Ein leeres Klassenzimmer © picture alliance/imageBROKER Foto: Norbert Achtelik

Corona-Maßnahmen an Schulen: "Spielregeln müssen klarer werden"

Stand: 12.11.2020 16:41 Uhr

Kann man von einem funktionierenden "Lockdown light" für Schulen sprechen? René Mounajed, Geschäftsführer des Schulleitungsverbandes in Niedersachsen, kritisiert die aktuellen Maßnahmen.

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Nach Angaben des Deutschen Lehrerverbandes befinden sich in Deutschland aktuell etwa 300.000 Schülerinnen und Schüler sowie bis zu 30.000 Lehrkräfte in Quarantäne. Teilweise sind ganze Einrichtungen geschlossen.

Herr Mounajed, geht der "Lockdown light" an Schulen schief?

René Mounajed: Das kann man so im Ganzen nicht sagen. Man kann nur feststellen, dass in dem Moment, wo man Covid-19-Fälle an der Schule hat, man über ganz andere Situationen spricht. Es muss genau geschaut werden, wer wann wie lange in Quarantäne geschickt wird. Das sind sehr komplexe und sehr schnell abzulaufende Prozesse. Inwiefern das gut oder nicht gut gelingt, hängt dann von der Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt ab. Das erleben wir in den Bundesländern unterschiedlich gut. Auch in Niedersachsen klappt es, nach den Informationen des Schulleitungsverbandes, unterschiedlich gut. Da liegt aber der Schlüssel. Deswegen kann man das so pauschal nicht sagen.

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Das Ansinnen, die Schülerinnen und Schüler so lange wie möglich in Szenario A zu lassen, ist richtig. Aber wann muss man das beenden? Wir haben als Schulleitungsverband nach den Erfahrungen der letzten Wochen eine Antwort darauf gefunden. Wir sagen, die Schulleitungen mögen das entscheiden - in Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern. Die Schulleitungen haben den Blick auf ihre Schulen und auf ihre Kapazitäten, sie wissen über die Umsetzung des Hygienekonzeptes Bescheid und sie sind die eigentlichen Entscheider. Das ist in Niedersachsen noch nicht durchgehend so. In Hannover geht das, weil man das gar nicht mehr anders wuppen kann. Das Gesundheitsamt ist da längst über alle Kapazitäten hinausgekommen. Es ist selbstverständlich, dass die Gesundheitsämter an ihre Grenzen stoßen - deswegen müssen die Schulen entscheiden können.

Trotzdem hat Ihr Verband heftige Kritik an der Politik geäußert: "Verunsicherung und Wut machen sich breit, wenn Klarheit und Orientierung fehlen", heißt es in einer Erklärung. Die Vorsitzende des Verbandes wird mit den Worten zitiert: "Wir haben schon den Eindruck, dass wir in dieser Krise alleingelassen werden." Was erwarten Sie für Handreichungen von der Politik?

Mounajed: Das spielt auf die praktischen Erfahrungen ab, die einige Kolleginnen und Kollegen gesammelt haben. Was passiert, wenn es einen Covid-19-Fall gibt? Wie schnell kriege ich Unterstützung von den Gesundheitsämtern? Kriege ich überhaupt Unterstützung? Teilweise waren die Situationen so heftig, dass Schulleitungen im Regen stehen gelassen worden sind - und das geht mit Wut einher, weil wir versuchen wollen, das Beste zu machen. Wir stehen auch in der Verantwortung für die Menschen unserer Schulgemeinschaft, und da brauchen wir schnelle, transparente, klare Wege. Alle wollen in dieser Situation das Beste tun, aber das braucht Spielregeln - und die müssten klarer werden.

Der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne hat im Landtag gesagt, dass Schulen pandemiefest seien. Die Zahlen könnten ihm Recht geben: Es hat in Niedersachsen seit Schuljahresbeginn 1.900 positive Corona-Tests bei Schülerinnen und Schülern gegeben, über 330 bei Lehrkräften und fast 170 bei sonstigen Schulbeschäftigten. Es betrifft aber 1,1 Millionen Menschen. Danach scheinen Schulen tatsächlich keine Infektionsherde zu sein, oder?

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Eine Mund-Nasen-Maske hängt an einem Tishc im Klassenzimmer. © picture alliance/imageBROKER Foto: Michael Weber

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Mounajed: Es kommt ganz stark darauf an, ob ein Fall an einer Schule vorhanden ist oder nicht. Wenn wir Verdachtsfälle haben, dann können wir prophylaktisch agieren, aber es besteht kein Muss. Wir haben Quarantänemaßnahmen für Klassen oder für ganze Jahrgänge, die wir dann vornehmen müssen, und das ist schon heftig. Gerade kleine Schulen kommen da schnell an ihre Grenzen: Wer soll den Unterricht machen, wenn Kollegen in Quarantäne gesetzt werden? Wir kommen da - gerade bei kleinen Systemen - ganz schnell an Belastungsgrenzen. Und die großen Systeme sind auch in Sorge, und viele Schulleitungen sagen dann, dass sie endlich in Szenario B wechseln möchten.

Was ist Szenario A und was ist Szenario B?

Mounajed: Szenario A ist im Prinzip ein eingeschränkter Regelbetrieb. Das heißt, alle Schülerinnen und Schüler werden in der Schule unterrichtet. Erst dann, wenn der Inzidenzwert über 100 liegt und das Gesundheitsamt eine Maßnahme, die über einzelne Personen hinausgeht, angeordnet hat, kann man in Szenario B wechseln, eine hälftige Beschulung. Pro Tag sind dann nur die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler in der Schule - die anderen sind zu Hause. Ob man das tageweise oder wochenweise wechseln lässt, können die Schulen selbst entscheiden. Aber wann können Schulen entscheiden, in welches Szenario sie gehen, und wann es angemessen ist? Das kann die Schulleitung im Moment nicht entscheiden. Wir haben das am Anfang als eine gute Maßnahme gesehen, aber wir stellen im Moment fest, dass da nachgesteuert werden muss.

Glauben Sie, dass so eine Nachsteuerung stattfinden wird?

Mounajed: Ich hoffe das, denn die positiven Argumente liegen auf der Hand. Aber man muss auch handeln. Viele Kolleginnen und Kollegen sagen oder schreiben: Was muss noch passieren, bis wir diese Entscheidungsfreiheit haben? Wird es am Ende darauf hinauslaufen, dass wir die Einrichtungen ganz schließen müssen? Das will keiner, sondern alle wollen, dass die Schulen aufbleiben, so lange es geht. Aber dafür muss es auch Spielregeln geben, die wir einhalten können.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.11.2020 | 18:00 Uhr