Stand: 18.03.2020 09:25 Uhr  - NDR Kultur

Corona: "Krise kann Denkräume eröffnen"

In Zeiten des Coronavirus wird die zunehmende Stilllegung des öffentlichen Lebens immer spürbarer. Wie verändert sich die Gesellschaft, wenn es draußen immer stiller wird? Fragen an die Philosophin und Publizistin Svenja Flaßpöhler.

Frau Flaßpöhler, Sie sind gerade in Ihren Schrebergarten gezogen als Reaktion auf Corona, richtig?

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Die Autorin Svenja Flaßpöhler ist Chefredakteurin des "Philosophie Magazins".

Svenja Flaßpöhler: Genau. Wir sind mit der Familie in den Kleingarten gezogen, weil man hier noch besser geschützt ist und weil es für die Kinder in einer Stadtwohnung über mehrere Wochen unerträglich ist. Die Spielplätze sind ja auch gesperrt, also muss man zu solchen Maßnahmen greifen. Angesichts des Wetters ist das auch sehr in Ordnung.

Und wie dürfen wir uns Ihr Leben da vorstellen?

Flaßpöhler: Wir versuchen ein bisschen zu arbeiten - das gelingt mal mehr, mal weniger. Heute Morgen habe ich einen langen Waldspaziergang mit meinen Kindern und dem Hund gemacht. Das ist jetzt einfach so, man kann es nicht ändern und wir versuchen das Beste daraus zu machen. Ich spreche aber aus einer vergleichsweise privilegierten Situation: Ich kann Homeoffice machen und in den Garten ziehen. Viele Menschen, gerade die, die in Lebensmittelläden oder in Krankenhäusern tätig sind, können sich nicht auf diese Weise entziehen.

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Konsum ist für viele eine Ablenkungsstrategie. Wenn diese Möglichkeiten immer weiter eingeschränkt werden, was macht dieses entstehende Vakuum mit uns Menschen?

Flaßpöhler: Wir sind in einer Situation, wo man immer beide Seiten sehen muss. Es gibt zum einen eine sehr negative, fast regressive Seite dieser Krise. Wir ziehen uns immer mehr zurück - nicht nur im Nationalen, sondern auch im Privatraum. Wir nehmen nicht mehr am Kulturleben teil. Es gibt aber auf der anderen Seite auch ganz positive Effekte, und da hilft es, in die Philosophie zu schauen. Philosophen wie Martin Heidegger oder Blaise Pascal haben immer betont, dass das öffentliche Leben immer auch eine Art von Ablenkung, von Flucht ist, und dass dieses Zurückgeworfensein und die Tatsache, dass man Stille und Nichtstun aushalten muss, immer mit einem Erkenntnisgewinn einhergeht. Insofern glaube ich, dass diese Krise auch Denkräume eröffnen kann - und zwar nicht nur in existenziell-privater Hinsicht, sondern auch in politischer Hinsicht.

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Konsumgüter dienen als Distinktionsmerkmale: Macht uns der Verzicht darauf auch auf eine Art gleicher?

Flaßpöhler: Ja und es geht auch alles in eine Richtung, die schon seit längerer Zeit angezeigt war: Immer mehr Menschen sehnen sich nach einem einfacheren, reduzierteren, weniger komplexen Leben, das sich nicht im Konsum verliert. Das ist schon ein Trend, den wir seit geraumer Zeit beobachten können. Es gibt auch einen ganz starken Ruf nach Entschleunigung. Insofern hat das - gerade auch mit Blick auf die Klimakrise - auch positive Effekte, sodass wir auch im ganz Kleinen auf einmal nachhaltiger sind.

Wir sollen auf soziale Kontakte verzichten, was uns voneinander isoliert. Und sicherlich gibt es auch unsolidarische Aktionen wie etwa Hamsterkäufe. Mein Eindruck ist aber, dass Corona auch eine einende Wirkung hat, dass man näher zusammenrückt, oder?

Flaßpöhler: Ja, weil Corona alle betrifft - und das ist ein egalitäres Moment. Natürlich werden auch gerade ganz große Unterschiede sichtbar: Manche können es sich leisten, jetzt irgendwo hinzufahren und das Leben zu genießen - andere können das nicht. Aber es gibt dieses egalitäre Moment, dass wir alle von dieser drohenden Krankheit betroffen sind. Der gemeinsame Feind vereint uns auch.

Es gibt jetzt diese eigentümliche Herausforderung, dass sich Solidarität ganz besonders darin zeigt, dass ich Abstand halte. Das ist für uns etwas ganz Ungewöhnliches, weil sich normalerweise Solidarität, Nächstenliebe und Fürsorge dadurch zeigt, dass man sich auch körperlich nah ist. Das geht gerade nicht, und das ist ein Effekt, der sehr gewöhnungsbedürftig ist. An den sollten wir uns vielleicht auch gar nicht gewöhnen.

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Aber es könnte in nächster Zeit noch dramatischer werden: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine Ausgangssperre auf uns zukommt. Das ist schon ein sehr beklemmendes Szenario.

Flaßpöhler: Ja, das ist sehr beklemmend. Da muss man langfristig die Kosten und den Nutzen abwägen. Ich kann mir noch gar nicht richtig vorstellen, worauf das letzten Endes hinauslaufen wird. Wie lange will man dieses Szenario durchspielen? Zehn, zwölf Monate? Und dann ist die Frage, ob letzten Endes die sozialen und psychischen Kosten viel höher sind als der Gewinn auf rein medizinischer Seite. Ich kann das nicht beurteilen, ich bin keine Virologin, aber das sind Gedanken, die sich ein kritischer Geist in diesen Zeiten machen sollte.

Wenn wir davon ausgehen, dass der Spuk in absehbarer Zeit vorbei ist und sich Wirtschaft wie Menschen einigermaßen davon erholen - glauben Sie trotzdem, dass Corona uns nachhaltig verändern wird?

Das wäre zu hoffen. Auch da gibt es zwei Szenarien: Das eine ist, dass man einfach zurückschnappt in den alten Zustand und umso mehr produziert, um irgendwie wieder aufzuholen. Daran sollten wir jetzt arbeiten. Denn der einzige Weg, wie man diese Krise für die Zukunft nutzbar machen kann, ist, dass wir die erstaunliche weltweite Mobilisierung, die wir gerade erleben, fruchtbar machen - zum Beispiel mit Blick auf die Klimakrise. Wir sehen, dass wenn die Welt will, dann kann sie auch. Und denselben Effekt würde man sich mit Blick auf einen Kollaps wünschen, der uns erst in der Zukunft droht.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Svenja Flaßpöhler © picture-alliance/dpa

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NDR Kultur | Journal | 17.03.2020 | 19:00 Uhr