Eine Hand in einem Handschuh hält eine Spritze vor einer Schulter. © fotolia.com Foto: miss_mafalda

Corona-Impfreihenfolge: "Eine sehr weise Entscheidung"

Stand: 18.12.2020 16:14 Uhr

Wer erhält als erstes den begehrten Corona-Impfstoff? Und wer muss zunächst einmal außen vor bleiben? Ein Gespräch mit der Medizinethikerin Claudia Wiesemann.

Eine Hand in einem Handschuh hält eine Spritze vor einer Schulter. © fotolia.com Foto: miss_mafalda
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Frau Wiesemann, Jens Spahn hat angekündigt, dass Bewohnerinnen und Bewohner von Altenpflegeheimen und deren Pflegerinnen und Pfleger den Impfstoff als erstes erhalten sollten, dann auch Menschen über 80. Halten Sie das für richtig?

Claudia Wiesemann: Das ist eine sehr weise Entscheidung. Zunächst einmal sollte es tatsächlich darum gehen, die Menschen zu schützen, die nicht nur von einem besonders hohen Erkrankungsrisiko, sondern auch Sterberisiko betroffen sind. Und da gehören nun mal die über 80-Jährigen genau in diese Gruppe hinein. Sie machen 50 Prozent der Todesfälle in Deutschland aus.

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Das medizinische Personal ist nicht erwähnt worden - das hat mich ein wenig gewundert. Sind die tatsächlich nicht in der ersten Impfgruppe?

Wiesemann: Nein, sie sind nicht in der ersten Impfgruppe, beziehungsweise nur insoweit, als sie selbst wiederum Personen mit einem sehr hohen Risiko betreuen. Hier hat man eine gewisse Abstufung vorgenommen: Schon in der zweiten Gruppe wird auch das ärztliche und pflegerische Personal erwähnt, was sich allgemein um Covid19-Patienten kümmert.

Während der ersten Welle im Frühjahr hat das Wort "Systemrelevanz" plötzlich eine eigenartige Konjunktur erfahren. Die spielte in dieser ersten Entscheidung keine große Rolle. Warum nicht? Was hat sich da geändert?

Wiesemann: Der Begriff ist tatsächlich nicht besonders glücklich, denn er unterstellt so eine Art Hierarchie in den Berufen. Warum ist es etwa die Feuerwehr systemrelevanter als die Kassiererin an der Supermarktkasse? Die Letztere ist vermutlich sehr viel stärker einem Risiko durch ständigen Kontakt mit Käuferinnen und Käufern ausgesetzt. Mittlerweile sagt man "relevant für bestimmte Funktionsbereiche" oder "relevant für die Aufrechterhaltung von bestimmten gesellschaftlichen Funktionen". Das ist gut, denn es macht nicht so eine Hierarchie auf unter uns Menschen, die wir uns eigentlich alle in irgendeiner Art und Weise für das Gemeinwesen einsetzen.

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Wiesemann: Zunächst mal geht es darum, 80 Millionen Mitgliedern unserer Bevölkerung die Möglichkeit zur Impfung anzubieten und diese auch zu realisieren, wenn man sich impfen lassen will. Das ist eine ganz andere Größenordnung. Da muss man nicht nur nach Gründen wie Lebensrettung und ähnlichem gehen, sondern auch nach Gesichtspunkten der Praktikabilität. Man muss sich fragen, wer sich selbst noch ausreichend schützen kann, etwa durch Einhaltung der Abstandsregeln. Heimbewohner können das in der Regel nicht. Hier gibt es eine Vielfalt von praktischen Kriterien, und da scheint es sinnvoll zu sein, den Impfzentren klare Vorgaben zu machen.

Halten Sie es für richtig, dass im Falle der Triage keine Vorgaben gemacht werden?

Wiesemann: Ich denke, dass in diesem spezifischen Fall es sehr stark auf die Einschätzung des medizinischen Personals vor Ort ankommt. Das ist sehr schwer in einen gesetzlichen Rahmen zu füllen.

Jens Spahn hat auch darauf hingewiesen, dass es keine Zertifizierung der Impfung gibt und der möglichen anschließenden Immunisierung. Damit wolle er einen unnötigen Wettbewerb vermeiden. Aber ist damit nicht die Rückkehr zum Normalzustand gefährdet, wenn wir gar nicht genau wissen, wer sich eigentlich schon hat impfen lassen und wer nicht?

Wiesemann: Es ist sicher, dass das in unseren Impfpass eingetragen wird und wir damit auch einen Nachweis über die Impfung haben. Das könnte durchaus in bestimmten Situationen relevant werden. Eine Zertifizierung im Sinne eines staatlichen Siegels, das uns vielleicht andere Freiheiten verschafft als dem Durchschnittsbürger, der sich noch nicht hat impfen lassen können - das würde doch sehr viel sozialen Unfrieden schüren. Ohnehin wissen wir noch nicht genau, ob uns die Impfung auch davor schützt, das Virus an andere weiterzugeben. Es schützt den Geimpften, das ist nachgewiesen - aber schützt es auch vor der Weitergabe an Dritte, die nicht geimpft sind? Solange wir das nicht wissen, sollten wir uns alle so gut es geht an die Hygiene- und Abstandsregeln halten.

Die Impfbereitschaft scheint eigentümlicherweise zu sinken, insbesondere unter Menschen aus medizinischen Berufen. Können Sie sich das erklären?

Wiesemann: Ich glaube, es wird im Moment viel Aufhebens von einzelnen Reaktionen gemacht. Es wird sich am Ende sehr deutlich zeigen, dass die Geimpften sehr viel besser geschützt sind gegen die Infektion. Dieser praktische, lebenswichtige Vorteil wird auch vielen anderen Menschen im Zuge der Impfaktion einleuchten. Gerade das medizinische Personal wird sehr auf den eigenen Schutz bedacht sein. Zurecht, denn sie übernehmen für uns alle ernsthafte Risiken.

Dieser Impfplan ist nicht vom Bundestag diskutiert und beschlossen worden, sondern vom Bundesgesundheitsminister verordnet. Ist der Parlamentarismus ein Pandemie-Opfer?

Wiesemann: Ich bin sehr dankbar dafür, dass die deutsche Bürokratie in diesem Bereich hervorragend arbeitet. Das scheint mir im Wesentlichen eine Frage einer bürokratischen Entscheidung zu sein, und zwar meine ich das in ganz positivem Sinne. Wir haben ein staatlich ganz gut organisiertes Gemeinwesen; die rackern sich im Moment ab, diese Impfzentrum auf die Beine zu stellen. Wir können dafür nicht immer das Parlament heranziehen. Das Parlament hat meines Erachtens andere politische Aufgaben.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.12.2020 | 18:00 Uhr