Stand: 18.04.2019 08:04 Uhr

Notre-Dame: ein Untergangszeichen für Europa?

Nach dem großen Brand von Notre-Dame hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron versprochen, die Kathedrale innerhalb von fünf Jahren wieder zu errichten. Historiker und Architekten mahnen: Fünf Jahre sind zu wenig. Die radikale Linke moniert: Wenn Frankreichs Milliardäre Hunderte von Millionen spenden für das nationale Symbol - warum zahlen sie nicht ihre Steuern im Land? Die Gewerkschaft CGT fordert im Sinn der Gelbwesten: Die Vermögenssteuer muss wieder her. Gerät Notre-Dame, kaum dass der Brand gelöscht ist, in die Mühlen der Politik? Fragen an den Politikwissenschaftler, Frankreich-Kenner und Europäer aus Leidenschaft, Claus Leggewie.

Hat Macron das Richtige getan, als er am Montagabend über Notre-Dame gesprochen und das Finale der "nationalen Debatte" erst mal zurückgestellt hat?

Bild vergrößern
"Es ist absurd und abscheulich, was in den Sozialen Medien passiert", sagt Claus Leggewie.

Claus Leggewie: Die "große Debatte" war ein Erfolg für ihn, aber es war sehr sinnvoll, an diesem Abend nicht über diese Geschichte zu sprechen, sondern über einen möglichen Schulterschluss in einer zerrissenen Gesellschaft eine nationale Versöhnung über Notre-Dame anzustreben. Ich glaube nicht, dass ihm das gelingt - und das liegt nicht an Macron, sondern an den Verschwörungstheorien, die jetzt auftauchen. Es ist absurd und abscheulich, was in den Sozialen Medien passiert. Die Versuche, im Windschatten dieses Ereignisses Politik zu machen, sind sehr würdelos und gehen an dem Ereignis vom Montagabend vollständig vorbei.

Abgesehen von den Verschwörungstheorien, die auch mir sehr negativ aufgefallen sind: Wenn Macron den Brand und dessen Folgen präsidial und effektiv bearbeitet, könnte er auch Wählerinnen und Wähler zurückgewinnen, die er aufgrund seiner Politik verloren hatte. Wäre es denn legitim, das ins Kalkül zu ziehen?

Leggewie: Absolut. Bei einer solchen Gelegenheit kann sich ein Staatspräsident - und Frankreich ist so etwas wie eine präsidentielle Monarchie - auch bewähren. In dem Moment den richtigen Ton zu finden, die richtigen Maßnahmen zu treffen, das wäre sehr gut. Es würde auch etwas symbolisch ratifizieren, was Macron schon seit einiger Zeit versucht und woran er zu scheitern droht: die nationale Einheit über die wirklich großen Fragen herzustellen. Das könnte ein gewisser tragischer Schulterschluss werden. Ich befürchte nur, dass es nicht funktionieren wird, weil der Streit weitergeht. Der reflektiert auch ein bisschen die Gespaltenheit der französischen Gesellschaft in Bezug auf die katholische Kirche. Denn auf der einen Seite ist Notre-Dame ein Symbol dieses tief verwurzelten Katholizismus in Frankreich - andererseits ist Frankreich eine laizistische und säkulare Gesellschaft, die sich an einer religiösen Symbolik immer wieder stößt. Es gibt sehr extreme Kräfte - die fanatischen Gegner der Homoehe, die Rechtsradikalen, die Identitären -, die jetzt eine ganz andere Geschichte erzählen, nämlich dass das der Untergang des Abendlandes sei, dass das ein Anschlag von Muslimen sei, dass das Frankreichs Identität im Kern treffe, wenn so viele Muslime sich im Land aufhalten. Da sieht man, dass die Möglichkeiten, nationalen Konsens in Frankreich zu stiften, sehr gering geworden sind.

Weitere Informationen

Notre-Dame: Der Brand und die Folgen

Der Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris sorgt weltweit für Bestürzung. Hier finden Sie alle Reaktionen, Berichte und Gespräche zum Thema aus unserem Programm. mehr

Wenn man versucht, auf die Sachebene zurückzufinden, könnte man wenigstens sagen: Macron hat die Latte hoch gehängt mit seinen Diskussionsrunden in Rathäusern, mit ungezählten Vorschlägen aus der Mitte der Bürgerschaft. Wer eine Debatte so aufzieht, der weckt Erwartungen. Mit dem, was Macron offenbar gewillt ist zu tun, reißt er diese Latte lässig: Abschaffung der Elite-Hochschule "École Nationale d'Administration", weniger Steuern für Menschen mit geringer Rente, Schulen und Krankenhäuser sollen nur mit Einwilligung der Bürgermeister geschlossen werden können - das ist weit weniger, als die Protestierenden erhofft haben. Hätte er denen noch mehr entgegenkommen müssen? Sollte er das noch tun?

Leggewie: Auf gar keinen Fall. Diese Extremisten sind mit gar nichts zufriedenzustellen. Sie nennen sich "colère", "Wut", und das Wütendsein ist ihr einziger politischer Inhalt. Sie sprechen immer wieder Faktoren wie Ungleichheit und Ungerechtigkeit an. Das ist richtig so, aber die Intentionen, die damit verbunden sind, sind rein destruktiv. Es geht darum, Macron aus dem Élysée-Palast zu vertreiben. Macron hat genau das Richtige gemacht: Die "große Debatte" ist im Großen und Ganzen gelungen. Es heißt, hier haben Regierungsmitglieder, Bürgermeister stundenlang zugehört, sie haben alles aufmerksam zur Kenntnis genommen, sie haben mitgeschrieben. Diese Debatte gibt es in Deutschland zum Beispiel nicht, und sie ist sehr notwendig, damit nicht immer wieder gesagt werden kann: "Die da oben hören uns nicht zu, sie haben keine Ahnung und ruhen nur in sich selbst." Hier ist ein Signal gesetzt worden. Ich glaube, dass es nicht nur ein Wahlkampfmanöver ist, wie behauptet wurde.

Und dennoch haben Sie Ihrer Befürchtung Ausdruck verliehen, dass der große Schulterschluss, der angestrebt wird, nicht gelingen wird. Was könnte es denn sein, welche Dynamik, welche treibende Kraft, die Frankreich wieder zusammenführt, wenn offenbar das Interesse daran, dass das nicht gelingt, in bestimmten Kreisen so ungeheuer stark ausgeprägt ist?

Leggewie: Das ist die wirklich wichtige Frage. Die betrifft die Gesellschaft der Vereinigten Staaten genauso; das geht auch in der Bundesrepublik in Richtung einer unversöhnlichen Polarisierung. Wenn ich da ein Rezept hätte, dann würde ich mich vermutlich um ein politisches Amt bewerben. Das schafft im Moment niemand. Die Polarisierung ist extrem weit gediehen, und wir haben eine große Wut-, Hass- und Ressentiment-Energie, speziell auf Seiten der extremen Rechten. Das ist ganz schwierig, weil man in einer solchen paranoiden Gesamtstimmung überhaupt nicht mehr mit vernünftigen Argumenten, mit Rationalität, mit Reformvorschlägen beikommt. Diese Leute wollen gar keine Reform - sie wollen einen destruktiven Akt, einen großen Kladderadatsch. Sie sagen: "Ich habe die Schnauze voll und nach mir die Sintflut." Das ist ein absolut unverantwortliches Verhalten gegenüber künftigen Generationen.

Ich hoffe sehr, dass diese ältere Generation, die so schlecht gelaunt ist, nicht weiterhin die Stimmung bestimmt, sondern Jüngere, die auch adressieren, dass sie unzufrieden sind, die aber sagen: "Wir müssen weiterkommen im Blick auf den Klima- und Umweltschutz." Ich adressiere hier die "Fridays for Future"-Bewegung, die in Frankreich sehr viel schwächer ist. Aber auch dort gibt es sehr viele junge Leute, auch in der Macron-Bewegung, die sagen: "Endlich Schluss mit diesen Pseudo-Debatten, mit diesen Wut-Debatten! Lasst uns konkret werden, lasst uns wirklich etwas auf die Beine stellen für die nächste Jahrzehnte!" Wenn das nicht funktioniert, dann ist der Brand in Notre-Dame tatsächlich ein Untergangszeichen für das Europa, wie wir es kannten.

Das Interview führte Ulrich Kühn

Weitere Informationen

Notre-Dame: "Ich wollte es nicht wahrhaben"

Nach dem großen Brand von Notre-Dame zeigen sich viele Menschen geschockt. "Es war wie der Verlust von etwas, was für mich ganz zentral ist", sagt der Historiker Étienne François. mehr

10 Gründe, warum Notre-Dame wieder aufgebaut werden muss

Der Brand in Notre-Dame hat die Menschen auf der ganzen Welt erschüttert. Für den bereits beschlossenen Wiederaufbau gibt es zig Gründe. NDR Kultur beschränkt sich auf zehn. mehr

NDR Kultur

Musica

16.04.2019 19:30 Uhr
NDR Kultur

Aus Anlass der Brandkatastrophe in Paris haben wir am Dienstagabend eine Aufnahme von Olivier Messiaens "L'Ascension" gesendet. Die Sendung steht hier zum Nachhören bereit. mehr

Organist Christoph Schoener zum Brand in Notre-Dame

Auch bei uns im Norden sorgt der Brand von Notre-Dame für große Betroffenheit. NDR Kultur hat mit Christoph Schoener, Hamburger Kirchenmusikdirektor am Michel, über die Tragödie gesprochen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.04.2019 | 19:00 Uhr

Übersicht

NDR Kultur

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

34:51
NDR 90,3
88:09
Tatort
04:04
Hallo Niedersachsen