Astrid Séville © picture alliance / dpa Foto: David Ausserhofer

"Man hatte den Eindruck, man hat es mit lauter Siegern zu tun"

Stand: 27.09.2021 18:09 Uhr

Nachdem sich das Ergebnis der Bundestagswahl am Sonntagabend abzeichnete, war von fast allen Seiten ein Sperrfeuer an Politphrasen zu hören. Auch die Politikwissenschaftlerin Astrid Séville hat den Wahlabend verfolgt. Von ihr stammt das Buch "Der Sound der Macht".

Astrid Séville © picture alliance / dpa Foto: David Ausserhofer
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Frau Séville, wie klang denn in Ihren Ohren der gestrige "Sound der Macht" - oder war das eher ein "Chor der Sieger"?

Astrid Séville: Das Auffällige war, dass niemand so recht verloren haben wollte. Bis auf die kleinen Parteien wie die Linkspartei oder die AfD, die Einbußen hinnehmen mussten, hatte man den Eindruck, man hat es mit lauter Siegern zu tun. Gerade Armin Laschet, der historische Einbußen bei der Union vermerken muss, kam einem vor, als ob er immer noch glaube, das Kanzleramt betreten zu dürfen. Und das ist doch ein erschreckendes Zeichen für unsere politische Kultur, dass wir gar nicht mehr wissen, wie man mit politischen Niederlagen stilvoll-elegant umzugehen weiß.

An einer Stelle hat Frau Baerbock davon gesprochen, es hätte Fehler im Wahlkampf gegeben, sie habe Fehler gemacht. War das ein kleiner Ausreißer oder auch einfach nur Kalkül?

Séville: Das war, glaube ich, beides. Das war nicht wirklich ein Ausreißer, weil das auch wieder strategisch platziert ist. So eine Rede ist durchdacht und bis in kleinste Phrasierungen - wollen wir doch hoffen - vorbereitet. Und da das Eingeständnis zu formulieren, man habe auch Fehler gemacht, das Wahlkampf-Team habe Fehler gemacht - das steht schon in einer anderen Tradition politischen Sprechens, dass man durchaus auch Fehler zugibt, um daraus dann wieder eine Position der Stärke erwachsen zu lassen.

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In Ihrem Buch schreiben Sie von "technokratisch-ermüdendem Gerede der etablierten Parteien". Sie beziehen das sehr stark auf das "Gerede" von Kanzlerin Angela Merkel. Jetzt haben wir einen möglichen Kanzler Olaf Scholz, dem das "technokratisch-ermüdende Gerede" quasi in den Mund gelegt ist - oder?

Séville: Ja, das stimmt. Olaf Scholz besitzt die seltene Gabe, so zu sprechen, als ob ein Automat zu uns spräche. Er hat ja den Spitznamen "Scholzomat", und das wird ihm auch gerecht. Olaf Scholz hat damit immer noch den Nerv der Wählerinnen und Wähler nach 16 Jahren Angela Merkel getroffen. Er vermittelt Stabilität, Kontinuität, auch eine Art und Weise politisch professionellen Sprechens - das hat er perfektioniert -, die so unangreifbar ist, dass man sich fragt, wo hier überhaupt noch Reibungsfläche ist.

25 Prozent der Wahlberechtigten sind gar nicht erst zur Wahlurne gegangen. Die sind möglicherweise so verdrossen über diesen Politikbetrieb, dass sie da gar nicht mehr mitreden wollen und möglicherweise im virtuellen Raum, wenn nicht auch im Wirtshaus, ganz anders reden. Wie kommen wir an die noch ran?

Séville: Nichtwählerinnen und Nichtwähler sehen wir schon immer in politischen Demokratien. Es gibt immer welche, die sich dafür nicht interessieren, nicht begeistern können. Nun kann man aus einer recht entspannten Perspektive sagen: Das hält die liberale Demokratie aus, es gibt keinen Zwang zum politischen Engagement, erst recht keinen Zwang, sich politisch zu interessieren. Das sind bestimmte Milieus, bestimmte Gruppen, die ihre Interessen in diesem politischen Prozess überhaupt nicht mehr repräsentiert sehen. Und politikwissenschaftliche Analysen zeigen, dass es oft Geringverdiener sind. Das sind diejenigen, die nicht im politischen Prozess vorkommen, für die wiederum gar keine Gesetze gemacht werden. In dem Zusammenhang würde ich darauf verweisen, dass circa acht Prozent der Wählerschaft sonstige Parteien gewählt haben. Wenn man die noch zu den Nichtwählern addiert, dann haben wir hier einen hohen Stimmanteil von Personen, die sich in dieser Konstellation überhaupt nicht repräsentiert sehen werden.

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Jetzt liegen Wochen, vielleicht Monate der Gespräche vor uns: Erstmal Sondierungs-, dann Koalitionsgespräche. Wird das miteinander Sprechen dann anders werden?

Séville: Das liegt sehr an der Konstellation, die nach den Sondierungs- und Koalitionsgesprächen herauskommt. Wir haben am Wahlabend schon ein paar Vorfühlungen und Tänzeleien beobachten können. Robert Habeck und Christian Lindner haben sich schon aufeinander zubewegt und haben gesagt, dass sie in Gespräche eintreten. Die FDP und die Grünen werden ganz klar bestimmen können. Sie werden pokern, sie werden sich teuer verkaufen an die Partei, die dann den Kanzler stellen wird. Die vermeintlich kleinen Parteien sind jetzt diejenigen, die den Ton angeben werden. Da wird sich schon zeigen, dass wir hier ganz andere Sprachmöglichkeiten haben, aufeinander zu reagieren und sich aufeinander zuzubewegen. Aber das liegt natürlich alles daran, dass sich diese Parteien jetzt bis zur Schmerzgrenze kompromissfähig zeigen müssen. Und da werden wir noch ganz viele neue Phrasen und Floskeln kennenlernen. Ob es jetzt das "Zukunftsteam" ist, die "Zukunftskoalition" - ich glaube, es warten einige neue Hülsen auf uns.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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NDR Kultur | Journal | 27.09.2021 | 18:00 Uhr