Katia und Marielle Lebèque auf der Bühne im Rostocker Zoo © NDR Foto: Karin Erichsen

Corona-Krise: Wie steht es um die Zukunft der Festivals?

Stand: 13.11.2020 17:53 Uhr

Den Veranstaltern von Festivals steht das Wasser Pandemie-bedingt bis zum Hals. Neben den großen Festivals sind auch die kleinen betroffen, wie beispielsweise das Festival "ultraBACH" in Lüneburg - initiiert vom ensemble reflektor. Ein Gespräch mit Selma Brauns, der Geschäftsführerin des Ensembles.

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Frau Brauns, Sie hatten in diesem Jahr Glück im Unglück: "ultraBACH" findet nur alle zwei Jahre statt und kommt ohnehin erst im kommenden Jahr wieder. Aber wie lässt sich bei diesen Voraussetzungen dafür planen?

Selma Brauns: Das ist tatsächlich sehr schwer. Wir haben zum einen das Problem, dass wir Projekte, die wir aktuell gemacht hätten, mehrmals ungeplant haben. Wir haben versucht, sie an die sich ändernden Maßnahmen und Regelungen anzupassen. Die mussten wir am Ende doch absagen, und auch das führt zu Mehraufwand, wenn man versucht, so viel Geld wie möglich zu retten. Das nimmt einem die Kapazitäten, um in die Zukunft zu schauen. Dazu kommt diese große Unsicherheit: Können wir im Frühjahr oder im Sommer schon wieder spielen? Und wenn ja, wie? Mit Abstand oder ohne? Mit kleiner Besetzung oder mit großer? Plant man mutig und macht einfach weiter, damit es so schnell wie möglich wieder losgehen kann? Oder plant man vorsichtig und baut die Maßnahmen mit ein, die wir auch in diesen Sommermonaten hatten? Wir sind quasi immer mit doppeltem und dreifachen Arbeitsaufwand konfrontiert, was uns auch in der künstlerischen Arbeit lähmt.

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Das ensemble reflektor ist ein Kammerorchester. Sind Sie gerade in alle Winde verstreut und können Sie überhaupt zusammenarbeiten?

Brauns: Ja, wir sind tatsächlich in alle Winde verstreut; unsere Musikerinnen und Musiker kommen aus ganz Deutschland. Gerade können wir sowieso nicht öffentlich auftreten, aber auch schon vorher hätte es große Probleme gegeben, uns überhaupt an einen Ort zu bekommen. Das hängt mit den Risikogebieten und einer gemeinsamen Unterkunft zusammen. All das führt auch zu weiteren Problemen, ganz unabhängig vom Konzert selbst. Das einzige, was wir gerade machen, ist online miteinander zu sprechen, uns gegenseitig zu ermutigen und zusammen über die nächsten Jahre nachzudenken, um mit Hoffnung durch die schwierige Zeit zu kommen.

Lassen Sie uns spekulieren: Wie viele - gerade von den kleineren Festivals - werden diese Krise nicht überleben? Vielleicht geht man aber auch gestärkt daraus hervor, indem man neue Formate entwickeln kann. Können Sie das schon absehen?

Brauns: Es ist sehr schwer in die Zukunft zu gucken, aber ich spüre, dass es einen sehr großen Zusammenhalt gibt: Große Häuser oder Festivals unterstützen kleinere Player, wie uns. In der freien Szene gibt es tolle Allianzen, wie zum Beispiel "Freo". Auch dort unterstützen die Großen die Kleinen also. Das ist eine total schöne Entwicklung, die - glaube ich - auch anhalten wird. Alle, die jetzt Kooperationen aufbauen, werden auch in Zukunft davon profitieren. Aber was ich auch beobachte, ist, dass in der Ausbildung ganz große Lücken entstehen. Studierende haben gerade ein ganz komisches Studium, wo sie selten oder gar nicht mit anderen zusammenspielen können oder netzwerken. Alle vereinsamen, und da sehe ich eine große Gefahr, dass der künstlerische Nachwuchs nicht mehr gesund nachwachsen kann.

Ihr Ensemble ist bei der Tagung "Future of Festivals" auch auf einem Panel vertreten - das Thema: "Klassik ohne Klunker". Was meinen Sie damit?

Brauns: Das ist eine sehr schöne Formulierung. Nach diesem Motto versuchen wir auch immer zu programmieren und unsere Konzepte zu gestalten. Dabei geht es uns darum, dass wir bei allen Konzerten tiefe emotionale Erlebnisse generieren können, dass wir zusammen mit dem Publikum sehr besondere Momente erfahren können. Und da spielt es überhaupt keine Rolle, ob man ein glitzerndes, mit Klunkern besetztes Abendkleid an einem Star auf der Bühne sieht, sondern vielmehr, dass man mit dem Publikum zusammen diese Erfahrungen teilt. Dass man vielleicht auch zusammen mit dem Publikum etwas singt oder, dass man Stücke aufs Programm setzt, die wir alle kennen und die berühren. Wir haben zum Beispiel kurz vor dem Lockdown eine CD aufgenommen, auf der wir auch Popsongs mit eingearbeitet haben. Als wir das live gespielt haben, war es immer toll zu erleben, als die Leute das Werk irgendwann erkannt und mitgesummt haben. Das sind Momente, die auch in der Klassik funktionieren und mitreißen können und mitnehmen. Und alles, was da an Starkult oder glitzerndem Bühnengeschehen dranhängt, hat damit gar nichts zu tun, sondern der echte, emotionale Moment.

Wenn man diese Erfahrungen nimmt und auf die Zukunft von Festivals schaut: Ist die Krise vielleicht auch eine Chance?

Brauns: Es stimmt. Alle sind gerade dabei zu überlegen, wie wir weitermachen. Wie können wir auch in fünf oder in zehn Jahren noch gute Formate anbieten, die das Publikum begeistern? Ich fürchte aber auch, dass gerade alle ein bisschen ums Überleben kämpfen und vielleicht nicht immer Platz ist für den ausgefallensten und innovativsten Moment. Ich habe vollstes Verständnis, wenn man sich auf das beruft, was man gut kennt, und versucht, erst mal weiterzumachen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.11.2020 | 18:00 Uhr