Georgine Kellermann © Annika Fußwinkel/WDR Foto: Annika Fußwinkel/WDR

CSD: WDR-Journalistin Georgine Kellermann erhält Pride-Award

Stand: 23.07.2021 16:11 Uhr

Zum Start des Christopher Street Days (CSD) in Hamburg wird am Sonnabend die WDR-Journalistin Georgine Kellermann mit dem Pride-Award ausgezeichnet.

Georgine Kellermann © Annika Fußwinkel/WDR Foto: Annika Fußwinkel/WDR
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Bei der Pride Night wird alljährlich vom Pride-Verein Hamburg eine Person, ein Verein oder eine Institution ausgezeichnet, die sich für die Belange von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans und intergeschlechtlichen Menschen in Hamburg und Norddeutschland einsetzt.

Frau Kellermann, Ihr öffentlicher Einsatz für die Rechte queerer Menschen hat erst vor rund zwei Jahren begonnen, im Alter von 62 Jahren. Das Ganze ist eng verbunden mit Ihrer persönlichen Entwicklung heraus. Möchten Sie kurz davon erzählen?

Georgine Kellermann: Das war, wenn ich ehrlich bin, alles gar nicht so geplant. Meine damalige Lebensgefährtin hat immer gesagt: Warum machst du es nicht öffentlich? Warum sagst du den Menschen nicht, wer du bist? Da war immer die Sorge, dass dann die journalistische Kompetenz abgesprochen wird oder dass man über mich lacht. Ich sage immer: Wenn ich geworden wäre, wer ich bin, hätte ich nicht tun können, was ich liebe. Privat war ich ja schon immer Georgine, habe mich auch so gekleidet wie Georgine und habe mich wohlgefühlt. Und wenn ich im Urlaub war, war ich privat.

Ich war also auf dem Weg in die Vereinigten Staaten, nach San Francisco, denn ich hatte mir zu meinem Geburtstag gewünscht, dass ich gerne in Heels, Rock und einem netten Oberteil über die Golden-Gate-Brücke zu laufen, weil das eine Brücke ist, die mich fasziniert. Und am Bahnhof in Düsseldorf kam ich die Treppen hoch, und oben stand eine Kollegin. Ich hatte meine beiden Koffer dabei und eine Sonnenbrille auf, und ich sah, wie sie mich anblinzelte und die Frage in den Augen hatte: Ist das der Kellermann? Früher hätte ich mich irgendwo versteckt, wo sie mich nicht gesehen hätte. Und in dem Moment hat es bei mir einen Schalter umgelegt und ich bin auf sie zugegangen und habe "Hallo" gesagt. Sie sagte dann: "Herr Kellermann, sind Sie das?" Ich habe "ja" gesagt, und dann sagte sie: "Sind Sie verkleidet?" Und ich habe gesagt: "Nein, ich bin eine Frau." Sie hat sehr nett reagiert, wir haben noch geredet, und sie ist dann mit einem anderen Zug gefahren. Da habe ich gesagt: "So, jetzt ist es raus, das war's jetzt." Auf dem Weg zum Frankfurter FlughafenIch habe ich eine neue Facebook-Seite gebaut und habe sie veröffentlicht, als der Zug in den Flughafenbahnhof einfuhr. Und dann war nicht nur privat, sondern auch offiziell Georgine Kellermann.

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Sie haben davon erzählt, dass Ihre Kollegin sehr positiv reagiert hat. Wie war das Feedback ansonsten?

Kellermann: Das war wirklich überwältigend. Ich hatte nicht geahnt, dass unsere Gesellschaft schon so viel weiter ist, als sich das so mancher Ewiggestrige wünscht. Zunächst einmal haben die Kolleginnen und Kollegen unseres regionalen Abend-Nachrichtenmagazins gesagt, dass sie eigentlich nicht über sich selber berichten, aber das wäre ein so gesprächswertiges Thema, dass sie einen Film über Georgine machen wollten. Und das haben sie gemacht, er ist dann im Dezember gelaufen. Ich war in Portugal und habe dort einen Sprachkursus belegt, und an dem Abend, als der Film öffentlich wurde, kamen so viele Reaktionen, auch in den sozialen Netzwerken. Es waren vielleicht drei Prozent negative Reaktionen - der Rest waren herzerwärmende Komplimente, und Zustimmung: "Toll, dass du das gemacht hast, jetzt bist du bei dir selbst". Das ging in den Tagen danach weiter. Mein Twitter-Account, bei dem ich vorher 110, 120 Follower hatte, explodierte und hat sich wahnsinnig weiterentwickelt.

Dass ich dann zur Aktivistin wurde, das war zwangsläufig, das hatte ich ja nicht geplant. Wenn ich das geplante hätte, hätte ich das vielleicht ein bisschen intelligenter gemacht und es vielleicht vorbereitet. Aber es war ja spontan, und das ist in der Nachschau genau der richtige Weg gewesen. Ich habe auch getwittert, dass die Hamburger Pride mich auf diese Art und Weise auszeichnen, und auch da kommen unendlich viele positive Reaktionen. Es sind nur ganz, ganz wenige, die das kritisieren.

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Kellermann: Das ist ein Ziel gewesen. Wenn Sie plötzlich einen Pass, einen Personalausweis oder einen Führerschein in der Hand halten, und da steht "Georgine Kellermann", dann ist das noch einmal ein Stück vom Glück, was Sie geschenkt bekommen haben. Das Allerschönste war für mich, dass mein Arbeitgeber, der WDR, von vornherein gesagt hat: Wir gehen deinen Weg mit, wir ändern deinen Telefonbucheintrag, deine Visitenkarte und das Türschild. Sie glauben gar nicht, was das mit einer Frau macht, die diesen Weg gegangen ist. Ich weiß von "Schwestern" - ich nenne sie so -, die seit Jahren ihre E-Mail-Konten mit dem männlichen Vornamen haben, die nicht als Frau präsentiert werden. Das ist jedes Mal ein Schock. Ich kriege auch heute manchmal noch Briefe, in denen "Georg" steht - das ist immer ein Schock, das will ich nicht. Wenn so etwas offiziell ist, dann sind Sie da angekommen, wo Sie hin wollten.

Wenn man Sie so hört, dann schwingt da so viel positive Energie mit, so viel Dankbarkeit, auch so eine schöne Sicht auf die Welt und die Menschen. Sie scheinen eine große Optimistin und Menschenfreundin zu sein. Ist das schon immer so gewesen? Oder sind Sie als Georgine dazu geworden?

Kellermann: Ich bin als Georgine noch einmal mehr dazu geworden, weil ich mich nicht mehr verstecke und weil ich keine Sorge habe, dass man über mich lacht oder so. Wenn die Leute über mich lachen, dann ist das deren Sache, und sie werden sich an mich gewöhnen - damit habe ich überhaupt kein Problem. Ich habe mich schon immer für Menschen interessiert, deswegen bin ich doch Journalistin geworden. Ich liebe es, Geschichten zu erzählen, und jeder Mensch hat mindestens eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Deswegen treibe ich mich so gerne da herum, wo Menschen sind, und rede mit ihnen. Es gibt nur ganz wenige, die das ablehnen. Wenn ich heute als Reporterin unterwegs bin und eine Live-Schalte für unsere Sendung oder für eine Regionalsendung habe, und ich werde dort respektvoll behandelt, dann ist das das Schönste, was ich mir wünschen könnte.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.07.2021 | 18:00 Uhr

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