Stand: 13.05.2020 11:35 Uhr  - Kulturjournal

Beckmann und Hübner: Das Ende der Leichtigkeit

von Peter Helling

Sie sind verheiratet und auf der Bühne in ihrem Element: Charly Hübner und Lina Beckmann. Sie sind Menschen-Verkörperer, Energiebündel, Theater-Verwandler - aber derzeit ohne Theater. Denn wie die meisten Bühnen des Landes ist auch das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, zu dessen Ensemble beide gehören, mindestens bis Ende Juni wegen Corona geschlossen. Was das bedeutet? Homeschooling, Bücher lesen und eine Menge Sehnsucht.

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Charly Hübner und Lina Beckmann spielten zusammen in der Inszenierung von "Eines langen Tages Reise in die Nacht".

Langweilig werde es noch nicht. "Wir haben immer noch viel Spaß aneinander", sagt Lina Beckmann und meint ihren Ehemann Charly Hübner und ihren kleinen Sohn. Die Familie ist gerade in Mecklenburg-Vorpommern, der Heimat Hübners. Am Morgen war er schon im Wald spazieren - und auch Lina Beckmann freut sich über die Natur, das Baden im See, das Bücherlesen. Sie weiß, dass es ihr in dieser "komischen Zeit" gut geht. Trotz vorläufiger Schließung des Deutschen Schauspielhauses bekommt sie weiter ihr Geld. Eine recht komfortable Situation, leicht ist ihr trotzdem nicht ums Herz. Ihr neuer Corona-Alltag ist, wie bei den allermeisten Familien, von Homeschooling geprägt. "Ich mache das zusammen mit Charly, weil ich in manchen Fächern nicht zu gebrauchen bin", sagt Lina Beckmann lachend. "Dann muss Charly einspringen." Ihre Bewunderung für Lehrer sei enorm gewachsen.

Bücher und eingeschäumter Fußboden

Der momentane Corona-Zustand sei wie ein frisch eingeseifter Fußboden voller Schaum, sagt Charly Hübner. "Und dann ist das ein ganz seifiger Gang, so empfinde ich die Situation gerade, weil so viel unklar ist." Ein Alltag ohne richtige Struktur und ohne ihre Bühne. Denn die ist bis Ende der Saison geschlossen. Stattdessen: Filme gucken und Podcasts anhören? Sie winken ab, vor allem lesen die beiden viel. Lina Beckmann schwärmt von Nino Haratischwilis Roman "Das achte Leben", den habe sie richtig "weggesogen". Endlich brauche man keine Angst vor dicken Wälzern haben. Charly Hübner hat gerade "The Hills" von Matias Faldbakken und Lutz Seilers Roman "Stern 111" gelesen.

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Trotzdem, so richtige Heiterkeit will bei den beiden immer noch nicht aufkommen. Dass er gerade nicht auf "das Brett" darf, wie er liebevoll die Bühne nennt, findet Charly Hübner "total nervig". Aus seiner Arbeit wurde Charly Hübner einen Meter vor der Ziellinie rausgeschubst: Nur einen Tag vor der Premiere von "Coolhaze" am 14. März war klar, dass der Vorhang unten bleibt. Für wie lange, ist noch völlig ungewiss. Dies sei ein Gefühl, als sei das kreative Feuer kurz vor der Premiere von einem schnöden Gartenschlauch abgelöscht worden. Damals hätte sich das Ensemble noch gemeinsam auf ein Bier in die Kantine gesetzt, dann war das Theater zu. "Ein kleines Trauma", sagt der Schauspieler. Auch Lina Beckmann fühlt sich wie "stillgelegt". Die Arbeit wurde ihr durch das Virus weggenommen, sagt sie fast wütend, als könne man wütend auf ein Virus sein. Fast bekommt man den Eindruck: Da sind zwei Theater-Berserker und wissen nicht wohin mit all ihrer Energie.

Lina Beckmann: Sehnsucht nach dem Spiel mit dem Publikum

Obwohl sie das Theater vermissen, ist ihnen das Spannungsfeld zwischen der knallharten Corona-Wirklichkeit für Ärzte, Pfleger, Erkrankte und ihrer eigenen "schaumigen" Situation bewusst. Traurig nennt Lina Beckmann den Zustand, lähmend Charly Hübner. Ihr Gegenrezept? Ein bisschen Anarchie wie in den kleinen skurrilen Videos, den "Corona Diaries", die sie derzeit für den Online-Auftritt des Schauspielhauses drehen. Der Live-Moment vor dem Publikum aber, das Entscheidende am Theater, kann nicht stattfinden.

Wie kehrt das Theater zurück?

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Theater auf Abstand: Das würde beim körperlichen Spiel von Beckmann und Hübner wohl kaum funktionieren.

Charly Hübner findet, dass die Theater in den Diskussionen über Lockerungen des Corona-Shutdowns kaum, eigentlich gar nicht vorkamen. Er erinnert daran, dass Theater gerade jetzt wichtig wären, um all die kritischen Fragen der Pandemie zu thematisieren: öffentlich, schonungslos, streitlustig. Und sei es vor nur zehn Zuschauern. "Einfach eine These hinrotzen oder fein ausarbeiten, ist ja beides toll". Er würde es sofort machen, darf es aber nicht. Ihre Sehnsucht nach dem Wiedereröffnen der Theater ist fast physisch greifbar.

Aber in welcher Form wird das passieren? Lina Beckmann muss fast schlucken, wenn sie sich vorstellt, unter den verschärften Abstandsbedingungen zu spielen. Sechs Meter Abstand bei intensivem Sprechen, Masken: für zwei dermaßen körperliche Schauspieler kaum vorstellbar. Da rückt die Krise ganz nah, fast auf den Leib. Denn was macht eine Schauspielerin, deren Markenzeichen gerade das überbordende Spiel ist, das die Nähe sucht? Den Kontakt? Lina Beckmann seufzt schwer. "Ob das dann noch mein Theater ist, weiß ich nicht. Ich vermisse das wirklich sehr."

Hübner: "Theater ist beweglich wie Wasser und Luft"

Hübner glaubt, dass der Bedarf nach Komödie und Unterhaltung nach der Corona-Krise groß sein werde, nach Stücken, wo man "ordentlich ablachen" könne, wie bei Molière oder Shakespeare. Aber ganz unabhängig von den Texten wünscht er sich für das Nach-Corona-Theater: Beweglichkeit. "Dass man nicht in so eine Starre verfällt. Theater ist beweglich, Theater ist wie Wasser und Luft, das kann überall rein eigentlich", sagt Hübner. "Es ist immer die Frage, was die Combo sich da oben mit der Regie ausgedacht hat." Irgendwann kommt der Tag, da können Lina Beckmann und Charly Hübner wieder zurück an ihre tägliche Arbeit, zurück nach "da oben", auf die Bühne. Charly Hübners erster Gedanke bei der Vorstellung: "Sofort das Textbuch aufschlagen und loslegen!" Und Lina Beckmann? "Ich vermiss‘ den Geruch vom Theater." Sie lachen, und diesmal klingt es wie: "Wir kommen wieder."

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 13.05.2020 | 06:20 Uhr

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