Stand: 16.03.2020 16:37 Uhr

Corona-Krise: Große Herausforderung für Privattheater

Wegen der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus wird das öffentliche und kulturelle Leben in Norddeutschland, bundes- und weltweit stark eingeschränkt. Florian Battermann ist Geschäftsführer und künstlerischer Leiter der Komödie am Altstadtmarkt in Braunschweig und am Neuen Theater in Hannover. Beide Häuser haben am Freitag bekanntgegeben, ihren Spiel-, Theaterbar- und Kassenbetrieb bis auf weiteres komplett einzustellen. Ein Interview mit dem Theatermacher.

Herr Battermann, wie schwer ist Ihnen diese Entscheidung gefallen?

Florian Battermann © picture alliance / dpa Foto: Julian Stratenschulte
"Ich glaube, dass die Leute im Moment andere Sorgen haben, als sich Theatervorstellungen anzusehen", sagt Florian Battermann.

Florian Battermann: Wie Sie sich vorstellen können, ist sie uns sehr schwer gefallen, weil das unsere Geschäftsgrundlage ist. Wenn wir nicht mehr Theater spielen können, können wir keinerlei Einkünfte erzielen - und das geht bei so einem unsubventionierten Theater schnell ans Eingemachte.

Sie sind damit einer offiziellen Anordnung der Landesregierung zuvorgekommen. Warum haben Sie das so entschieden?

Battermann: Wir haben das am Freitag gegen 12 Uhr mittags so entschieden, weil uns diese offizielle Anordnung schon telefonisch angedroht wurde. Die kam dann auch am Nachmittag per E-Mail. Wir können so nicht weitermachen. Uns haben massenhaft Zuschauer angerufen, und wir konnten den Leuten nicht erzählen, dass die Vorstellungen stattfinden, wenn wir eigentlich schon wussten, dass wir mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit abends nicht mehr spielen. Und so haben wir uns dazu entschieden, abzusagen. Es wäre für uns und für die Menschen nicht mehr zumutbar gewesen, ins Theater zu kommen - mit dem Wissen, dass wir eigentlich zu Hause bleiben und uns diesem Virus nicht aussetzen sollten.

Wie bewerten Sie das Agieren der Politik auf Landesebene? Es gibt Kulturschaffende, die sich beklagen, dass klare Anordnungen lange gefehlt haben.

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Battermann: Es ist immer leicht, den Schwarzen Peter anderen zuzuschieben. Es ist eine Situation, die wir in 70 Jahren Bundesrepublik noch niemals so erlebt haben. Insofern möchte ich nicht andere beschuldigen. Aber in der Tat hätte auch ich mir ein härteres Durchgreifen und schnelleres Handeln vonseiten aller offiziellen Stellen gewünscht. So wird die Verantwortung immer auf den Nächsten abgewälzt, und sie ist schlussendlich bei uns - am untersten Ende der Kette - hängen geblieben. Aber wir haben die Verantwortung ergriffen.

Was würden Sie sich von der Landesregierung wünschen?

Battermann: Ich glaube, dass es weitere Einschnitte in unserem täglichen Leben geben wird. Man sieht, was Bayern und andere Bundesländer schon entschieden haben. Ich denke, dass Niedersachsen da folgen wird. Föderalismus ist schön und gut - aber ich hätte mir in dem Fall ein zentralistischeres Vorgehen gewünscht. Je schneller und rigoroser wir das öffentliche Leben in unserem Land eindämmen, desto schneller werden wir Herr dieser Krise werden - und desto schneller wird sie überstanden sein.

Wie sind Sie Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit der Entscheidung entgegengetreten? Sind Sie mit denen im Dialog darüber, wie es weitergehen soll?

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Battermann: Absolut. Wir sind in einem sehr engen Dialog mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern - und wir werden auch niemanden entlassen, solange das geht. Wir haben Gott sei Dank in guten Jahren Rücklagen gebildet, die uns jetzt helfen, ein paar Monate zu überstehen. Aber wie lange das sein wird, kann im Moment niemand sagen, weil wir nicht wissen, wie lange diese Corona-Krise andauern wird.

Welche Überlegungen stellen Sie selbst an, um gegen die Krise anzuarbeiten? Gibt es Ideen? Es gibt zum Beispiel Häuser, die online streamen.

Battermann: Die Streaming-Ideen sind sehr kreativ und klingen erst mal gut. Sie sind aber in den meisten Theatern gar nicht durchführbar, weil wir alle dafür nicht ausgerüstet sind. Das wäre wiederum so teuer, dass es sich nicht lohnt. Bei Konzerten geht das noch, weil man oft Komponisten spielt, die schon lange verstorben sind, oder Bands auftreten, die die Urheber ihrer Songs sind. Da ist es mit dem Urheberrecht keine große Sache. Aber wir spielen oftmals Stücke von Autoren, die größtenteils gar nicht aus Deutschland kommen. Da werden wir uns mit Verlagen nur schwer rechtlich einigen können, um diese Stücke im Fernsehen zu übertragen. Für Internetübertragungen von Bühnenstücken haben die Verlage oftmals keine Rechte. Das ist im Theaterbereich sehr schwierig, wenn man mal von Klassikern absieht, die rechtefrei sind.

Ansonsten sind wir dabei, Kurzarbeit anzumelden. Aber das ist für Theaterleute auch gar nicht so einfach, weil die Arbeitsstellen das gar nicht vorsehen. Wir sind dabei, zu prüfen, inwiefern wir da auf Unterstützung und Solidarität vonseiten des Staates hoffen können. Ansonsten greifen wir erst mal die persönlichen Rücklagen an und hoffen, dass das Ganze doch nicht so viele Monate dauert, wie böse Zungen jetzt schon unken.

Wir müssen unsere Kunst, weil wir keine Subventionen erhalten, letzten Endes verkaufen. Ich glaube, dass die Leute im Moment andere Sorgen haben, als sich Theatervorstellungen anzusehen - in welcher Form auch immer. Wir sind ein im besten Sinne überflüssiges Luxusprodukt - und das ist auch das, worauf die Leute am ehesten verzichten können. Insofern versuchen wir jetzt nicht, sehr kreativ zu sein, weil sich das gar nicht lohnen würde. Stattdessen führen wir jetzt Reparaturarbeiten durch, die in der Sommerpause durchgeführt werden sollten. Wir hoffen dadurch, in der Sommerpause durchspielen zu können, weil es dann schon wieder weitergeht. Urlaub von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird jetzt genommen. Wir legen jetzt nicht die Füße hoch und legen uns in den Sonnenstuhl.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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NDR Kultur | Journal | 16.03.2020 | 19:00 Uhr