Stand: 10.01.2020 14:47 Uhr  - NDR Kultur

"Ein bunter Strauß muss kein schlechter sein"

von Marcus Stäbler

Seit drei Jahren hat Hamburg ein neues architektonisches Wahrzeichen und zugleich einen Konzertsaal von Weltrang: die Elbphilharmonie. Am 11. Januar 2017 wurde der spektakuläre Bau in der HafenCity offiziell eröffnet - mit dem ersten von rund 2.000 Konzerten, die seither im Großen und im Kleinen Saal stattgefunden haben. Zum dritten Jahrestag der Eröffnung hat NDR Kultur den Intendanten Christoph Lieben-Seutter getroffen - und im Gespräch mit ihm die ersten Jahre in der Elbphilharmonie bilanziert.

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Lieben-Seutter war von 2006 bis 2017 Präsident der European Concert Hall Organisation (ECHO) und ist Vorstandsmitglied des Gustav Mahler Jugendorchesters.

Herr Lieben-Seutter, nun gab es gerade Anfang des Jahres zum ersten Mal ein Konzert, das aufgrund technischer Probleme abgebrochen werden musste - das war beim Gastspiel des St. Pauli Theaters. Was genau ist da passiert und was haben Sie jetzt für eine Lösung gefunden?

Christoph Lieben-Seutter: Das Mischpult ist eingegangen, und zwar offenbar zu Beginn des Konzertes. Bei der Probe hat alles bestens funktioniert. Technik kann kaputt gehen. In dem Fall war es ein gemietetes Mischpult, dadurch hatten wir keinen Ersatz. Unsere eigene Technik ist so redundant ausgelegt, dass wir dann ein zweites Mischpult einfach aus dem Lager geholt hätten.

Das war an diesem Abend leider nicht möglich. Man hätte bei diesem sehr abwechslungsreichen Programm für die ganzen Einstellungen ein baugleiches Mischpult gebraucht. Es waren ja viele verschiedene Künstler und alles war voreingestellt, was für eine Art von Klangeinstellungen man benötigt.

Und daher war es nicht möglich, kurzfristig ein anderes Mischpult oder ein Mischpult einer anderen Bauart einzusetzen. Es kommt auch in anderen Häusern vor, dass aus technischem Grund mal eine Vorstellung abgesagt werden muss. Dann ist es eine kleine Notiz in der lokalen Zeitung und keine weltweite Nachricht. Das ist eben auch anders bei der Elbphilharmonie.

Jetzt gab es Stimmen nach diesem Konzert, die gesagt haben, das Kerngeschäft der Elbphilharmonie sei ja ohnehin die unverstärkte Musik. Sie sollte sich vielleicht noch mehr darauf konzentrieren. Was denken Sie darüber? Gibt es tatsächlich zu viel nichtklassische Musik?

Elbphilharmonie-Intendant Christopn Lieben-Seutter vor dem Konzerthaus an der Elbe © Elbphilharmonie Foto: Michael Zapf

"Ein bunter Strauß muss kein schlechter sein."

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Hören Sie hier das komplette Gespräch mit dem Generalintendanten von Elbphilharmonie und Laeiszhalle, Christoph Lieben-Seutter.

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Lieben-Seutter: Also das ist im Zusammenhang mit diesem Vorkommnis völliger Unfug. Ein technisches Gerät hat nicht funktioniert. Das hätte auch die Klimaanlage sein können oder der Brandschutz oder ich weiß nicht, was. Es hätte also auch andere Gründe geben können, warum mal ein Konzert ausfällt. Die Elbphilharmonie steckt so voller Technik, es ist reiner Zufall, dass es die Tonanlage und nicht die Lichtanlage erwischt hat.  

Es stimmt, dass wir in der Elbphilharmonie wesentlich mehr verstärkte Konzerte haben als ursprünglich gedacht. Wir haben generell viel mehr Konzerte. Ich glaube, wir haben um ein Drittel mehr Konzerte als noch in den Businessplänen vor vier Jahren vorgesehen. Und der Anteil an verstärkten Konzerten war ungefähr ein Viertel - und so war es auch von Anfang an geplant. Das spiegelt einfach auch die Musikwelt wider.

Wir finden, Jazz ist ein integraler Bestandteil unserer Programmierung. Das ist auch einfach schon eine Art von klassischer Musik. Und dass ausgewählte Weltmusik, Pop-Veranstaltungen und elektronische Musik stattfindet, finde ich erstens wichtig, weil es gute Musik ist, weil es das Profil des Hauses erweitert, weil es auch ein Publikum anspricht, das nun vielleicht zur Klassik nicht kommen würde. Und dass lokale Stars auch vorkommen und mal in der Elbphilharmonie auftreten, gehört dazu. Natürlich ist es kein Muss, aber ich finde, das schuldet man unseren Local Heroes. Deswegen finde ich die Mischung in der Elbphilharmonie eigentlich sehr ausgewogen und richtig.

In den ersten drei Jahren gab es in beiden Sälen rund 2.000 Veranstaltungen - eine irre Zahl. Wie kann man da eigentlich noch eine eigene Handschrift zeigen? Ist nicht die Gefahr groß, dass das doch ein sehr bunter Strauß wird?

Kommentar

Drei Jahre "Elphi" - Weltklasse in Hamburg

Am 11. Januar vor drei Jahren wurde das erste Konzert in der Elbphilharmonie gespielt. Die Elbphilharmonie ist zu einem der bedeutendsten Konzerthäuser Europas gereift. mehr

Lieben-Seutter: Ein bunter Strauß muss kein schlechter Strauß sein. Klar, das Angebot ist riesig. Und daher ist die Handschrift gerade auch an der Vielfalt zu erkennen. Mittlerweile läuft quasi auch jede Vermietung über diesen Tisch hier. Abgesehen vom Residenzorchester, dem NDR Elbphilharmonie Orchester, und dem Philharmonischen Staatsorchester, die Vorbuchungszeit-Rechte haben und die quasi ihre programmatische Freiheit haben, wo wir einfach oft kooperieren - gibt es eigentlich keine Veranstaltung, wo wir nicht das Programm vorher sehen und genehmigen. Sie können also nicht einfach den Saal buchen und dann irgendwas veranstalten. Einen Saaltermin gibt es nur mit der Bekanntgabe von Künstlern und Programm. Natürlich haben wir Kooperationspartner, denen wir vertrauen: Ob das Ensemble Resonanz beim nächsten Konzert Bach, Händel, Ligeti oder Vivier spielt, da mische ich mich auch nicht ein. Das können sie machen, wie sie wollen. Wir wissen, dass sie das super machen.

Und auch eine Konzertagentur wie Goette hat ein hohes Niveau und tolle Programme. Aber da fragt man schon mal nach: Müssen wir wirklich zum vierten Mal die Zweite von Rachmaninow haben? Also auch bei den Veranstaltungen, wo ich "nur" den Saal vermiete, findet eine Art von künstlerischer Gesamtkontrolle statt.

Das Gespräch führte Marcus Stäbler.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Das Gespräch | 11.01.2020 | 06:20 Uhr

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