Stand: 17.05.2018 11:54 Uhr

Christian Kracht spricht über seine Missbrauchserfahrung

Der Schweizer Christian Kracht ist einer der renommiertesten deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Bekannt ist er für die Ironie in seinen Romanen wie "Faserland", "1979" und "Imperium". Bekannt ist er aber auch dafür, dass seine Texte zuletzt immer düsterer geworden sind. Über die Hintergründe hat Christian Kracht nur selten geredet. Nun ist er im Rahmen einer Poetikvorlesung an der Frankfurter Goethe-Uni aufgetreten. Dabei hat er auch zum ersten Mal überhaupt darüber berichtet, dass er als Schüler in einem kanadischen Elite-Internat missbraucht worden sei. Mario Scalla vom Hessischen Rundfunk war bei der Vorlesung dabei.

NDR Kultur: Herr Scalla, warum hat Christian Kracht das öffentlich gemacht?

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Christian Kracht, 2013 bei der Cologne Conferens im Wallraf-Richartz-Museum.

Mario Scalla: Man konnte schon recht schnell merken, dass er diese Vorlesung nutzen möchte, um jetzt mal alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu thematisieren. Also Thematisieren im Sinne von "aus der Welt schaffen". Denn da hatte sich ja schon einiges angesammelt im Laufe der Jahre: Man hat ihn in die rechte Ecke gestellt, man hatte gesagt, er sei homophob, ein sprachverliebter Dandy. Da war ja so einiges im Umlauf und zu allem hatte auch etwas zu sagen. Das hat er regelrecht abgearbeitet.

Also auch die Missbrauchsfälle im kanadischen Internat, dass war jetzt nicht um sie an sich zu skandalisieren, sich als Missbrauchsopfer zu offenbaren oder zu inszenieren, sondern um Spuren zu seinem Werk zu legen. Wenn er erklärt: Aus dieser Kindheit rührt es, dass es in meinen Romanen um Gewalt geht, um körperliche Erniedrigung, Aggressionen, oder um Männer, die ihre erotischen Fantasien in die Welt tragen, oder Vorwürfe er sei homophob. Er sagt auch, das liegt an diesen Kindheitserlebnissen im Internat, dass es in seinen Romanen von Homosexuellen nur so wimmelt. Auch der Vorwurf, er sei ein Faschist, sei absurd. Das war also so eine Art Generalabrechnung mit der Kritik an ihm, so eine Richtigstellung aus dem Geist seiner Biografie.

Welche Rolle haben diese Erlebnisse denn für Krachts Arbeit als Autor gespielt?

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Zu Krachts bekanntesten Bücher gehören: "Faserland" (1995), "1979" (2001) und aktuell "Die Toten" (2016)

Scalla: Ich glaube schon, dass es gravierende Erlebnisse sind. Das war durchaus dramatisch, was er aus diesem Internat berichtete: ein Missbrauch an 30 Schülern. Und Christian Kracht hatte sehr detailliert erzählt, welche Praktiken erlitten wurden und auch von Züchtigungespraktiken, die wirklich barbarisch sind. Ein Beispiel: Wenn da Kinder in der kanadischen Kälte, also bei tiefen Minusgraden, an einen Stuhl gekettet, auf ein Auto geladen und dann fünfzehn Meilen außerhalb des Internats freigelassen werden mit der Ansage: Also wenn Du nicht erfrieren willst, musst du jetzt loslaufen.

Es geht ihm aber nicht nur um die Ereignisse selbst, sondern auch dann, als er seinen Eltern von diesen ganzen Geschichten erzählt, haben sie ihm das nicht geglaubt, sondern gemeint, das liege an seiner bekannt blühenden Fantasie. Ich glaube, das kann schon sehr traumatisch sein für einen 12-jährigen Jungen. Man hat ihm schon geglaubt, als er da sagte: 'Ich spreche wie ein autistischer Säugling' oder von einem 'Autismus des Träumenden'. Also jemand, der so etwas erlebt, der zieht sich zurück. Der zieht sich auch in sein Inneres und in die Sprache zurück.

Sie haben es ja vorhin schon gesagt: Kracht galt immer als schwer fassbar, als etwas entrückter Dandy der Selbstinszenierung. Liegt in diesen Kindheitserlebnissen also dann tatsächlich ein Schlüssel zum Verständnis der Autorenfigur Christian Kracht?

Scalla: Ja, ein Schlüssel vielleicht, aber man sollte es doch nicht als den Schlüssel jetzt nehmen. Da sollte man vorsichtig sein, denn was er da angeboten hat, ist ja letztlich eine Selbstinterpretation. Also ich erkläre jetzt meine Bücher mal aus meiner Kindheit - er hat da Fährten gelegt, die sich auch durchaus plausibel angehört haben. Aber es waren zahlreiche Fährten. Das waren ja nicht nur die Kindheitserlebnisse, diese Missbrauchsgeschichten, sondern viele Lektüre-Erlebnisse. Auch Erlebnisse in Deutschland, als er zum Beispiel sagte: 'Ich ertrage die deutsche Sprache nicht in Deutschland. Da ist sie für mich die Sprache Adolf Eichmanns. Deshalb bin ich dauernd in der Welt unterwegs und nicht hierzulande zu finden.' Und letztlich ist es ja ein Irrtum, aus der Biografie die Texte erklären zu wollen. Was jetzt offenliegt, ist der Autor Christian Kracht. Also diese Fährten, die man jetzt genommen hat, die kann man aufnehmen. Das gibt den Literaturwissenschaftlern und -kritikern doch schon einiges Material. Man sollte aber gegenüber dieser Selbstinterpretation schon auch kritisch bleiben.

Mit solchen Geschichten, von denen sie gerade gesprochen haben, an die Öffentlichkeit zu gehen, ist nicht leicht. Wie hat denn Christian Kracht am Dienstagabend auf sie gewirkt?

Scalla: Sehr ruhig. Sehr konzentriert. Er stand da bärtig mit einem Parka bei der fast sommerlichen Hitze am Pult. Er war sehr ruhig, sehr bedächtig. Und die ersten Worte waren schon: 'Ich spreche wie ein autistischer Säugling, mir graut es vor dieser Vorlesungsreihe. Ich habe eine tiefe Sorge, mich zu offenbaren.' Also er versteht es schon, so eine Aura um sich zu verbreiten. Das war sehr konzentriert, sehr erfahrbar, was er da erzählt hat. Aber es war nicht aufgeregt, im Sinne von: Ich offenbare mich und erzähle jetzt ganz intime Geschichten, sondern es war sehr bedächtig.

Wie haben denn die Zuschauer reagiert?

Scalla: Es war eine sehr gespannte, sehr ruhige Atmosphäre. Das mag auch an diesen intimen Details gelegen haben. Aber es lag auch an seiner Art und seiner Diktion, das kann schon so eine Aura und einen Bann evozieren. Es war aber keinerlei Schock, über das, was er erzählt hat. Es war ein ruhiger Vortrag und ein ebenso ruhiges, konzentriertes Zuhören.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 16.05.2018 | 18:20 Uhr

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