Stand: 03.08.2020 19:19 Uhr

Corona-Demo: "Es muss auch Platz für diese Meinung geben"

Trotz steigender Infektionszahlen haben am vergangenen Sonnabend rund 20.000 Menschen in Berlin gegen die Anti-Corona-Maßnahmen protestiert - ohne Gesichtsmasken, ohne Sicherheitsabstand, dafür mit reichlich Aggressionspotenzial und eigenen - alternativen - Wahrheiten. Die Bundesregierung hat die Demonstranten scharf kritisiert, aber es gab auch Verständnis seitens der FDP und Lob von der AfD. Gleichzeitig wurde Kritik an der Regierung laut: Schärfere Auflagen seien nötig gewesen, die Demonstration hätte überhaupt nicht gestattet werden dürfen oder früher abgebrochen werden müssen. Ein Gespräch mit der Autorin und Publizistin Lamya Kaddor.

Frau Kaddor, Sie haben sich bereits im Mai in Ihrer Kolumne "Zwischentöne" zu den Verschwörungstheorien und Corona-Leugnern geäußert: "Wir sollten das ernst nehmen", haben Sie getitelt. Als Sie die Bilder vom Sonnabend gesehen haben, was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen? Haben Sie sich in Ihrer Sorge bestätigt gefühlt?

Lamya Kaddor © picture alliance/Eventpress
"Es ist schon wichtig, dass diese Menschen weiterhin die Freiheit und das Recht haben zu demonstrieren", findet Lamya Kaddor.

Lamya Kaddor: Leider ja. Andererseits war ich nicht völlig überrascht, dass es doch sehr viele Menschen gibt, die gegen diese Maßnahmen demonstrieren wollen. Wir wussten bereits vorher, dass es diese Gruppe gibt, die wir als Corona-Leugner bezeichnen würden, die leugnen, dass es eine Krankheit namens Covid-19 gibt und dass sie so schwerwiegend ist. Wir konnten auch damit rechnen, dass sie auf die Straße gehen würden, denn es ist nicht das erste Mal, dass sich diese Gruppe Luft verschafft. Mich hat eher die Zusammensetzung überrascht, dass sich diese unterschiedlichen Gruppen unter diesem Anliegen zusammenfinden. Es waren nicht nur Rechte oder Corona-Leugner, sondern es fanden sich auch einige Esoteriker und Klimaleugner unter diesen Menschen. Das war schon erkenntnisreich für uns.

Es gibt eine treibende Kraft hinter dieser selbsternannten Freiheitsdemo: die sogenannten Querdenker. Wer oder was verbirgt sich dahinter?

Kaddor: Das sind vor allen Dingen Menschen, die sich stark machen gegen alles, was diese Gruppe als Mainstream bezeichnet: Leugnung des Klimawandels, starkes Entgegentreten gegen den Euro, Anti-Flüchtlingskurs - im Grunde genommen alles, wogegen man in einem so konstruierten Establishment sein kann. Das sind die sogenannten Querdenker, die sich berufen fühlen, laut zu werden, weil sie anders als der "normale" Deutsche für sich beanspruchen, quer und damit gegen den Strich gebürstet zu denken und mutiger zu sein.

Die Politik debattiert über eine mögliche Einschränkung der Versammlungsfreiheit. Nach Ansicht des Unions-Innenexperten Armin Schuster wäre es verhältnismäßig, die Versammlungen "nur noch unter sehr viel strengeren Auflagen oder gar nicht mehr zu genehmigen". Wie stehen Sie dazu?

Kaddor: Ich sehe das ganz ähnlich. Wobei ich befürchte, dass sich die Lage noch verschärfen könnte, wenn unsere Staatsgewalt strenger mit den Demonstranten umgehen würde. Die Erfahrung lehrt: Je konsequente, je strenger wir auf das Einhalten der Abstandsregeln beharren, desto weiter drücken wir diese Gruppe mit ihrem Anliegen an den gesellschaftlichen Rand und desto eher können wir davon ausgehen, dass sich diese Mitglieder in ihrer Ansicht zunehmend radikalisieren - dass sie es mit einem Staat zu tun haben, der ihre Meinungsfreiheit, ihre Rechte unterdrückt, dass wir in einer Art Meinungsdiktatur leben würden, dass wir es mit einer Lügenpresse zu tun hätten. Es ist schon wichtig, dass diese Menschen weiterhin die Freiheit und das Recht haben zu demonstrieren. Es muss auch Platz für diese Meinung geben - obwohl ich das nicht mehr als Meinung verstehen kann, wenn man Covid-19 oder den Klimawandel leugnet. Hier ist ein gesunder Mittelweg zu suchen.

Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Polizei, dass sie nicht früher eingegriffen hat?

Kaddor: Ich glaube, dass das gar nicht so einfach ist. Bei 20.000 Demonstrantinnen und Demonstranten einzelne Personen herauszupicken, die sich nicht an die Auflagen gehalten haben, macht das Ganze unüberschaubar. Ich glaube, in der Situation kann die Polizei kaum mehr richtig handeln. Entweder verbietet man solche Arten von Demonstrationen vorher - dann braucht man eine gute Begründung dafür, und ich glaube, rechtlich ist das gar nicht so einfach. Andererseits ist es fast unmöglich, aufgrund der Diversität dieser Gruppen und der zum Teil vorhandenen Gewaltbereitschaft, da so durchzugreifen, dass das nicht eskaliert. Die Polizei muss durchgreifen, wenn gegen Vorschriften verstoßen wird - aber wo soll sie bei 17.000 Menschen anfangen, wenn niemand eine Maske trägt? Ich kann das kaum objektiv beurteilen.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich.

Lamya Kaddor © picture alliance/Eventpress

AUDIO: Corona-Demo: "Es muss auch Platz für diese Meinung geben" (8 Min)

Weitere Informationen
Zwei Schüler mit Schutzmasken sitzen im Klassenraum. (Themenbild) © picture alliance Foto: Jonas Güttler

Corona-Ticker: Nach Herbstferien Maskenpflicht in SH-Schulen

Ab der fünften Klasse müssen Schüler für zwei Wochen auch im Unterricht Masken tragen. Mehr Corona-News im Live-Ticker. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.08.2020 | 19:00 Uhr