Der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald J. Trump, verlässt das Auditorium des South Court des Eisenhower Executive Office im Weißen Haus am 8. Dezember 2020 in Washington, DC. (Bild: picture alliance / CNP/AdMedia | Oliver Contreras) © picture alliance / CNP/AdMedia | Oliver Contreras Foto: Oliver Contreras

Bye, bye Donald Trump: Abschied vom TV- und Twitter-Präsidenten

Stand: 15.01.2021 18:53 Uhr

Am 20. Januar wird der Demokrat Joe Biden auf den Stufen des US-Kapitols in Washington als 46. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Donald Trump will dieser Zeremonie fernbleiben.

Der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald J. Trump, verlässt das Auditorium des South Court des Eisenhower Executive Office im Weißen Haus am 8. Dezember 2020 in Washington, DC. (Bild: picture alliance / CNP/AdMedia | Oliver Contreras) © picture alliance / CNP/AdMedia | Oliver Contreras Foto: Oliver Contreras
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von Bernhard Pörksen

Noch in den letzten Tagen seiner Amtszeit hat Trump der Welt vor Augen geführt, wie stark er mit seinem Tun und mit seinen Worten die US-amerikanische Gesellschaft geprägt und gespalten hat; die Bilder vom Sturm auf das Kapitol am 6. Januar sind uns noch im Kopf. Doch Trump wäre niemals so weit gekommen ohne ihm gewogene Fernsehmacher und ohne die am Spektakel interessierten amerikanischen Medien: Aggressivität gegen Publizität, Schmutz gegen Sendezeit - so lautete die zentrale Tauschformel. Donald Trump, diese Hybridfigur aus Reality-TV-Star und Internet-Troll, hat auf dem Weg nach oben das Mediensystem gehackt. Auch wenn er jetzt aus dem Amt scheidet, sollte uns sein Aufstieg darüber nachdenken lassen, wie es dazu kommen konnte - und was sich daraus für den seriösen Journalismus lernen lässt.

Spektakelmüdigkeit und massive Bullshit-Verachtung

Bernhard Pörksen © dpa Foto: Horst Galuschka
Bernhard Pörksen

Die neuesten Auftritte und Ausfälle des amerikanischen Noch-Präsidenten anzuschauen, das war lange ein bisschen so wie Kartoffelchips essen. Man konnte einfach nicht aufhören, aber irgendwann war einem garantiert schlecht. Jetzt, nach dem Sturm auf das Kapitol und wenige Tage vor der Amtsübergabe von Donald Trump an Joe Biden, hat sich die Stimmung noch einmal verändert. Es regiert eine kaum noch steigerbare Schockiertheit im Angesicht der Gewalt, und gleichzeitig erlebt man ein Syndrom, das "Trump fatigue" genannt werden könnte. Es handelt sich um eine ziemlich ausgeprägte Spektakelmüdigkeit in Kombination mit massiver Bullshit-Verachtung.

Endlich rückt der Tag heran, so denken viele, an dem der Zündler und Rassist, der Hochstapler und Covid-Verharmloser, nicht mehr interessieren muss. Endlich nähert sich jener meditative Glücksmoment, an dem auch politische Journalistinnen und Journalisten die immer neuen Wut-Tweets einfach ignorieren können. Möglich, dass dies tatsächlich bald soweit ist, denke ich.

Die Ursünde des Journalismus im Umgang mit Donald Trump

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Noch einmal zurück zu den Anfängen. 2011 begann Trump in einer Morgensendung von Fox News seine politischen Ambitionen zu testen. Und er tat dies, indem er rassistische Verschwörungstheorien verbreitete. Barack Obama sei in Wahrheit gar kein US-Amerikaner und daher als Präsident nicht wirklich legitimiert, behauptete er damals. Andere Medien griffen seine haltlosen Spekulationen auf, verstärkten sie - auch im Versuch der Demontage. Mir ist aus dieser Anfangszeit des selbsternannten Politikers Donald Trump vor allem eine Fernsehszene in Erinnerung geblieben, die auf CNN zu sehen war: Hier befragt der Top-Journalist Wolf Blitzer, offenbar fasziniert vom Aufmerksamkeitserfolg der Provokation, Donald Trump nach seinen rassistischen Ausfällen - ganz so, als sei es angebracht, diese überhaupt zu widerlegen. Blitzer konfrontiert ihn mit einer Kopie von Obamas Geburtsurkunde und zitiert den damaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney, der die Verschwörungstheorien für absurdes Gerede hält. Darauf Donald Trump: "Er hat seine Meinung, und das ist wunderschön. Und ich bin nun mal anderer Meinung, und das ist auch wunderschön."

In dieser kurzen Konfrontation zeigt sich die Erregungsgier des Fernsehens und die Neigung der Trump-Gegner, eine Quatsch-Behauptung aufzublähen. Hier liegt, wenn man so will, die Ursünde des Journalismus im Umgang mit Donald Trump, hat man doch im Versuch der Entlarvung ein Nonsens-Thema aus den Schmuddelecken des Netzes von der Peripherie ins Zentrum befördert und damit überhaupt erst zum Aufreger hochgejazzt.

Reflektierte Ignoranz der Idiotie

Und es stellt sich die Frage: Wie über infame Behauptungen berichten, ohne diese selbst - und sei es auch nur im Versuch der Abwehr und Korrektur - dabei immer noch größer zu machen? Letztlich geht es um die reflektierte Ignoranz der Idiotie, einer Idiotie, die vielleicht Quote und Klickzahlen verspricht, aber die Informationskreisläufe verseucht und verschmutzt. Den pöbelnden, den spaltenden Provokateur nicht unnötig mit publizistischem Sauerstoff zu versorgen - darauf kommt es mehr denn je an. Und noch etwas: Der Kern von Trumps Propagandamethode (und anderer Populisten in seinem Fahrwasser) besteht darin, die Unterscheidung von Faktum und Meinung zu pulverisieren. In seiner Welt kommt die Tatsache oder die Realität nicht mehr vor, die Wissen von bloßer Behauptung unterscheidbar machen würde. Genau hier muss der seriöse Journalismus jedoch ansetzen - und auf den Tatsachen bestehen. Denn alles in einem Strom von Meinungen aufzulösen bedeutet, das Realitäts- und Rationalitätsprinzip des Diskurses selbst preiszugeben.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 17.01.2021 | 13:05 Uhr