Stand: 22.08.2018 16:45 Uhr

Kestnergesellschaft: Christina Végh zur neuen Schau

Die deutsche Künstlerin Nevin Aladağ und der renommierte Schweizer Bildhauer Roman Signer kommen nach Hannover und stellen ihre neuesten Arbeiten in der Kestgnergesellschaft vor. Zwei unterschiedliche Künstler, zwei unterschiedliche Richtungen, also auch zwei unterschiedliche Ausstellungen. Ein Gespräch mit der Direktorin der Kestnergesellschaft, Christina Végh.

Frau Végh, Roman Signer kommt aus der Schweiz. Hin und wieder laden Sie Künstler aus der Schweiz ein - an Pipilotti Rist erinnere ich mich zum Beispiel. Ist das Ihre Hommage an die Heimat, die Schweiz?

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Christina Végh ist seit 2015 Direktorin der Kestnergesellschaft in Hannover.

Christina Végh: Zum Beispiel Fischli/Weiss war ja lange vor meiner Zeit an der Kestnergesellschaft schon ausgestellt - das heißt, ich sehe das nicht als Hommage, sondern als Situation, dass es glücklicherweise viele interessante Künstlerinnen und Künstler in der Schweiz gibt. Roman Signer war 1986 bei der documenta 8 in Deutschland sehr präsent, 2000 konnte man ihn bei der Expo erleben und bei den KunstFestSpielen Herrenhausen 2004. Es ist aber so, dass in unserer Region noch nicht so oft eine Ausstellung breiter angelegt zu sehen war von einem Altmeister. Und so ist das für mich eine Freude, eine große Ehre, dass wir Roman Signers neue Arbeiten zeigen dürfen.

Schauen wir auf die Kunst von Roman Signer. Er arbeitet mit sich bewegenden Alltagsgegenständen: Es ist also nicht nur das Material, das ihn interessiert, sondern auch die Veränderung in und mit der Zeit. Wie muss man sich seine Objekte vorstellen?

Végh: Roman Signer bezeichnet sich als "Bildhauer" in Anführungszeichen. Das heißt, dass Veränderungen und Prozesse ihn sehr wohl interessieren, die im Prinzip die Skulptur formulieren. Dadurch formt er zum einen Bewegung, zum anderen wird Bewegung erst durch seine Arbeit sichtbar, und damit wird auch Zeit in irgendeiner Form greifbarer. Wir haben zum Beispiel eine Reihe von blauen Tonnen: In diesen Tonnen Sand, zunächst als Haufen, und Roman Signer hat bei der Pressekonferenz mit dem Luftgewehr in diese Sandhaufen geschossen.

Wie haben die Journalisten bei der Pressekonferenz reagiert? Waren sie überrascht?

Végh: Das weiß ich gar nicht. Man muss sehr differenzieren, und deswegen liegt die Betonung auf dem Bildhauer. Das ist nicht eine Performance, sondern eine Aktion. Das heißt, es kommt nicht aus diesem theatralischen Gestus, sondern es ist im Endeffekt die Vollführung einer Arbeit. Dann gibt es Werke, wo Bewegung tatsächlich sichtbar ist: Da ist zum Beispiel wiederum eine blaue Tonne, in der eine Drohne sitzt, die blinkt. Natürlich ist man da sofort versucht, zu denken, dass das gleich davonfliegt oder gerade angekommen ist.

Bewegung wird also bei Roman Signer sehr groß geschrieben. Kann man sagen, dass die Arbeiten von Nevin Aladağ im Gegensatz zu den Arbeiten von Roman Signer stehen oder ergänzen sich diese? Aladağ arbeitet ja auch mit Materialien, bedenkt auch ihre Veränderbarkeit. Was wird man in Hannover von Nevin Aladağ sehen?

Végh: Wir haben im Eingangsbereich einen Raum, den man auch als Atrium wahrnehmen kann. In diesem Atrium sind ganz viele Banner in verschiedenen Höhen aufgehängt, man befindet sich also in so einem Wald von Bannern, auf denen meistens zwei Personen nebeneinander stehen, die sich in der einen oder anderen Weise ähnlich sehen oder ähnlich drauf sind. Diese Reihe "Best Friends" führt Nevin Aladağ seit 2007 immer weiter. Dabei ist sie in unterschiedlichen Städten wie eine Ethnologin unterwegs, guckt sich die Menschen an und fragt sich: Wer könnte hier befreundet sein? Sie spricht die Leute darauf an und hat nicht immer Recht mit ihrer Annahme. Sie lässt sich leiten von diesem außen sichtbaren Code. Wie wir wissen, gleicht man sich an: Gute Freunde mögen dasselbe T-Shirt, insofern sind auch besonders viele Jugendliche da zu sehen. Die Jugend ist ja die Phase, wo man am stärksten damit befasst ist, die Identität zu prägen.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.08.2018 | 19:00 Uhr

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