Stand: 22.06.2020 18:39 Uhr

"Der Applaus steht ganz oben auf der Verlustliste"

Derzeit finden in Klagenfurt die 44. Tage der deutschsprachigen Literatur statt, an dessen Ende unter anderem der Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben wird. Von der Stadt Klagenfurt zu sprechen, ist aber nicht ganz korrekt. Denn sowohl die Autorinnen und Autoren als auch die Jury sind Corona-bedingt nur als Stream in ein weitgehend leeres Studio des ORF in Klagenfurt zugeschaltet. Verfolgt werden kann das Ganze bei 3sat oder im Internet. Die Journalistin Cornelia Zetzsche war in den vergangenen Jahren regelmäßig in Klagenfurt.

Frau Zetzsche, funktionierten die Tage der deutschsprachigen Literatur digital?

Cornelia Zetzsche © Bayerischer Rundfunk
Cornelia Zetzsche arbeitet als Journalistin und besucht seit Jahren die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Das funktioniert überraschend gut. Es ist sehr lebendig und sehr bunt. Die Lesungen sind alle in ähnlich stilisierten Räumen aufgezeichnet, in denen - wahrscheinlich zur Chancengleichheit mit gleichen Requisiten - einem Bücherstapel, einem Wasserglas und den berühmten Bachmann-Preis Liegestühlen ausgestattet - vorgelesen wird. Da werde ich ganz sehnsüchtig, die Liegestühle stünden nämlich eigentlich in meinem Garten oder in der Stadt. Jetzt sind es nur rote, grüne und blaue Farbtupfer in dunklen Zimmern, wie Ateliers oder in einem Garten, einer Kirche oder in einem Kloster. Die Autoren lesen sehr ruhig wie in Klagenfurt. Die Regie allerdings forciert schnellere Schnitte, Bildwechsel und Überblendungen, fast als traue man dem Text nicht. Ich finde das ein bisschen zu verspielt. Was ganz stark fehlt ist natürlich die Einstellung auf das Publikum. Der Applaus steht ganz oben auf der Verlustliste. Ansonsten muss man sagen, dass das ORF-Format die Fernsehzuschauer vergessen lässt, dass die Lesungen digital stattfinden.

Mindestens so spannend wie vorgetragene Texte sind die Aussagen der Kritikerinnen und Kritiker. Wie ist das denn dieses Mal geregelt? Sie sind ja auch nur zugeschaltet.

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Helga Schubert sitzt in ihrem Garten © NDR.de Foto: Lenore Loetsch

Mit 80 Jahren Preisträgerin des Bachmann-Wettbewerbs

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Die Arbeit der Kritikerinnen und Kritiker ist eine Textarbeit. Ich finde, dass sie jetzt deutlich angriffslustiger sind als in den letzten Jahren. Das liegt auch an Philipp Tingler, einem Neuzugang mit großem Ego. Er ist Ökonom, Autor und Instagrammer, mit einem unglaublichen Hang zum Zwischenruf. Er selber sagt von sich "Ich quake immer dazwischen." Das brachte anfangs sehr viel Leben in das Studio und zunehmend Unmut, weil es eigentlich jeden Gedanken zerstört, zumal Bild und Ton leicht verzögert sind. Die Jury ist mit sich und mit den Kandidaten deutlich unbarmherziger. Wer dem Autor nicht direkt ins Auge blickt, wagt mehr Schärfe. Da ist von einem "Koma vor Langeweile die Rede", von "Kraut und Rüben" und von der "Klischee-Kanone". Es geht schon ziemlich zur Sache.

Haben sie schon Highlights gehört und gesehen?

Der heutige Tag war deutlich stärker als gestern. Er endete mit einer hoch poetischen, politischen Litanei des Lyrikers Levin Westermann. Das wurde von der Jury, außer Philipp Tingler, hoch gelobt. Mich hat es anfangs angezogen, dann allerdings zunehmend enerviert. Ganz toll fand ich die zwei Frauen, die den Tag begonnen haben: Hanna Herbst und Helga Schubert. Wenn wir in Klagenfurt wären, wären wir alle von ihr verzaubert. Helga Schubert ist 80 Jahre alt, hat eine bewegte Vergangenheit und noch immer ein heiteres Herz. Jetzt mit 80, kondensierte sie Texte aus der Schublade. In ihnen erzählt sie von ihrer Mutter, ihrem Leben im Nationalsozialismus und im Krieg, von der Flucht aus und der DDR. Und sie erzählt von sich, einer Tochter, die immer ein Problem mit der Demütigung hatte aber die am Lebensende verzeihen kann. Das klingt jetzt sehr pathetisch aber sie hat das ungeheuer lakonisch formuliert. Es ist eine biografische Nussschale, in der das ganze 20. Jahrhundert versammelt. Favoriten habe ich heute noch nicht gesehen gehört.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal Gespräch | 19.06.2020 | 19:00 Uhr

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