Mann hiner einem Mikrofon © IMAGO / Shotshop

Pandemie-Bilanz: Befragung unter Musikern in Niedersachsen

Stand: 17.05.2021 13:25 Uhr

Der Landesmusikrat Niedersachsen und die Initiative Musikland Niedersachsen haben eine Befragung unter selbstständigen Musikerinnen und Musikern zur Lage in der Corona-Pandemie gemacht - mit ernüchternder Bilanz.

von Miriam Stolzenwald

Lothar Mohn, Präsident des Landesmusikrats Niedersachsen, konstatiert: "Die Befragten äußern Angst vor persönlichen Langzeitfolgen, negative Auswirkungen auf die Rente. Sie sehen vielfach keine Perspektive für die Rückkehr zum regulären Berufsleben, weil sie gar nicht wissen, wie die Zeit weitergehen kann," sagt Mohn. 500 professionelle Musiker*innen der etwa 9.000 aus Niedersachsen haben an einer Erhebung teilgenommen.

Daraus geht hervor, dass 40 Prozent der Künstlerinnen und Künstler, die vor der Pandemie als Selbstständige von der Musik gelebt haben, inzwischen ihre Selbstständigkeit zeitweise oder komplett aufgegeben haben. Viele von ihnen mussten zusätzliche Tätigkeiten aufnehmen oder haben sich gänzlich beruflich umorientiert. Ein Drittel der Befragten berichtet von einem Umsatzverlust von über 50 Prozent.

Befragung ergibt: Finanzielle Hilfen decken kaum die Verluste

"Es gibt wenige hoffnungsvolle Stimmen," bilanziert Lothar Mohn. "Und es gibt eine insgesamt große Frustration, da eine fehlende Wertschätzung der Kultur und für die musikalische Bildung wahrgenommen wird." Es bestehe große Sorge, dass in den kommenden Jahren Kulturförderungen eingespart werden und die kulturelle Infrastruktur verloren geht. Zwar konnten fast die Hälfte der Befragten finanzielle Hilfen beantragen, doch diese konnten bei den meisten nur ein Viertel ihrer Verluste decken.

Der Jazzmusiker Peter Schwebs hat auch von solchen Hilfen profitiert und konnte damit sogar mehr als 50 Prozent seiner Einbußen kompensieren. Ohnehin sei er bisher recht gut durch die Krise gekommen. Er lebt ausschließlich von Auftritten - im letzten Jahr wurden die meisten davon abgesagt. Dennoch ist er optimistisch, dass er weiterhin als Musiker arbeiten kann: "Ein bisschen mehr Sorge machen mir die internationalen Projekte. Ich habe ja mein Trio noch in New York. Da hatten wir auch internationale Touren im Kalender stehen und wann das wieder möglich sein wird, da muss man noch ein bisschen Geduld haben."

Hilfen für Solo-Selbstständige: Niedersachsen Schlusslicht

Was die Hilfen für die Solo-Selbstständigen angeht, gehöre Niedersachsen im bundesweiten Vergleich zu den Schlusslichtern, sagt Lothar Mohn. Viele der Musikerinnen und Musikern hätten das Vertrauen in die Politik verloren. Das äußerten auch die für Interviews angefragten Musiker, die in einem neuen Beruf arbeiten. Sie hätten ihre Geschichte schon oft erzählt, aber es sei nichts passiert. Oder aber sie haben die Hoffnung, doch irgendwann wieder in den Künstlerberuf zurückkehren zu können.

Um weiterhin als Musiker ernst genommen zu werden, wollten sie aber nicht öffentlich über ihren neuen Beruf sprechen. Peter Schwebs, der auch im Vorstand der LAG Jazz ist, setzt sich deshalb mit Nachdruck für einen guten Dialog mit der Politik ein. Nachdem sich die Jazzszene international zu Corona ausgetauscht habe, sei dieser Dialog nun in Gang gekommen: "Ein Ergebnis aus dieser monatelangen Diskussion ist das Projekt 'Jazz braucht Dialog'. Da haben wir jetzt Gespräche mit allen möglichen Parteien angefangen."

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NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 17.05.2021 | 07:20 Uhr