Stand: 03.04.2018 17:22 Uhr

Zum 50. Todestag von Martin Luther King

Vor 50 Jahren wurde der Wortführer der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King ermordet. Die Kulturwissenschaftlerin Britta Waldschmidt-Nelson hat über die Bürgerrechtsbewegung, über die Rechte der Frauen in den USA und über Martin Luther King vielfach gearbeitet und geschrieben.

Frau Waldschmidt-Nelson, lassen Sie uns auf das Amerika von 1968 schauen: Wie hatte der organisierte Widerstand gegen die Rassentrennung begonnen?

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Britta Waldschmidt-Nelson ist Kulturwissenschaftlerin und Professorin für die Geschichte des europäisch-transatlantischen Kulturraums an der Universität Augsburg.

Britta Waldschmidt-Nelson: Der Widerstand gegen die Rassentrennung hatte schon wesentlich früher begonnen, schon zum Ende des 19. Jahrhunderts, und in organisierter Form Anfang des 20. Jahrhunderts. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg kam eine ganz neue Phase: die des aktiven, gewaltfreien Massenprotests, die auch von Martin Luther King und seiner Organisation, der "Southern Christian Leadership Conference", angeführt wurde. Man sagt, die klassische Zeit der Bürgerrechtsbewegung begann mit dem "Montgomery Bus Boycott", durch den King zur Spitze dieser Bewegung katapultiert wurde, und erreichte dann einen positiven, konstruktiven Höhepunkt in der Mitte der 60er-Jahre mit dem berühmten "March on Washington" von 1963, bei dem King die "I Have a Dream"-Rede hielt. Dann kam die Verabschiedung der beiden großen progressiven Bürgerrechtsgesetze, dem "Civil Rights Act" von 1964 und dem "Voting Rights Act" von 1965, mit denen die legale Rassentrennung und die legale Diskriminierung der schwarzen Amerikaner sowie ihr vollkommener Ausschluss vom politischen System, der vorher Fakt war im Süden der Vereinigten Staaten, beendet wurde.

Dabei hatte es ja schon einmal eine wichtige Zäsur gegeben, nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs im Jahr 1865: Abschaffung der Sklaverei, volle Bürgerrechte, Wahlrecht. Und rund 100 Jahre später immer noch: offener Rassismus in öffentlichen Einrichtungen wie Schwimmbädern, Schulen, Restaurants, Kinos. Wie konnte sich dieser Widerspruch durchsetzen? Welche Interessengruppen steckten dahinter?

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Waldschmidt-Nelson: Die ersten paar Jahre nach dem Bürgerkrieg war der Süden noch ein "besetztes Land", weil die Nordstaaten-Truppen, die den Krieg gewonnen hatten, dort präsent waren. Und in dieser kurzen Zeit, der Zeit der "Reconstruction", von 1865 bis 1876, da gab es tatsächlich so ein Fenster der Gleichberechtigung für Schwarze im Süden. Aber der Widerstand der Rassisten, die sich im Ku-Klux-Klan und in anderen "White Supremacy Organisations" organisiert haben, fing an, und die haben auf ganz geschickte Weise die in der Verfassung garantierten Rechte für Schwarze wieder ausgehebelt. Beim Wahlrecht etwa war im Verfassungszusatz bestimmt worden, dass man niemanden vom Wählen ausschließen darf aufgrund seiner Hautfarbe oder der Tatsache, dass er früher ein Sklave war. Dann haben die Südstaaten die "Grandfather Clause" eingeführt: In unserem Staat dürfen nur Menschen wählen, deren Großväter bereits gewählt haben. Und dadurch konnte man alle Schwarzen vom Wählen ausschließen, ohne dass man direkt gegen diesen 15. Verfassungszusatz verstieß. Und auf diese Weise hat man die politische Entmündigung der schwarzen Bevölkerung im Süden sowie die Rassentrennung in allen Bereichen des öffentlichen Lebens durchsetzen können, und zwar bis zur Mitte der 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts.

Beziehungsweise 1955: Rosa Parks, die sich weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen frei zu machen. Es folgten der Busboykott, 382 Tage des zivilen Ungehorsams, des passiven Widerstands. Protestmärsche wurden organisiert und Martin Luther King hielt überzeugende Reden. Was brachte dann tatsächlich den Durchbruch? Wie kam es zu den gesetzlichen Schritten?

Waldschmidt-Nelson: Den Durchbruch brachte, dass sich die Gesamtsituation nach dem Zweiten Weltkrieg massiv geändert hatte. Das lag zum einen daran, dass über eine Million schwarze Amerikaner als GIs im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten, um gegen den Nazi-Rassismus zu kämpfen. Diese jungen Männer kamen dann in die USA zurück und waren nicht mehr dazu bereit, ihre eigene Unterdrückung im Süden der Vereinigten Staaten zu akzeptieren. Es gab also ein sehr erhöhtes schwarzes Selbstbewusstsein, und die Mitgliedszahlen in den schwarzen Bürgerrechtsorganisationen sind nach dem Zweiten Weltkrieg massiv in die Höhe gegangen.

Gleichzeitig wurde durch das Verhalten der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg, im Kalten Krieg, diese Heuchelei offensichtlich, dass man einerseits sagte: Wir stehen für Demokratie, Menschenrechte und Freiheit, wir bekämpfen den Rassismus der Nazis - man aber gleichzeitig den Rassismus und die gesetzliche Diskriminierung der Schwarzen im eigenen Land duldete. Die Unterdrückung der Schwarzen und dieses fürchterlich brutale Vorgehen der weißen Rassisten im Süden, auch der Polizei, die auf friedlich demonstrierende Bürgerrechtler eingeprügelt und Tränengas eingesetzt hatte - diese Bilder gingen um die Welt. Und das hat einen erheblichen Druck ausgeübt auf die amerikanische Regierung und auf die öffentliche Meinung, etwas gegen diese Diskriminierung der Schwarzen zu unternehmen.

Vor zehn Jahren wurde in den USA mit Barack Obama der erste afroamerikanische Präsident gewählt. Für viele war das ein großes emotionales Erlebnis. Man glaubte, jetzt würde sich der Traum von Martin Luther King erfüllen. Wie sehen Sie das heute, im Jahr 2018?

Waldschmidt-Nelson: Die Wahl von Barack Obama schien eine Erfüllung des Traums zu sein, weil zum ersten Mal ein Afroamerikaner das höchste Amt der Vereinigten Staaten innehatte. Insofern stand Obama zweifelsohne auf den Schultern der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, auf den Schultern Kings - das hat er selber auch immer wieder gesagt. Auf der anderen Seite ist es aber eine Sache, symbolisch die totale Gleichberechtigung zu erreichen, und eine andere in der Praxis. Das ist das Problem, und daran hat leider auch die Präsidentschaft Obamas nicht viel ändern können. Die rechtliche Gleichstellung der schwarzen Amerikaner ist inzwischen erreicht, aber wenn man sich die soziale und die wirtschaftliche Gleichstellung anguckt, liegen da immer noch große Meilen der Distanz zwischen der Wirklichkeit und dem, was King sich erhofft hatte. Die Unterschiede im Einkommen und im Besitz der schwarzen und der weißen Amerikaner, bei Themen wie Arbeitslosigkeit, Gesundheitsfürsorge - da gibt es nach wie vor eine große Kluft. Die schwarzen Amerikaner haben in den letzten 50 Jahren zwar viele Fortschritte gemacht, aber es gibt nach wie vor ganz eklatante Probleme.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.04.2018 | 19:00 Uhr

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