Stand: 19.03.2018 10:19 Uhr

Das Jahr 1968 - Wie weiblich war die Revolte?

Das andere Achtundsechzig
von Christina von Hodenberg
Vorgestellt von Claudia Wallbrecht

50 Jahre nach der 68er-Revolte habe sich ein falsches Bild in den Köpfen festgesetzt. Das meint die Historikerin Christina von Hodenberg. Die Legendenbildung erzählt 1968 als Aufstand von Männern wie Rudi Dutschke, Fritz Teufel, Rainer Langhans oder Daniel Cohn-Bendit. Als Kritik der Söhne an den Nazi-Vätern. Und die Frauen? Sie fehlen in unserem Bild von 1968. Weil die Aktivistinnen nicht so sehr das Scheinwerferlicht suchten? Weil sich die weibliche Revolte hauptsächlich im Privaten vollzog? In ihrem Buch "Das andere Achtundsechzig" füllt Christina von Hodenberg diese Leerstelle, erinnert an vergessene Aktivistinnen und zeigt: 1968 war weiblich.

Frauen der 68er: Anfangs getippt und Kaffee gekocht

Sie sind immer mit dabei, aber die Bühne überlassen die Achtundsechziger-Frauen lange den klugen Coverboys der Bewegung, die zu Ikonen werden, so wie zum Beispiel Rudi Dutschke. "Die Frauen sind lange als Bräute der Revoluzzer wahrgenommen worden", sagt von Hodenberg. "Und ich glaube, ganz am Anfang haben die Frauen sich auch erst selbst davon freistrampeln müssen. Denn die haben ja am Anfang die Flugblätter getippt und den Kaffee gekocht, bis ihnen aufgefallen ist, dass da was nicht stimmt."

Initialzündung der Frauen: Sit-ins an den Unis

Die Initialzündung kommt für viele Frauen bei den sogenannten Teach- oder Sit-ins, improvisierten Vorlesungen zu Themen der Zeit, die die Studenten auch mal in den Fluren der Unis abhalten. "Das waren die wunderbarsten Universitätsstunden, die man haben konnte, wenn man mit Tausenden auf dem Boden saß im Sit-in", erinnert sich Susanne Schunter-Kleemann. "Und es sind spontan Leute aufgesprungen und haben zu dem Problem was gesagt. Und da sind dann eben allmählich auch Frauen aufgestanden und dann irgendwann ich auch! Wir wollten alle Demokratie, die Welt verändern, Sozialismus, den Kapitalismus abschaffen und die allgemeine menschliche Emanzipation."

Susanne Schunter-Kleemann, emeritierte Professorin der Soziologie und Politikwissenschaft, war Freundin der Kommune 1, die sich für die Presse als Speerspitze der sexuellen Befreiung inszenierte. Auf den Hype ist die damals 25-Jährige zwar nicht reingefallen, aber auf den charmanten Kommunarden Fritz Teufel. "Ich fand ihn am Anfang sehr witzig und sehr humorvoll und das fand ich auch sehr prickelig", sagt sie. "Und es war auch schön, in der großen Runde zu essen und abends war dann Presse da. War auch interessant, aber ich bin ausgestiegen, weil er mit 'ner anderen Frau im Bett lag. Ich war einige Tage in London bei dieser Vietnam-Demo und als ich zurückkam, vergnügte er sich anderweitig, und da habe ich gedacht: Nee, jetzt ist das der Grund aufzuhören."

Sexuelle Revolution nur für Männer

"Die sexuelle Revolution der 60er-Jahre war erst mal nur für die Männer da", konstatiert Christina von Hodenberg. "Es ging darum, dass die Männer Promiskuität leben durften, und im Namen der Revolution wurde dann vielen Frauen in der neuen Linken verkauft: Also jetzt engagier dich hier mal, sonst bist du eine Bürgerliche."

Privates entfaltet kulturelle Wirkung

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Welche Rolle spielten die Frauen in der 68e-Rvolution? Damit hat sich Historikerin Christina von Hodenberg beschäftigt.

Für ihr Buch "Das andere Achtundsechzig" hat die Historikerin im Archiv der Uni Bonn lange vergessene Tonaufnahmen aus den 60ern ausgewertet. Eine sensationelle Wiederentdeckung: Frauen und Männer aller Schichten berichten aus ihrem Leben - jenseits der ollen Klischees. Vor allem, wenn es um die Veränderungen im konkreten Alltag geht, wird klar, wie wichtig die Frauen für den gesellschaftlichen Aufbruch waren. "Wenn man das Private revolutioniert und wenn es dann darum geht, die Paarbeziehung zu revolutionieren oder die Kindererziehung zu revolutionieren, das ist ja auch was, was langfristig sehr große kulturelle Wirkung entfaltet hat", so von Hodenberg.

Bildungsaus für Mütter lässt Kinderläden entstehen

Während die männlichen Genossen Studium und Klassenkampf locker unter einen Hut bringen, droht vielen jungen Frauen das Bildungs-Aus, sobald sie Mutter werden. "Weil es keine Kinderbetreuungsmöglichkeiten gab und weil die Männer nicht mithalfen. Und deswegen war die Idee: Gut, wir helfen uns gegenseitig, wir bauen eine Struktur auf, wo mal der eine, mal der andere das beaufsichtigt, und das ist dann gleich zu Kinderläden geworden. Schon in den allerersten Treffen", erzählt die Autorin von Hodenberg.

Gegen "sozialistischen Bumszwang"

"Ich freue mich immer, wenn ich auf der Straße einen Vater mit Kinderwagen sehe. Weil, das gab es nicht. Es war einfach eine andere Rollenauffassung", fügt Susanne Schunter-Kleemann hinzu. Und die sollte weg! In Frankfurt kämpfen Studentinnen mit einem bewusst  drastischen Flugblatt gegen "sozialistischen Bumszwang" und patriarchale Bevormundung. Motto: "Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!"

"Die Frauen hatten das Anliegen, etwas ganz Praktisches und Konkretes in ihrem eigenen Umfeld zu verändern", sagt von Hodenberg. "Das heißt, sie mussten sich anlegen mit ihren Partnern, ihren Ehemännern, Vätern, und das war eben schwierig."

Friedensbewegung, Frauenbewegung, Umweltbewegung - alle ein Erbe der Achtundsechziger-Frauen und -Männer: Sie haben die bis heute wichtigen Fragen gestellt: Wer bereichert sich auf Kosten anderer, wer missbraucht seine Macht, wer verursacht den Müll und wer muss ihn am Ende raustragen!?

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Das andere Achtundsechzig

Seitenzahl:
250 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
C.H. Beck
Preis:
24,95 €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 19.03.2018 | 22:45 Uhr

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