Wie sieht die Zukunft der Bausünden aus?

Stand: 09.06.2021 15:31 Uhr

Groß, klobig und umstritten: Die Betonbauten der 1960er- und 1970er-Jahre prägen viele norddeutsche Städte. Das Kulturjournal hat Denkmalschützer und Fans des sogenannten Brutalismus getroffen.

von Stefan Mühlenhoff

Einst standen die Gebäude für gesellschaftlichen Aufbruch, heute würden Kritiker sie am liebsten abreißen. Aber es gibt auch Fans des sogenannten Brutalismus, und Denkmalschützer wollen die wichtigsten Bauwerke dieses Baustils schützen.

Die Post-Pyramide in der Hamburger City Nord © NDR.de Foto: Marc-Oliver Rehrmann
Die Post-Pyramide stand in der Hamburger City Nord. Sie wurde 2017 abgerissen.

In Hamburg steht das Ensemble der City Nord unter Denkmalschutz, aber nicht die einzelnen Bauten. Dem ehemaligen Postamt 60 droht der Abriss. In Hannover steht zum Beispiel das Parkhaus Osterstraße unter Denkmalschutz, aber noch nicht der gewaltige Terrassenbau Davenstedt. Ein besonderer Bau ist in Berlin die Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße.

Brutalismus: Architekturhistorikerin für den Erhalt der "Bausünden"

Architekurhistorikerin Turit Fröbe, bekannt durch ihre Bücher zu "Bausünden", verteidigt die Betonarchitektur: "Das sind Skulpturen im Raum. Und als solche muss man sie viel stärker begreifen." Man muss diese Bauten unbedingt erhalten, so Fröbe, auch für nachfolgende Generationen. Einer der schärfsten Kritiker dieses Baustils ist Christoph Mäckler: "Viele der Gebäude der 70er-Jahre sind für den Architekten gebaut, aber nicht für die Gesellschaft", so der Architekt und Stadtplaner. "Wenn etwas hässlich ist, dann gehört es irgendwann mal abgerissen. Hässlichkeit bedeutet doch Hässlichkeit gegenüber der Gemeinschaft, Hässlichkeit im städtischen Raum."

Terrassenbau Davenstedt in Hannover mit 208 Wohnungen

Eines der markantesten Gebäude in Hannover ist der Terrassenbau Davenstedt. Ein Betonkomplex mit 13 Stockwerken und 208 Wohnungen, die quasi aufeinander geschachtelt wurden. Von außen ein riesiger Koloss, aber viele Bewohnerinnen und Bewohner der Eigentumswohnungen fühlen sich wohl. Der Bau habe einen "ganz besonderen Flair", findet Burgfried Stamer, der seit sieben Jahren hier wohnt. "Der Architekt ist unglaublich kreativ gewesen", sagt Stamer. Im oberen Geschoss gibt es sogar einen Freizeitbereich mit Schwimmbad.

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Post-Pyramide in Hamburg. Ansicht von schräg oben. © NDR

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Postamt 60 in der Hamburger City Nord droht der Abriss

Die City Nord in Hamburg ist eine eigene Bürostadt mit markanten Beton-Riesen, errichtet ab den 1960er-Jahren. Damals wollte man Arbeiten und Wohnen räumlich trennen und versprach sich davon mehr Lebensqualität. Doch trotz des Denkmalschutzes für das Ensemble sind nicht die einzelnen Bauten geschützt. Die sogenannte Postpyramide wurde bereits abgerissen. Jetzt ist das ehemalige Postamt 60 bedroht.

Die Hamburger Denkmalschützerin Kristina Sassenscheidt © NDR Kulturjournal
Kristina Sassenscheidt betont auch den ökologischen Faktor, den der Abriss alter Betonbauten mit sich bringen würde.

Kristina Sassenscheidt vom Denkmalverein Hamburg kritisiert die Abriss-Pläne, auch aus ökologischen Gründen: "In so einem Gebäude steckt ja auch jede Menge 'graue Energie'. Das ist die Energie, die schon benutzt wurde für die Baumaterialien, um das Gebäude aufzubauen. Und die Energie, die in diesem Gebäude gespeichert ist und die man deswegen auch weiter nutzen sollte. Wir bauen irgendwie komplett über unsere Verhältnisse", so Sassenscheidt. Doch der Eigentümer sieht keine Verwendungsmöglichkeit für das Haus.

Parkhäuser: "Brutale Kiste" versus spannendes Innenleben

Die Parkhäuser der 1960er- und 1970er-Jahre wird man in einer autofreien Stadt der Zukunft womöglich nicht mehr brauchen, aber schon mehrere stehen unter Denkmalschutz, zum Beispiel das Parkhaus Osterstraße in Hannover. In Hamburg wird geprüft, ob das Parkhaus Rödingsmarkt geschützt werden soll. Kristina Sassenscheidt ist begeistert vom Innenleben des Baus, der durch besondere Wendelrampe besticht. Kritiker Christoph Mäckler bemängelt dagegen, dass das Gebäude von außen zu klobig ist: "Es ist eine brutale Kiste, die so im städtischen Raum nicht akzeptabel ist."

Schlagenbader Straße in Berlin bietet Wohnraum über der Autobahn

In West-Berlin hat man sogar eine Autobahn mit einer Wohnanlage verhüllt: Mit der Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße entstand ein Komplex mit ursprünglich mehr als 1.700 Wohneinheiten. Wenn ein Gebäude dazu geeignet ist, Fan zu werden von diesen Großbauten, dann sei das der richtige Bau, schwärmt Turit Fröbe. "Wenn die Autobahn offen hier durchgeführt worden wäre, dann wäre das alles drum herum ein Unort. Die ganze Gegend wäre kaputtgemacht worden."

Mit einem neuen Blick auf die Giganten aus Beton schauen

Fröbe fordert uns auf, dass wir mit neuem Blick auf die Giganten aus Beton zu schauen: "Das sind einfach sehr expressive Sachen gewesen, die aus der Reihe tanzen, die sich also nicht einfügen in dieses andere restliche städtebauliche Einerlei. Das sind Skulpturen im Raum. Und als solche muss man sie auch viel stärker begreifen."

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Die Hamburger Denkmalschützerin Kristina Sassenscheidt © NDR Kulturjournal

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Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 07.06.2021 | 22:45 Uhr