystemen in anderen Bereichen. Das fehlt für Künstlerinnen und Künstler, und das ist der Hauptpunkt, über den wir uns nach der Corona-Pandemie nicht nur Gedanken machen müssen, sondern den wir auch schnell umsetzen müssen.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.01.2022 | 18:00 Uhr

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