Eine Familie sitzt im Wohnzimmer auf dem Sofa © picture alliance / photononstop Foto: Eric Audras

Corona: Eine Renaissance des Biedermeier

Stand: 19.03.2021 12:37 Uhr

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie hat ein Rückzug ins Private stattgefunden - erzwungenermaßen. Wir halten uns viel mehr zuhause auf als früher, wir sortieren und verschönern unser Heim.

von Barbara Vinken

Seit dem neuen Jahr habe ich das Gefühl im falschen Film zu sein. Wie durch ein Wunder ist es gelungen, in bisher nicht für möglich gehaltener Rekordzeit nicht einen, nein gleich mehrere Impfstoffe zu finden, zu produzieren, sogar zuzulassen. Und ein zweites Wunder: Diese Impfstoffe wirken sogar gegen die neue ansteckendere Mutation des Coronavirus, die uns mit dem neuen Jahr überrollte.

Die verlorenen Lebenschancen

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Aber dann: Statt alle Energien zu bündeln, um uns, den Bürgern, zu ermöglichen, zu leben, hat sich der Staat in seine neue Rolle verguckt, Leben zu verbieten, den Ausnahmezustand zum Dauerzustand zu machen, die Leute von der Straße weg und im Haus zu halten. Wie viele Lebensjahre durch die Covid-19-Toten verloren gegangen sind, wird berechnet. Ich habe dagegen noch keine Studie gesehen, die das verlorene Glück, die verlorenen Lebenschancen und die verlorenen Möglichkeiten einzuschätzen wagt. Wie viele Leute haben sich weniger verliebt, weniger angelächelt, weniger getanzt, weniger zusammen im Kino geweint, weniger zusammen im Theater geklatscht, im Hörsaal oder auf Tagungen leidenschaftlich diskutiert, im Restaurant zusammengefunden, oder einfach Tennis gespielt, geschwommen? Sich zum eigenen und zum Vergnügen aller angezogen? Wie viele Studenten habe noch nie in einem Seminar gesessen? Wie viele Kinder haben von heute auf morgen alle Freunde verloren? Wie viele alte Leute haben mit dem normalen Leben nicht nur ihr Lebensglück, sondern auch die Orientierung verloren?

Wie kann es sein, dass eine Gesellschaft ihre Energie darauf verschwendet, über die sogenannten Privilegien zu streiten, die mit der Impfung kommen oder nicht kommen, über die "Privilegien" zu diskutieren, die an einem Impfpass hängen, sodann tatsächlich Prozesse zur unberechtigten Vorteilnahme derart "Privilegierter" anzustrengen, statt die Energien so effizient wie effektiv zu bündeln, einen wirklichen Akt der Solidarität hinzukriegen und so viele wie möglich so schnell wie möglich zu impfen? Und damit das Glück des Lebens wieder für so viele wie möglich so schnell wie möglich in den wenigen Jahrzehnten, die uns auf Erden geschenkt sind, erreichbar zu machen?

Ideale und Mythen der Gesellschaft

Ich finde das Schneckentempo, das hierzulande in Sachen Impfung herrscht, nicht nur unerträglich, sondern auch unerklärlich. Und nichts unsolidarischer, als Solidarität für das völlige Versagen ins Feld zu führen. Meine Eltern sind 89 Jahre und haben bis heute keinen Impftermin. Dass es nicht zu Revolten kommt, liegt nicht daran, dass alle solidarisch mit den verletzlicheren Menschen sind. Es kann nur daran liegen, dass sehr viele die aktuelle Situation tatsächlich als Privileg, als Glücks- und Lebensgefühlsteigerung sehen. Und sich wunderbar in diesem Ausnahmezustand eingerichtet haben. Wie ein Seismograph deckt die Pandemie die ideologischen Filetstücke, die kollektiven Wunschvorstellungen, die Ideale und Mythen der Gesellschaft auf: My home is my castle; unterm Strich komm ich (und meine Familie) klar. Die Familie gilt in Deutschland als Raum der Menschlichkeit gegen eine unmenschlich harte Welt, die es jetzt erst recht zu meiden gilt.

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Diese Familie war ein bürgerliches Ideal: Die Ehefrau und Mutter wurde zur entscheidenden Stütze der Gesellschaft. Die Grundlage der Familie, wie sie sich im bürgerlichen Zeitalter entwickelte, war eine nicht immer durchgehend praktizierte, aber als ideal erklärte Gender-Ordnung: Die Mutter als Engel im Haus sicherte die Familie als Ort wirklicher Menschlichkeit. Sie schützte die Ihren vor dem verderblichen Einfluss der Straße, der Welt. In der harten Karrierewelt kämpft der Mann für den Familienunterhalt, die Frau sorgt in den heimischen vier Wänden für Herzensbildung.

Jetzt ist passiert, wonach man jahrelang gerufen hat: Für die Erhaltung dieses Raumes in den Zeiten der Krise engagieren sich die Ehemänner und Väter an der Seite ihrer Frauen. Endlich konzentrieren sich Beide aufs Wesentliche: auf Partner und Partnerin, auf die Kinder. Was sind schon gleichberechtige Karrierechancen auf einem ungeliebten Arbeitsmarkt angesichts dieser Festung, diesem Zuhause, diesem jetzt von Mann und Frau solidarisch gestemmten Glück? Diesem Fels in der Brandung? Schaum der Tage.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 20.03.2021 | 13:00 Uhr

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