Stand: 21.01.2018 16:35 Uhr

Can Dündar: "Zur Wahl gehen ist nicht genug"

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"Die Grenze verläuft heute nicht zwischen Türken und Deutschen", sagte Dündar in seiner Eröffnungsrede.

Am Sonntag sind am Hamburger Thalia Theater die internationalen Lessingtage eröffnet worden. Das Festival findet zum 9. Mal statt und ist allen verfolgten Künstlerinnen und Künstlern gewidmet.

Seit 2016 lebt der türkische Journalist Can Dündar im Exil in Berlin. Der ehemalige Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet" hat am Sonntagvormittag im Thalia Theater die Eröffnungsrede gehalten. Er rief zu internationaler Solidarität mit Gegnern der Regierung Erdogan auf. "Die Grenze verläuft heute nicht zwischen Türken und Deutschen", sagte Dündar vor etwa tausend Zuhörern, "sondern zwischen Türken und Deutschen, die die Demokratie unterstützen und denen, die den Faschismus unterstützen".

Um gegen Diktatoren und Extremisten in aller Welt etwas zu erreichen, sei es nicht genug, alle vier Jahre zur Wahl zu gehen und nur das im Blick zu haben, was im eigenen Land passiere. Vielmehr müssten die Bürger sich informieren und sich einmischen - unabhängigen Medien komme dabei eine wichtige Rolle zu.

"Panzer sind durch unser ganzes Leben gerollt"

Nach Dündars Worten konnte sich die Demokratie in seiner Heimat Türkei nie wirklich einrichten. "Sie war immer eine Utopie für uns." Immer habe in entscheidenden Momenten das Militär geputscht. "Die Panzer sind durch unser ganzes Leben gerollt", sagte Dündar. Am Status Europas und der USA als Hort der Demokratie hege er allerdings auch Zweifel. So folterten etwa die Amerikaner im Militärgefängnis Guantánamo und deutsche Politiker drückten gegenüber dem despotischen türkischen Präsidenten "zwei Augen zu", weil er ihnen in der Flüchtlingsfrage nützlich sei und die Bundesrepublik vom Handel mit der Türkei profitiere.

Programm so politisch wie nie

So politisch wie selten sei das Programm in diesem Jahr, erklärte Thalia Intendant Joachim Lux im Vorfeld der Lessingtage. Eingeladen haben er und sein Team nicht nur deutsche Produktionen wie "Rückkehr nach Reims", sondern auch Gastspiele aus Budapest, Athen, Posen und Straßburg. Von dort kommt Julien Gosselin, in Frankreich eines der größten Regietalente, mit "1993", einem Stück über die nach Orientierung suchende europäische Jugend.

Premiere für Kleists "Michael Kohlhaas"

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Navid Kermani stellt sein neues Buch "Entlang den Gräben" am 26. Januar im Thalia Thater vor.

Navid Kermani stellt am 26. Januar im Gespräch unter anderem mit Außenminister Sigmar Gabriel sein an diesem Tag erscheinendes neues Reportage-Buch "Entlang den Gräben" vor - und: Wie in jedem Jahr bringt das Thalia Theater zu den Lessingtagen auch eine Premiere heraus: Antú Romero Nunes inszeniert Kleists "Michael Kohlhaas".

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 19.01.2018 | 08:00 Uhr

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