Stand: 11.12.2017 08:00 Uhr

"Ein größerer Gegensatz als zwischen uns ist nicht vorstellbar"

Mit seinem Sprechstück "Publikumsbeschimpfung" forderte Peter Handke 1966 das Publikum heraus, stellte Seh- und Spracherfahrungen infrage, machte die Sprache selbst zum Ereignis. Nun feiert der Schriftsteller seinen 75. Geburtstag. NDR Kultur gratuliert und spricht mit seinem langjährigen Freund, dem Regisseur Claus Peymann, zuletzt Intendant des Berliner Ensembles.

Herr Peymann, welche Bestimmung hat Peter Handke?

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Theatermacher Claus Peymann und Schriftsteller Peter Handke verbindet seit den 1960er-Jahren eine enge Freundschaft.

Claus Peymann: Das wird er selber am besten wissen. Aber er ist sicherlich einer von den Aufrechten in der Kunst, in der Literatur. Mehr und mehr ist er zu einem großen Bewahrer geworden. Die Bestimmung, Visionen zu haben, die Bestimmung der Kunst, den Platz in der Gegenwart immer wieder zu erkämpfen, auch der politischen Kunst. Erinnert sei nur an den großen Streit um den Jugoslawien-Krieg. Aber von Anbeginn an war auch die "Publikumsbeschimpfung" nicht nur Literatur, sondern auch Politik. Es war das Stück der Stunde, der Unruhe, der 68er-Revolte. Und so sind seine heutigen Stücke immer Stücke, die ausgehen von einer zerstörten Gegenwart in den Traum einer besseren Welt. Wie Goethe mit seinem "Faust II", ein großer Träumer und Utopist. Das ist sicherlich seine Berufung. Die hat er sich selbst genommen, ergriffen und vertritt sie - ein toller Mensch!

Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler nennt Handkes Aufstieg 1966 "kometenhaft". Sie waren an diesem Aufstieg maßgeblich beteiligt. Wie haben Sie damals den fünf Jahre jüngeren Handke erlebt?

Peymann: Wir haben uns in Frankfurt am Main getroffen, er kam mit zwei Plastiktüten des Weges, wahrscheinlich direkt vom Jesuiten-College, dem er, glaube ich, entflohen ist, die Plastiktaschen voller Beatles- und anderer Popmusik. Er sah aus wie so ein Milchbart. Wir sind dann zusammen den Main mit einem Tretboot rauf- und runtergefahren. Ich glaube, er war auf dem Weg nach Amerika zur Tagung der Gruppe 47, wo der große Aufruhr ausbrach, als er Stellung bezog gegen die gesamte damalige zeitgenössische Literatur von Grass, Enzensberger und Böll und selber eine ganz neue Position behauptete. Er war immer auch ein Provokateur, jemand, der sich gegen Entwicklungen stellte.

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Bis zum heutigen Tag zieht sich eine Linie durch: In seiner Literatur schimmerten auch immer die Epochen der letzten 50 Jahre durch. Das waren Stücke wie "Kasper" über den manipulierten Menschen, "Das Mündel will Vormund sein" über die Revolte der Unterdrückten gegen die Starken, dann diese traumverlorenen Stücke des Spätwerks, eines der letzten Stücke, "Zurüstungen für die Unsterblichkeit", "Spuren der Verirrten" - alles Bilder, Träume, Vorstellungen einer anderen Welt, auch in einer großen Menschlichkeit. Aus dem Revolutionär von damals mit den Plastiktaschen voller Beat-Musik ist heute ein gläubiger Mystiker geworden, ein seltsamer, scheinbar rückwärtsgewandter Denker. Er ist ein gefährlicher Freund, der nichts zulässt, wahrscheinlich inzwischen ein gläubiger Christ, mit Reisen bis in die serbische Orthodoxie der Kirche. Ein größerer Gegensatz als der zwischen Handke und mir ist gar nicht vorstellbar. Aber ich sehe mich, und das war damals schon so in der "Publikumsbeschimpfung", immer eher als Dirigent. Das Originalgenie - und das ist ein Genie - ist der Dichter Peter Handke. Und wenn man sagt, er sei berufen, dann ist er auch ein Auserwählter. Diese besonderen Menschen - nicht nur Handke, auch Thomas Bernhard, Beuys und Picasso - sehen mehr als wir normalen. Ich habe mich immer von ihm an die Hand genommen gefühlt und bin ihm in seine verworrenen, hochinteressanten, brisanten Wege in das Theater gefolgt - mit größter Freude und großer Verlegenheit.

Und wie ist es Ihnen in der Serbien-Kontroverse gegangen? Konnten Sie ihm da auch folgen? Er löste 1996 viel Kritik aus, als er den jugoslawischen Ex-Präsidenten und Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic unterstützte. Hat Handkes Liebe zu Serbien ihn blind gemacht für die Verbrechen im Namen Serbiens?

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Peymann: Ob er ihn unterstützt hat, weiß ich nicht. Er wusste sehr genau Bescheid, was dort passiert, und wir sind alle befangen in unserer Beurteilung. Er hat den alternativen Heinrich-Heine-Preis bekommen - den offiziellen hat man ihm abspenstig gemacht -, und dann gab es eine große Bewegung, die 50.000 Euro aus anderen Quellen zu beziehen. Und dieses Geld hatte Handke dann nach Serbien gebracht, und hat dort in einem kleinen serbischen Dorf in Bosnien, in der Enklave, dieses Geld übergeben. Das ist humanitäres Handeln in Reinkultur. Vergessen wir nicht, dass die Söhne und Enkel der Nazi-Soldaten, die Belgrad bombardiert hatten, auch dann wieder das heutige Belgrad bombardiert haben. Er hat mir in meiner Bewertung des Serbien-Krieges, auch der dort handelnden Personen, einen anderen Blick beigebracht, wie er auch einen anderen Blick auf die Welt, auf die Geschichte hat. Ob er ein Parteigänger von Milosevic gewesen ist, bezweifele ich aufs Tiefste. Das ist das Bild, was von ihm entworfen wurde - ich selbst habe in Bosnien einen anderen Handke erlebt: einen Handke, der sich gefreut hat, für eine Schule eine neue Pflasterung des Hofs, für das Schwimmbad etwas zu machen. Man muss da unheimlich aufpassen, wer der Provokateur ist, ob es die Zeitungen sind oder dieser wunderbare, einmalige Mensch. Ein ganz großer Mann feiert seinen Geburtstag.

Und nun ist der vielleicht sogar letzte große Roman Handkes erschienen: "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere". Sie lesen dieses Buch gerade - welche Assoziationen haben Sie dabei?

Peymann: Es ist wieder ein typischer Handke. Ich probiere gerade im Stuttgarter Staatstheater Shakespeares "Lear", und nachmittags vertiefe ich mich in die "Obstdiebin". Es ist eine Fortsetzung in Bildern des Denkens einer vielleicht nicht mehr allzu großen Lesegemeinde. Aber jedem kann ich wünschen, sich in diese merkwürdige, schöne, tiefe Melodie des Peter Handke einzuschalten.

Das Interview führte Natascha Freundel.

Claus Peymann © dpa/Eventpress Hoensch

Peter Handke zum 75. Geburtstag

NDR Kultur -

Der Theaterregisseur Claus Peymann über einen Provokateur, Weltverbesserer und gläubigen Mystiker.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 06.12.2017 | 19:00 Uhr

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