Franziska Augstein © picture alliance / ZB Foto: Karlheinz Schindler

Franziska Augstein fordert freiere Debatte über Corona-Politik

Stand: 25.03.2021 17:49 Uhr

Eine Handvoll Intellektueller hat heute ein "Manifest der offenen Gesellschaft" veröffentlicht, in der sie eine freiere Debatte über die Corona-Politik fordern. Ein Gespräch mit der Publizistin Franziska Augstein, die das Manifest unterstützt.

Frau Augstein, im Manifest wird ein "Raum für freien Dialog und offenes Denken" gefordert. Haben Sie das Gefühl, sich zum Thema Corona nicht frei äußern zu können?

Franziska Augstein: Ich bin nicht die Einzige, die das Gefühl hat, dass man sich nicht frei äußern kann. Das liegt - leider - nicht zuletzt an der Bundesregierung, die alles getan hat, jene zu unterstützen, die panisch sind, die glauben, Corona sei so etwas wie die Pest und die deswegen jeden als Corona-Leugner verleumden, der oder die sich anmaßt zu sagen, dass die Maßnahmen gegen die Pandemie nicht verhältnismäßig seien.

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Sie sagen: "Zuallererst die Bundesregierung und die Länderregierungen sollten sich auf die Kultur des Meinungsaustauschs besinnen." Wie könnte dieser Meinungsaustausch aussehen?

Augstein: Es fängt damit an, dass sich die Bundesregierung von Anfang an nicht hat beraten lassen von verschiedenen Zweigen der Wissenschaft, sondern lediglich von Virologen und Epidemiologen. Das hat dazu geführt, dass unterschlagen wurde, soziologische Erkenntnisse zu gewinnen, wo man sich überhaupt anstecken kann. Es gab dann Aufrufe an die Veranstalter, Hygienekonzepte umzusetzen - was sie gemacht haben. Daraufhin gab es wieder neue Verordnungen, neue Lockdowns. Die Unternehmen haben unglaublich viel Geld investiert, und die Regierung hat immer wieder nur auf die Epidemiologen gehört, die gesagt haben, dass die Inzidenzzahlen viel zu hoch sind. Der Mangel an Interesse daran, was andere Wissenschaften als die Virologen und Epidemiologen zu sagen haben, hat sich von der Bundesregierung aus durch die ganze Gesellschaft fortgepflanzt und hat zu einer Hysterisierung der Gesellschaft geführt.

Wenn wir heute über politische Kommunikation sprechen, müssen wir auch über das Schuldeingeständnis der Kanzlerin reden und über ihr Bitten um Verzeihung. Wie beurteilen Sie ihren Auftritt?

Augstein: Dafür wird sie sicher viel Lob bekommen; so ehrlich war Frau Merkel selten. Juristen sagen, dass es von Anfang an ein Unding war: Man kann nicht wegen einer Pandemie alle Lebensmittelgeschäfte am Gründonnerstag schließen. Das geht nicht so ohne Weiteres, das ist eine gesetzliche Sache. Die Lebensmittelkonzerne haben sich gemeldet und gesagt: "Liebe Regierung, wenn am Donnerstag keine Lebensmittel verkauft werden dürfen, was meinen Sie, was das bedeutet bei dem Andrang der Käufer, die am Mittwoch und Dienstag zuvor die Lebensmittel für ganz Ostern einkaufen?" Es ist also erstens juristisch unsäglich und zweitens auch lebenspraktisch unmöglich und bescheuert. Das zeigt, dass die Regierung in Wahrheit kein Gespür dafür hat, was eigentlich gemacht werden muss.

Nun gibt es ja aber auch diejenigen, die sich über Ostern hinaus generell schärfere Maßnahmen wünschen, etwa Befürworter von "Zero-Covid" oder auch Anhänger der "No-Covid"-Strategie - darunter namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie die Virologin Melanie Brinkmann und der Soziologe Heinz Bude. "Wer stärker bremst, bleibt früher stehen" - das ist die Idee hinter beiden Konzepten. Das ergibt doch prinzipiell Sinn, oder?

Augstein: Prinzipiell mag das sein, aber ob das in der Praxis funktioniert, wissen wir nicht. Aus mehr als einem Jahr Covid-19 haben wir aus diversen Ländern der Welt die verschiedensten Ergebnisse. Wir haben keine Ahnung, ob ein Lockdown dazu führt, dass in dem Moment, wo er aufhört, auf einmal die Inzidenzzahl wieder steigt. Wir haben keine Ahnung, ob es nicht vielleicht mehr Kranke gibt, wenn man es ein bisschen langsamer und offener laufen lässt. Das Entscheidende ist, wie die Gesundheitssysteme in den einzelnen Ländern ausgestellt sind. In der Bundesrepublik ist es relativ gut. Da, wo wir die ganz vielen Kranken und Toten haben, da sind die Gesundheitssysteme miserabel. Da wurden auch in westlichen Ländern die Gesundheitssysteme in einer Art und Weise kaputtgespart, dass es gar keine Hospitäler mehr gibt, die Kranke aufnehmen können. Und wir in der Bundesrepublik haben immer so getan, als wären wir auf dem Stand von zum Beispiel Italien, wo man alles kaputtgespart hat. Wir sind nicht vergleichbar mit anderen Ländern.

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Man sollte auch darüber hinaus betrachten, was das für die Wirtschaft bedeutet - dahinter stehen Menschen. Das sind Leute, die kein Einkommen mehr haben und die ihre Mieten nicht mehr zahlen können. Das sind Familien, die auf engem Raum zusammenleben, die keine Arbeit haben und wo die Kinder nicht zur Schule gehen können. Und was das für die Kinder, für die Familien bedeutet, ist etwas, was die Soziologen in den kommenden Jahren gerne noch erforschen können.

Wir haben bereits vor ziemlich genau einem Jahr über die Sinnhaftigkeit und Rechtmäßigkeit der Corona-Maßnahmen miteinander gesprochen. Was glauben Sie, hören wir uns in einem Jahr wieder?

Augstein: Ich hoffe nicht.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

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NDR Kultur | Journal | 25.03.2021 | 18:00 Uhr