Eine Hand in einem Handschuh hält eine Spritze vor einer Schulter. © fotolia.com Foto: miss_mafalda

Corona: Ethische Fragen zur Impfreihenfolge

Stand: 11.11.2020 18:04 Uhr

Die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs scheint auf einem guten Weg zu sein. Doch wem stehen wann und wo wie viele Impfdosen zur Verfügung? Und wer erhält als erstes eine Schutzimpfung? Fragen an die Medizinethikerin Claudia Wiesemann.

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Frau Wiesemann, die EU-Kommission hat grünes Licht für den Ankauf von zunächst 200 Millionen Dosen des Impfstoffs gegeben, mit Option auf weitere 100 Millionen. Nach welchem Schlüssel sollten diese Ihrer Meinung nach verteilt werden?

Claudia Wiesemann: Zunächst einmal müssen wir vermeiden, dass Menschen an dieser Erkrankung sterben. Es gibt Gruppen, die ein deutlich erhöhtes Risiko haben, ernsthaft krank zu werden und zu versterben, etwa Menschen im hohen Alter oder Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen. Die kann man gezielter schützen.

Andere Personengruppen haben ein höheres Risiko, die Infektion zu bekommen, nicht nur weil sie viel Personenkontakt haben, sondern weil sie sich um Menschen kümmern, die selbst erkrankt sind. Das sind klassischerweise Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte oder Hebammen. In diesem Fall geht es darum, diese Personengruppe zu schützen - in ihrem eigenen Interesse, aber auch im Interesse der Aufrechterhaltung des Gesundheitswesens. Das sind die beiden Gruppen, die man als erstes nennt, wenn es darum geht, wer den ersten Anspruch auf eine solche Impfung haben soll.

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Es gibt auch anders lautende Forderungen, wonach zuerst Junge geimpft werden sollen. Das sind zum einen diejenigen, die am häufigsten die Abstandsregeln nicht einhalten und somit womöglich die Viren am häufigsten übertragen. Das sind aber auch diejenigen, die - weil häufig berufstätig - das Land am Laufen halten. Was sagen Sie dazu?

Wiesemann: Da gibt es zwei Gegenargumente. Zum einen ist das eine sehr große Gruppe, und unser Impfstoff wird vermutlich nicht ausreichen, um damit eine effektive Unterbindung der Verbreitung des Virus zu erreichen. Zum anderen wird die Impfung freiwillig sein, und es ist fraglich, ob man in dieser Personengruppe eine ausreichende Bereitschaft erreichen wird, sich impfen zu lassen. Denn wir brauchen eine gewisse Durchimpfungsrate, damit die Maßnahme auch wirksam ist.

Aktuellen Meinungsumfragen zufolge wollen sich nur 50 bis 60 Prozent der Menschen impfen lassen. Das würde nicht ausreichend für eine Hordenimmunität. In welches ethische Dilemma kommt ein Mensch, der sich nicht impfen lassen will, der aber auch die Allgemeinheit nicht gefährden will?

Wiesemann: Das Risiko muss jeder für sich persönlich prüfen. Die Verantwortung trägt man selbst. Wir gehen viele Risiken in unserem Alltag ein, abhängig davon, wie wichtig uns das Ziel ist. Aber es ist eine andere Frage, ob ich selbst ein ernsthaftes Risiko für andere darstelle. Das wird man für die Durchschnittsbevölkerung vermutlich nicht bejahen, aber zum Beispiel für Menschen, die im engen Kontakt mit vulnerablen Personengruppen stehen. Ich kann mir vorstellen, dass etwa Pflegeheime an ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Anforderung stellen, geimpft zu sein, wenn der Impfstoff verfügbar ist, und dass die Arbeitsstelle daran gekoppelt wird. Das ist aber zum Schutze Dritter, und unter diesen Umständen wäre es auch gerechtfertigt.

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Für uns Europäer scheint es gesichert, dass uns ein hohes Maß an Impfstoffen zur Verfügung stehen wird. Aber was ist mit dem Rest der Welt - schauen die in die Röhre? Und wie gehen wir - ethisch gesehen - damit um?

Wiesemann: Biontech und Pfizer sind nicht die einzigen großen Unternehmen, die sich der Entwicklung eines Impfstoffs verschrieben haben. Es sind etwa 60 Initiativen weltweit, die dieses Ziel verfolgen. Das ist auch wichtig so. Denn natürlich sollte der Impfstoff, so er denn verfügbar ist, möglichst vielen Menschen in möglichst vielen Weltregionen zur Verfügung gestellt werden können. Die Weltgesundheitsorganisation sieht dieses Problem und hat schon erste große Anstrengungen unternommen, um hier Abhilfe zu schaffen. Eine ganze Reihe von Biotechnologiefirmen und Impfstoffentwicklern haben sich verpflichtet, einen Teil ihres Impfstoffs den ärmeren Ländern dieser Welt zur Verfügung zu stellen, sodass man jetzt schon planen kann, welchen Prozentsatz an Impfdosen jedes Land dieser Welt in der ersten und in der zweiten Phase zur Verfügung gestellt bekommen wird. Wir sollten trotzdem aufmerksam dafür bleiben, denn wir wissen alle, dass wenn es Spitz auf Knopf kommt, das Eigeninteresse unter Umständen wichtiger ist als das Interesse anderer Menschen.

Wie könnte die Gerechtigkeit hergestellt werden, wer wäre zuständig? Bin ich es auch selber, indem ich zunächst auf den Impfstoff verzichte und ihn lieber dorthin schicken lasse, wo er dringender gebraucht wird?

Wiesemann: Als einzelner Mensch hat man vergleichsweise wenig Einfluss darauf. Man kann den Einfluss beispielsweise über die eigenen politischen Instanzen geltend machen. Ich kann mich als Ethikerin dafür einsetzen, aber ich weiß, dass ich schon offene Türen einrenne, denn es gibt die internationale Impfallianz. Es ist nicht das erste Mal, dass sich solche Probleme weltweit stellen. Wir sind als Land bislang von den Pandemien der letzten Jahrzehnte verschont geblieben. Es gibt eine Reihe von Organisationen und großen Sponsoren, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, dass hier Gerechtigkeit und gleicher Zugang herrschen muss. Ich persönlich finde, dass das eine der ganz großen Errungenschaften unserer modernen Zeit ist, dass es dieses Bewusstsein und diesen Einsatz für möglichst gleichen Zugang zu so elementaren Gesundheitsleistungen gibt.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.11.2020 | 18:00 Uhr