Ulrich Kühn moderiert die NDR Kultur Sachbuchpreis-Gala © NDR Foto: Axel Herzig

Buchmesse: "Man spürt ganz deutlich, dass etwas fehlt"

Stand: 15.10.2020 17:02 Uhr

Wie fühlt es sich an, eine Lesung ohne Publikum zu machen? Geht das: Bücher schmökern ohne Bücher? Sind leere Messehallen tatsächlich so traurig? Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse.

Dass die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr vor allem digital stattfindet, bekommt unsere Literaturredaktion, die zu großen Teilen in Frankfurt vor Ort ist, sehr unmittelbar zu spüren. Ulrich Kühn erzählt im Gespräch, was die Leere auslöst.

Sie haben gestern mit einer Lesung auf der ARD-Bühne die Frankfurter Buchmesse sozusagen mit eröffnet und im Gespräch mit Ijoma Mangold und Verena Keßler gesagt, es sei eine Buchmesse, die sich nicht anfühlt wie eine Buchmesse. Wie ist das mit diesem Gefühl genau in diesem Jahr? Wie ist das für Sie, zurück auf diese Buchmesse zu kommen?

Ulrich Kühn: Ich habe diese Gefühle noch gar nicht richtig sortieren können. Sie sind so neu, und sie sind so fremd. Jedenfalls stimmt irgendetwas nicht - das ist ganz klar. Sie haben von den Messehallen gesprochen. In die kommen wir gar nicht hinein. Die sind gähnend leer - da ist einfach nichts. Wir sind in der Festhalle, in der eigentlich bis zu 450 Leute hätten sitzen dürfen. Im Vollbetrieb passen in diese Halle bis zu 5.000, wenn alle Ränge besetzt sind, sogar bis zu 10.000 Menschen. Das wäre ohnehin schon ein bisschen spärlich gewesen. Nun hat man auf den letzten Metern aufgrund der steigenden Corona-Zahlen entscheiden müssen, dass niemand in die Halle darf bis auf ein paar Leute, die das technisch betreuen. Man ist im Grunde die ganze Zeit in zwei Filmen gleichzeitig unterwegs. Man ist mitten in dieser Veranstaltung, hört interessanten Menschen zu, stellt Fragen und fragt sich zugleich selbst: "Was ist das hier eigentlich? Jedenfalls keine Buchmesse im eigentlichen Sinn."

Das ist Ihre ganz subjektive Empfindung. Verena Keßler sagte im Gespräch, dass es ihre erste Buchmesse sei. Es schien sie darum auch gar nicht so zu stören, dass sie keine Autogramme geben kann oder Hände schütteln muss - vielleicht auch, weil sie es gar nicht anders kennt. Hat denn diese "Trauer" über die digitale Messe nicht vor allem nostalgische Gründe?

Kühn: Das glaube ich nicht. Ich glaube, man spürt ganz deutlich, dass etwas fehlt. Es war schick, darüber zu klagen, dass es so eng und voll in den Hallen ist, dass die Luft so schlecht ist, dass so wahnsinnig viele Menschen da sind, dass einem das Stress bereitet. Wenn man jetzt genau in sich rein hört, dann merkt man, dass etwas ganz Entscheidendes fehlt: Buchmesse das bedeutet nämlich, dass man Flanieren kann, dass man in zufällige Begegnung reinkommt, dass man auf prominente Menschen trifft, dass man irgendwo an einem interessanten Gedanken hängen bleibt. Da sitzt jemand, spricht über sein Buch, unterhält sich vielleicht mit anderen, diskutiert über irgendein Thema, das die Gesellschaft bewegt. Man bleibt stehen, man nimmt Anregungen mit - das alles fällt vollkommen flach. Man hat sich für die BOOKFEST city-Veranstaltungen anmelden müssen. Das sind sicherlich auch interessante Eindrücke, die man von dort mitnimmt. Das muss man alles planen und einem Hygienekonzept folgen. Das, was die Messe ausgemacht hat, was auch Frau Keßler erlebt hätte, dass sich plötzlich ein Publikum sammelt und man ins Gespräch kommt, kann so alles nicht sein. Insofern ist das eine Trauer, die man, glaube ich, teilt und die nach meiner Einschätzung mit Nostalgie nicht so viel zu tun hat. Ich würde der Messe empfehlen, dass alles daran gesetzt werden soll, dass sie wieder die wird, die sie mal war. Und das, soweit es möglich ist, hoffentlich in einem Jahr wieder.

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Sie haben von Begegnungen gesprochen. Das können teils wegweisende Begegnungen sein. Wenn wir uns noch einmal klar darüber werden, dass die Buchmesse ein wichtiger Ort für alle aus der Branche ist, um Kontakte zu knüpfen, neue Banden einzugehen und Verträge abzuschließen - wo finden diese wichtigen Gespräche jetzt statt? Wo tauschen sich Verleger und Verlegerinnen, Autoren und Autorinnen, Medienvertreter und -vertreterinnen aus?

Kühn: Man muss sich das so vorstellen, dass das in diesem Jahr alles ins Digitale verlagert worden ist, glaube ich. Oder aber in die Zeit vor der Messe: Es ist nicht so ganz neu, dass entscheidende Absprachen, Verträge und Verabredungen getroffen worden sind, bevor die eigentliche Messe beginnt. Das hat in den letzten Jahren schon deutlich zugenommen. Inn diesem Jahr ist es von einer Ausschließlichkeit geprägt, die man so nicht kannte. Das kann nun unterschiedliche Konsequenzen zur Folge haben. Es gibt kleine Verlage, für die Buchmessen vor allem ein großer Kostenfaktor sind. Die werden sich sehr genau überlegen, ob sie zu einer Messe, wenn sie wieder stattfindet wie gehabt, überhaupt noch anreisen wollen. Manchen geht es ohnehin nicht so blendend, wie man ihnen das wünschen würde.

Für uns bedeutet das, dass die ganzen Verabredungen, die dazu führen, dass man planen kann - dass man weiß, welche Bücher kommen und interessant sind, was man vielleicht zu einer Veranstaltung machen kann oder was für "Am Morgen vorgelesen" von besonderem Interesse sein könnte - ins Digitale oder ins simple Telefonieren zurückverlagert werden. Das ist eine Situation, die man jetzt ein bisschen vorweg lernen konnte und die das gesamte Arbeitsleben betrifft. Sie ist aber doch, wenn man sie hier in diesen gespenstisch leeren Weiten des riesigen Messegeländes erlebt, nach wie vor sehr gewöhnungsbedürftig. Ich habe mich noch nicht daran gewöhnt.

Sie haben schon eine kleine Empfehlung an die Buchmessenmacherinnen und -macher ausgesprochen, wie die Messe weitergehen sollte oder könnte. Die Verlegerin von Kiepenheuer und Witsch, Kerstin Gleba, hat im Journal Gespräch gesagt, sie gehe davon aus, dass die Branche unabhängig vom finanziellen Aufwand zurück zur ursprünglichen Form der Buchmesse gehen will. Das Digitale werde aber zukünftig eine größere Rolle spielen, sagte sie. Entspricht diese Prognose auch ihrer Vorstellung von den noch kommenden Buchmessen? Was glauben Sie, wie wird Corona diese Buchmesse nachhaltig verändern?

Kühn: Dass das Digitale eine größere Rolle spielen wird, glaube ich ganz bestimmt. Dafür dass es eine Rückkehr zu dem Buchmessenformat geben sollte, das man früher hatte, würde ich sehr plädieren, denn das sind zweimal im Jahr Aufmerksamkeitsanker. Da fokussiert sich etwas und das Digitale neigt dazu, Diffusion zu erzeugen. Ich glaube, den Büchern tut es gut, wenn zweimal im Jahr ein ganz großer Scheinwerfer auf sie gelenkt wird. Dafür ist es hilfreich, wenn die Branche zusammenkommt. Im letzten Jahr waren 302.000 Besucherinnen und Besucher in Frankfurt, davon mehr als die Hälfte Privatpersonen, die Interesse an dem hatten, was hier stattfindet. Es ist hilfreich für das Buch und für die Literatur und daran sollte man festhalten.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: "Das ist keine Buchmesse im eigentlichen Sinn" (7 Min)

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.10.2020 | 18:00 Uhr

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