Stand: 21.01.2020 17:06 Uhr

Beethoven - Der Mensch hinter dem Denkmal

Die Musikwelt feiert in diesem Jahr einen ihrer berühmtesten Komponisten: Zu seinem 250. Geburtstag wurde 2020 zum Beethoven-Jahr ausgerufen. Die Journalistin und Schriftstellerin Christine Eichel hat nun eine Biografie über den Komponisten veröffentlicht: "Der empfindsame Titan" - ein Titel, der die Bedeutsamkeit Beethovens in sich trägt, aber eine ambivalente Figur erahnen lässt.

Frau Eichel, es gibt schon massenweise Beethoven-Biografien. Was haben Sie zu erzählen, was zuvor noch ungesagt war?

Christine Eichel © Thomas Kierok Foto: Thomas Kierok
"Heute muss Beethovens Musik neu kontextualisiert werden", findet Christine Eichel.

Christine Eichel: Beethoven ist ein Mensch voller Überraschungen, und viele Biografen haben da kräftig geglättet und die Ecken und Kanten abgeschliffen, weil Beethoven im gewissen Sinne ein Monument geworden ist, ein Denkmal. Ich wollte den Menschen hinter dem Denkmal porträtieren. Und da sieht man, dass Beethoven so etwas wie ein Rockstar seiner Zeit war: mit einer extrem schwierigen Kindheit; mit einem Auftreten, so ungebärdig, dass er oft die Menschen vor den Kopf stieß; und nicht zuletzt auch mit einer revolutionären Musik.

Alle Kapitel sind mit einer bekannten Komposition von Beethoven überschrieben. Rund um den Entstehungsprozess dieses Stücks schildern Sie sehr detailliert und bildhaft die Sozialisation, das Umfeld von Beethoven - familiär, freundschaftlich, romantisch und auch im gesellschaftlichen Kontext. All das schildern Sie nicht aus voyeuristischen Gründen, sondern weil Sie glauben, dass sich dadurch unser Blick und unser Hören in Bezug auf Beethoven ändert. Können Sie das genauer erklären?

Eichel: Beethoven markiert einen Phasensprung. Die Musik eines Mozart wollte immer noch gefallen - Beethoven hat die Grenzen überschritten, auch zu einer ungezügelten Emotionalität. Das speist sich teilweise aus Kindheitserlebnissen, denn sein Vater hat ihn extrem drangsaliert, hat ihn ans Klavier geprügelt, hat ihn mit Essensentzug und anderen Strafen zu einem Wunderkind dressieren wollen. Dieses drangsalierte Kind hat dann ein Ventil gefunden: die Improvisation. Er hat selber nach Tönen und Klängen gesucht und hat eine Kunst der Improvisation entwickelt, mit der er in Wien sehr erfolgreich wurde, als man ihn zu diesen berühmten Klavierduellen einlud.

Weitere Informationen
Ein Standbild von Ludwig van Beethoven. © Hans-Heinrich Raab/ NDR.de Foto: Hans-Heinrich Raab

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Beethoven ging emotional und auch, was die Regeln betraf, über alle Grenzen hinaus. Ein Mozart wollte noch gefällig sein - Beethoven wollte sein Publikum überwältigen. Und das gelang ihm auch. Es wird von Tränen, von Schluchzen, von Ohnmachten berichtet. Das heißt, er hat kompositorisch sowie auch in seinen Improvisationen die Extreme ausgelotet. Er hat donnernde Läufe kontrastiert mit zarten Kantilenen; er hat vom Fortissimo bis zum Pianissimo die Kontraste nebeneinander gestellt - und das war völlig neu. Dieses Eruptive, was dieser Musik innewohnt, kann man sehr genau begreifen, wenn man beachtet, dass diese Kindheit ihn auch zum Choleriker ohne Impulskontrolle gemacht hat.

Die Art, wie Sie schreiben, ist recht expressiv. Ich habe mich gefragt, wie wichtig Ihnen Fakten sind, und wie wichtig die Interpretation und der Ausdruck.

Eichel: Ich denke, dass wir heute eine Sprache haben, die sehr vielfältig ist. Und es gibt keinen Grund, warum man sich sprachlich, stilistisch beschränken sollte, weil man sich einem historischen Thema nähert. Zeitgenossenschaft heißt auch, dass wir uns Beethoven für heute wieder lebendig werden lassen - und das mit einer Sprache, die zeitgenössisch ist. Ich schreibe auch Romane und mag es selber sehr, wenn ich spüre, dass ein Autor emotional schreibt, dass er sich nicht hinter Floskeln versteckt. Hinzu kommt, dass ich, was die Fakten betrifft, als Musik- und Kulturwissenschaftlerin sehr in die Quellen gehe und es inhaltlich absolut authentisch schreibe. Ich habe nichts hinzufantasiert, sondern ich habe das, was man mit den Quellen belegen kann - deshalb gibt es auch unzählige Fußnoten in diesem Buch - adaptieren und transformieren wollen, sodass wir heute etwas damit anfangen können.

Sollten sich alle mit Beethoven beschäftigen - und wenn ja, warum?

Buch-Info

Der empfindsame Titan. Ludwig van Beethoven im Spiegel seiner wichtigsten Werke
von Christine Eichel
Verlag: Blessing
Seiten: 432
ISBN: 978-3896676245
Preis: 22,00 Euro

Eichel: Die Beschäftigung mit klassischer Musik ist natürlich jedem überlassen. Ich denke aber, Beethoven bietet die Chance, sich weit über das musikalische Erlebnis hinaus mit einer Künstlerpersönlichkeit zu beschäftigen, die so gerungen hat, die so für die Selbstachtung gekämpft hat, die sich selber im Grunde erfunden hat. Beethoven hat sich ja teilweise vom Adel emanzipiert, indem er vermehrt seine Stücke hat drucken lassen. Er hat mit über 40 Verlagen korrespondiert. Er wollte also eine Unabhängigkeit - und das ist heute ein großes Thema. Damit hadern und ringen wir heute alle; jeder fragt sich: Wie viele Freiräume bleiben mir? In diesem Sinne hat Beethoven auch eine Pionierarbeit geleistet, vor allem für seine Zeit.

Sie haben sich in den letzten Jahren so eingehend mit Beethoven beschäftigt, dessen Musik ja ohnehin omnipräsent ist. Wie schauen Sie auf dieses Beethovenjahr? Freuen Sie sich trotzdem noch drauf?

CD-Tipp
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Eichel: Die großen Gedenkjahre werden immer gleichermaßen bejubelt wie auch kritisiert, und man stellt immer die Sinnfrage, ob es denn eigentlich einem Künstler angemessen sei, wie er gefeiert wird. Ich denke, dass man Beethoven so in den Mittelpunkt stellt, ist wunderbar - wenn die Neuentdeckung möglich ist. Heute muss Beethovens Musik neu kontextualisiert werden, indem man sich dem Menschen nähert, auch der politischen Person, dem Sozialrevolutionär, dem Nonkonformisten. Wenn man reine Denkmalspflege betreibt, im Sinne einer musealen Musikpflege, wäre das schade. Das schadet zwar nicht dem Kulturbürgertum, aber es geht viel verloren. Ich hoffe, dieses Beethovenjahr birgt auch die Chance in sich, das Aufwühlende, das Emotionale, aber auch das Gesellschaftliche Beethovens wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Beethoven hat ja lebenslang gegen die Ständegesellschaft und das System des Adels opponiert. Er hat sich damit auseinandersetzen müssen, weil Adlige seine wichtigsten Mäzene waren. Aber er hat in diesem Zwangskorsett der Auftragskompositionen, auch der Ökonomisierung des Soziallebens, dennoch versucht, seine Würde und seine Authentizität zu behalten. Und wenn wir uns diesen Themen nähern, dann sind wir - auch in einem Beethovenjahr - vielleicht inspiriert, unsere eigene Verortung in der Gesellschaft, in unseren beruflichen und sonstigen Zwängen zu überdenken.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.01.2020 | 19:00 Uhr