Christian Höppner © imago

Corona: Wie reagiert die Kultur auf die vierte Welle?

Stand: 09.11.2021 17:19 Uhr

Die Corona-Zahlen steigen wieder. Wie gehen die Kultuschaffenden mit dieser Situation um? Ein Interview mit Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrats.

Herr Höppner, wie reagiert die Kultur auf die vierte Welle?

Christian Höppner: Genauso entsetzt wie wir alle, dass das wieder so ein Ausmaß angenommen hat. Und vor allen Dingen in der Sorge, dass wir in alte Bewältigungsmechanismen zurückfallen. Dazu besteht überhaupt kein Anlass, sondern wir müssen möglichst schauen, klug, überlegt, mit Augenmaß und mit intelligenten Maßnahmen über diese vierte Welle hinwegzukommen.

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Höppner: Ich glaube, dass es jetzt zu spät ist, 2G durchzusetzen. Unsere Gesellschaft ist ja sehr gespalten und zweitens stellt sich auch die Frage, ob das rechtlich haltbar ist. Ich plädiere nach wie vor für 3G, natürlich mit starkem Kontrollen und PCR-Tests - die Belastung muss derjenige, der sich nicht impfen lässt, auch ertragen. Aber wir dürfen unsere Gesellschaft nicht noch weiter aufspalten. Teilhabe sollte allen möglich sein.

Muss man damit rechnen, dass die Menschen jetzt weniger Tickets für Konzertveranstaltungen kaufen, weil sich die Gesamtsituation wieder zuspitzt?

Höppner: Ja, das ist teilweise schon zu beobachten - teilweise aber auch genau das Gegenteil, weil viele in der Furcht vor einem neuen Lockdown leben und dann noch die Möglichkeit des Live-Erlebnisses von Kultur nutzen wollen, was ja durch nichts zu ersetzen ist.

Der Ball ist wieder bei den einzelnen Bundesländern. Wie sehen Sie das aus Sicht des Deutschen Musikrats? Würden Sie sich von der Politik einheitliche Regelungen wünschen?

Höppner: Ja, dieses Wirrwarr ist schwer nachvollziehbar, wenngleich es vor Ort auch unterschiedliche Situationen gibt. Da sind dann aber eher die Kommunen gefragt. Aber eine generelle Linie, die klarmacht, dass Kultur genauso wichtig ist wie alle anderen Bereiche, die wir im öffentlichen Leben haben, wäre notwendig. Wir dürfen nicht in alte Muster zurückfallen. Die Stigmatisierung des Singens, das vollkommene Brachliegen der Amateurmusik - das hat einen unendlichen Schaden angerichtet. Wir wissen heute mehr, wir haben einen anderen Erkenntnisstand und können mit dieser Krise intelligenter umgehen, sodass wir nicht in den Lockdown gehen müssen. Die Überbrückungsmaßnahmen, die zum Schluss sehr gut gegriffen haben, müssen mindestens bis Mitte 2022 verlängert werden. Auch die Künstlersozialkasse muss ihre Sondermaßnahmen angesichts der Corona-Krise noch weiter verlängern, damit wir nicht zu einem Strömungsabriss kommen, was unsere kulturelle Vielfalt ausmacht.

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Nun haben wir die Situation, dass die alte Regierung in Berlin nicht mehr wirklich agiert, die neue aber noch nicht im Amt ist. Was braucht es trotzdem für ein Signal aus Berlin?

Höppner: Das ist die Stunde des Parlaments, des Deutschen Bundestages - die sind ja auch mit dabei. Ich hoffe, dass die Fraktionen zu einem Beschluss kommen, der dieses Signal setzt, dass wir alle Bereiche des öffentlichen Lebens für unsere Gesellschaft brauchen. Und wir brauchen auch endlich mal eine etwas längerfristige Strategie. Wir brauchen jetzt einen gut austarierten Weg, und da gibt es Möglichkeiten, die vorgezeichnet sind.

Können Sie sagen, wo die Situation aus Sicht der Kulturschaffenden am schwierigsten ist?

Höppner: Natürlich für die Freiberuflichen - die stehen jetzt unter Umständen wieder vor Existenzfragen. Deshalb ist die Verlängerung dieser Überbrückungsmaßnahmen auch so wichtig. Da gibt es ja schon Fallbeispiele, dass Maßnahmen ins nächste Jahr verlängert werden können. Das muss aber die generelle Forderung sein. Wir müssen davon wegkommen, nur auf die aktuelle Krisenbewältigung zu schauen, sondern jetzt ist auch das Zeitfenster dafür da, grundlegende Reformen anzugehen. Da hoffe ich auch auf den neuen Bundestag und auf die neue Bundesregierung, dass wird uns nicht nur im täglichen Krisenmodus bewegen, sondern auf die kommenden vier Jahre Regierungszeit schauen und jetzt überlegen, welche Schritte gegangen werden müssen. Dazu gehört insbesondere, den Zugang zu den sozialen Sicherungssystemen, gerade für freiberuflich Tätige im Kulturbereich, in anderer Weise zu öffnen. Denn sonst wird das weiterhin ein Flickenteppich sein, wo wir uns von Monat zu Monat im Krisenmodus bewegen.

Das Gespräch führte Friederike Westerhaus

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 09.11.2021 | 16:20 Uhr

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