Franziska Augstein und Markus Gabriel © picture alliance Foto: Breuel Bild, Geisler Fotopress/Christoph Hardt

Corona: Zwischen Beklemmung und Vernunft

Stand: 19.03.2020 20:40 Uhr

Wie viel Zwang kann man der Bevölkerung in Pandemie-Zeiten zumuten, wie viel gesunden Menschenverstand zutrauen? Fragen an die Publizistin und Journalistin Franziska Augstein und an den Philosophen Markus Gabriel.

Frau Augstein, Sie leben und arbeiten in München bei der "Süddeutschen Zeitung" und sind heute nach Berlin gereist. Hatten Sie Sorge, ob Sie es überhaupt bis in die Hauptstadt schaffen?

Franziska Augstein © picture-alliance Foto: Breuel Bild
Franziska Augstein hält die Beschränkungen des öffentlichen Lebens für überflüssig.

Franziska Augstein: Schon. Die Beschränkungen des öffentlichen Lebens halte ich für überflüssig. Wenn es schlimmer kommt, etwa mit einer Ausgangssperre, werden da rechtliche Maßnahmen ergriffen, bei denen ich besorgt bin, ob sie später wieder rückgängig gemacht werden.

Herr Gabriel, Sie leben in Bonn - auch eine Corona-Hochburg. Wie stehen Sie zu den drohenden Maßnahmen?

Markus Gabriel: Die Frage ist, warum für diesen besonderen Fall - für den ich Gründe sehe - diese Maßnahmen ergriffen werden, und für gleichwertige oder sogar noch schlimmere Fälle nicht, Stichwort: Klimakrise oder Migration. Warum werden die Staatsbürger reguliert angesichts eines durchaus gefährlichen Virus - nicht aber angesichts sehr viel gefährlicherer Verhaltensweisen? Wenn man also das Gesamtpaket der moralischen Probleme der Gegenwart sieht, ist diese Entscheidung unverhältnismäßig.

Aber trotzdem nicht auch notwendig?

Augstein: Es gab im Winter 2017/2018 in der Bundesrepublik Deutschland 1.674 registrierte Tote, die wegen Grippe gestorben sind. Das waren aber nur die gemeldeten Toten - geschätzt waren es bis zu 25.000 Tote. Das Gleiche gilt für das Jahr 2018/2019. Wir haben von 2019 auf 2020 mittlerweile 265 Menschen, die an Grippe gestorben sind. Das ist dieselbe Kategorie von Menschen, für die das Coronavirus gefährlich ist: Das sind Menschen, die alt sind, die sowieso krank sind. Bei der Grippe haben wir uns daran gewöhnt, dass sie hunderte, tausende dahinrafft - und beim Corona gibt es einen ganz großen Aufstand. Warum?

Markus Gabriel © picture-alliance Foto: Geisler-Fotopress/Christoph Hardt
"Warum bekommt das Coronavirus diese Aufmerksamkeit - nicht aber andere Probleme", fragt Markus Gabriel.

Gabriel: Genau. Das ist eine Frage, die man stellen muss. Wenn eine Regierung und eine Öffentlichkeit darüber informiert sind, dass ein statistisch messbares hohes pandemisches Risiko besteht, ist es völlig richtig, dass wir alle Maßnahmen ergreifen, um dieses Risiko einzudämmen. Sofern die Maßnahmen noch im Bereich des demokratischen Rechtsstaats liegen. Die Frage ist, ob wir das gerade tun, oder ob wir nicht China nachahmen - was ein sehr großes Problem wäre. Denn China ist kein demokratischer Rechtsstaat, sondern eine Diktatur.

Die andere Frage ist: Warum bekommt das Coronavirus diese Aufmerksamkeit - nicht aber andere Probleme? Zum Beispiel 250.000 Kinder, die weltweit durch den Rotavirus sterben. Keiner kommt auf die Idee, dass wir Impfstoffe nach Afrika geben sollten, damit dort Kinder nicht an Durchfall sterben. Das wird nie diskutiert und irritiert uns nicht. Das Coronavirus irritiert uns aber - und das ist eine Frage, die beantwortet werden muss.

Augstein: Könnte es sein, dass das Coronavirus von den Medien hochgeschrieben wurde?

Gabriel: Das ist eine komplexe und später medientheoretisch, soziologisch und politikwissenschaftlich zu beantwortende Frage, welche Art von Berichterstattung - angefangen in China - dazu beigetragen hat, dass wir jetzt eine Corona-Aufmerksamkeit haben, und bei anderen Dingen nicht. Das ist wahrscheinlich eine Kombination von extrem vielen komplexen Faktoren, die dazu geführt hat.

Die niederländische Regierung hält es mit der Theorie der Gruppenimmunität: Die Risikogruppe wird isoliert, während der widerstandsfähige Teil der Bevölkerung sich umfassend anstecken soll, um dann eine Art Schutzmauer für die Alten und Schwachen zu bilden. So solle die Ausbreitung des Virus verlangsamt und gleichzeitig eine Gruppenimmunität aufgebaut werden. Wäre das für Sie eine denkbare Alternative, Frau Augstein?

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Augstein: Ja, auf jeden Fall. Es gibt im Moment tausende Unternehmen und einzelne Beschäftigte, die nicht wissen, wie sie die Miete zahlen sollen, weil sie Freischaffende oder Kleinunternehmer sind und auf einmal keine Aufträge mehr bekommen. Dafür stellen die Länderregierungen Millionen für die Menschen zur Verfügung, die jetzt ökonomisch leiden. Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein in Anbetracht dessen, dass das gesamte öffentliche Leben brachliegt.

Stattdessen sollte jede einzelne Gemeinde Leute einstellen, die für die Älteren und Kranken sorgen, zum Beispiel um Einkäufe zu erledigen. Das wäre die Lösung. Im Übrigen sollte diesen Menschen erklärt werden, möglichst zu Hause zu bleiben, um nicht den Viren ausgesetzt zu sein.

Gabriel: Das niederländische Modell ist sicherlich ein extrem sinnvolles Modell, das mit besserem Augenmaß formuliert ist als das, was wir jetzt erleben. Das durchgängige Zerstören der gesamten Öffentlichkeit mit dem Hinweis auf Kriegsmetaphern, wie es in Frankreich, England oder in den USA passiert, ist ein gefährliches Aussetzen unserer Verfassung. Wir haben theoretisch eine Situation, in der der Ausnahmezustand ausgerufen wird. Wir erlauben uns also, die Prinzipien unserer Verfassung - dazu gehören die Menschenrechte - für einen Moment auszusetzen. Das ist die drastischste Maßnahme, und niemand hat bis jetzt Gründe dafür gegeben - außer den Hinweis auf einige medizinische Studien - dass das die am besten geeignete Maßnahme ist. Und die Gründe, die uns gegeben wurden, beruhen alle ausschließlich auf virologischen Modellen, die in Computersimulationen durchgeführt wurden, nicht aber auf Modellen, die andere Faktoren in Rechnung stellen - zum Beispiel Ökonomie, moralisches Handeln Einzelner und so weiter. Wir haben also jetzt faktisch, um es mit einem Wort eines amerikanischen Freundes von mir zu formulieren, ein "wissenschaftsgläubiges Nordkorea" installiert.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.03.2020 | 19:00 Uhr

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