Stand: 18.04.2020 13:29 Uhr

Theater Vorpommern bleibt trotz Zwangspause in Bewegung

von Juliane Voigt

Bis gestern waren die Theater in Mecklenburg-Vorpommern noch in einer gespannten Warteposition. Obwohl die Vorhänge an den Abenden geschlossen blieben, ging es doch hinter den Kulissen geschäftig mit der Organisation des vorerst nur aufgeschobenen Theaterbetriebs weiter. Am Donnerstagabend nun hat Ministerpräsidentin Schwesig bekannt gegeben, dass die Theater im Land in dieser Spielzeit nicht mehr geöffnet werden. Zudem fallen die Sommertheater und Festspiele wegen der Corona-Krise aus. Auch das Theater Vorpommern schließt voraussichtlich bis August.

Das Theater Stralsund, eine Spielstätte des Theater Vorpommern, aufgenommen am im April 2016 in Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern).  Foto: Stefan Sauer
Das Theater Vorpommern spielt an den Spielstätten Greifswald, Stralsund und Putbus.

Eine junge Frau steht im Ballettsaal des Greifswalder Theaters auf der Spitze ihrer Ballettschuhe und hält sich mit einer Hand an der Stange vor dem großen Spiegel fest. Das rechte Bein zieht sie waagerecht nach vorne, dreht den Fuß hin und her. Es sind Übungen, die jede Ballerina auf der Welt beherrscht und täglich trainiert. Auch Awa Painter, Tänzerin im Ballett Vorpommern. Sie trainiert alleine. "Es geht mir gut, manchmal bin ich ganz gelangweilt. Wir arbeiten so viel mit dem Körper und zu Hause fühle ich mich dann wirklich eingeschränkt. Und wenn wir eine Stunde ins Studio dürfen, da kann ich endlich frei sein mit meinem Körper. Ich versuche, in Form zu bleiben."

In Form bleiben - trotz Corona

Das Theater schließt, aber Tänzerinnen und Tänzer können nicht einfach aufhören. Um irgendwann wieder mit "Othello", der aktuellen Produktion, auftreten zu können, müssen sie in Form bleiben. Ballettchef Ralf Dörnen ist jeden Tag da. Die Isolation ist gerade für junge Leute belastend. Die Tänzer brauchen Zuspruch und Bewegung. Ralf Dörnen erklärt: "Wir haben jetzt eine Regelung getroffen, dass die Tänzer einzeln in den Ballettsaal können. Sie trainieren für sich, machen dann zu Hause viel für die Kondition, gehen laufen für die Kondition, stretchen viel zu Hause. Man kann sich ja in gewisser Weise auch selber fit halten. Aber wenn es dann wieder ernst wird, müssen wir auch wieder zusammenkommen und uns wieder zusammen bewegen als Gruppe. Ensemble heißt ja zusammen, das muss man dann wieder neu finden. Das wird eine Zeit dauern."

Intendant Löschner begrüßt klare Entscheidung

Seit die Theater wegen der Eindämmung der Pandemie im März geschlossen wurden, hat Intendant Dirk Löschner mehrere Not-Spielpläne ausgearbeitet. In der Hoffnung, dass es jeden Tag weitergehen könnte. Die Entscheidung der Landesregierung bringt endlich Klarheit, findet Dirk Löschner "Der alte Spruch, am billigsten ist das Theater, das nicht spielt, an dem ist natürlich etwas dran. Aber am finanziell ungünstigsten ist, wenn ein Theater ständig denkt, es kann spielen und dann nicht spielen kann. Dann laufen die Kosten einfach auf vollen Touren. Wir wissen seit gestern Abend, dass die Theatersaison für die Theater in MV beendet ist. Das war auch eine sehr wichtige Festlegung. Denn die Theater sind doch recht schwerfällige Gebilde."

Theater Vorpommern beantragt Kurzarbeit

Dirk Löschner, Intendante des Theater Vorpommern © Theater Vorpommern
Indentant Dirk Löschner muss das Theater Vorpommern nun mit Kurzarbeit und kreativen Lösungen durch die Corona-Krise führen.

Vier Stücke im Schauspiel und Musiktheater standen im März kurz vor der Premiere. Die sollen Anfang der nächsten Spielzeit zuerst auf die Bühne kommen. Dafür rutschen andere Produktionen nach hinten oder werden ganz aus dem Spielplan gestrichen. Das Theater Vorpommern beantragt jetzt für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Kurzarbeit, um die Kosten so gering wie möglich zu halten. Bis dahin ist das Internet das Medium der Stunde.

"Die Zauberflöte": Online zum Mitmachen für Kinder

Die Sparten Schauspiel und Musiktheater des Hauses haben zusammen ein Online-Kinderformat erfunden. Erzählt wird die Oper "Die Zauberflöte". Alle Beteiligten sitzen zu Hause. Einer spielt Klavier, eine Flötistin spielt die Zauberflöte, die Königin der Nacht singt ihre berühmte Arie. Die Kinder können mit der Chorleiterin das Papageno-Lied einstudieren. "Da sind einzelne Künstler und Künstlerinnen ganz aktiv. Das werden wir ausbauen. Natürlich ist das nicht unser Medium, und doch sind wir Künstlerinnen und Künstler. Und das Schlimmste ist es, gar nichts tun zu können", so Löschner. "Auch wenn Theater-Live-Erfahrungen mit dem Publikum durch nichts zu ersetzen sind, wollen wir zumindest in den kleinen Nischen, die uns da jetzt bleiben, aktiv sein."

Göber: "Theater hat schon andere Zeiten überstanden"

Für Schauspiel-Direktor Reinhard Göber ist das Online-Theater ein schwacher, aber auch gerade der einzige Draht zum Publikum. "Theater befindet sich seit zweitausend Jahren in einem immer gleichen Koordinatensystem. Ein Schauspieler ist in einem Raum vor Zuschauern. Deswegen sind digitale Formate eine Ergänzung, aber sind kein Theater", findet Göber. "Wir brauchen den lebendigen Kontakt mit dem Zuschauer und den hat man nicht im Netz. Das Theater hat schon ganz andere Zeiten überstanden. Und danach gingen die Zuschauer so ins Theater wie nie davor."

Bis dahin brennen nun Geisterlichter auf den Bühnen der Theater im Land. Bühne und Zuschauerraum gehören den Theatergespenstern. Die müssen, sagt ein Theatergesetz, nämlich auch mal spielen dürfen, damit sie ansonsten kein Unwesen treiben. Und stattdessen die menschenleeren Häuser bewachen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 17.04.2020 | 19:05 Uhr