Stand: 05.03.2019 17:20 Uhr

Humangenetik: Hoffnungsträger oder Horrorszenario?

Bild vergrößern
Was kann, was darf die Humangenetik?

Am Mittwoch beginnt in Weimar die 30. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik - einer Disziplin, die bei vielen große Hoffnungen weckt. Mit ihr können durch Eingriffe in das Erbgut des Menschen möglicherweise schwere Krankheiten geheilt oder verhindert werden. Andererseits sind mit der Humangenetik Horrorfantasien von geklonten Menschen und künstlichem Leben à la Frankenstein verbunden.

Brigitte Schlegelberger ist Direktorin des Instituts für Humangenetik der Medizinischen Hochschule Hannover und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik.

Frau Schlegelberger, Hoffnungsträger einerseits, Horrorszenario anderseits - wo steht die Humangenetik heute?

Brigitte Schlegelberger: Sie steht mitten im klinischen Alltag, und ich will Ihnen das an einem Beispiel verdeutlichen: Ein kleines Baby war seit seiner Geburt wegen permanenten Infektionen im Krankenhaus, und keiner wusste genau, woran dieses Kind leidet. Es wurde dann in die Medizinische Hochschule in Hannover verlegt, und auch dort wussten die Ärzte nicht, an welcher Krankheit dieses Kind leidet. Die Kinderärzte am Institut für Humangenetik haben dann eine Exom-Sequenzierung veranlasst, bei der alle Gene dieses Kindes untersucht wurden. Dabei haben wir die kausale krankheitsverursachende Variante gefunden, nämlich eine Veränderung in einem Gen - und damit war die Diagnose klar. Die einzige Therapieoption für dieses Kind war eine Stammzelltransplantation, die dann auch sehr schnell durchgeführt wurde. Damit haben wir sehr schwere Komplikationen vermieden: Durchfallerkrankungen oder Fistelbildungen, die diesen Kindern jahrzehntelang zu schaffen machen können. Und letztlich ist dieses Kind jetzt geheilt.

Das klingt in der Tat sehr positiv, und da geben sie allen, die große Hoffnungen in die Humangenetik setzen, recht. Auf der anderen Seite herrschen diese Horrorfantasien, dass man Menschen klonen kann. Ist das alles machbar?

Schlegelberger: Bei den ethischen Implikationen ist es sehr wichtig, dass wir die Patienten immer auch mitnehmen. Da hat die Humangenetik eine sehr große Tradition, die Patienten sehr gut zu informieren, aufzuklären, allein über die Möglichkeiten dieser genetischen Diagnostik. Das ist auch Teil des Gendiagnostikgesetzes, dass vor und auch nach der genetischen Diagnostik eine umfassende Aufklärung erfolgt. Aber Sie wollen wahrscheinlich noch auf etwas ganz anderes hinaus.

Ja. Das ist sehr viel Klinikalltag, was Sie beschreiben. Aber es findet doch auch viel hinter verschlossenen Türen statt. Ich erinnere zum Beispiel an den chinesischen Wissenschaftler, der vor einigen Monaten behauptet hat, er hätte einen Durchbruch in der Klonung von Menschen geschafft. Das ist ja möglich in der Humangenetik.

Interview

Genmanipulierte Babys: "Endgültiger Weckruf"

Ein chinesischer Wissenschaftler behauptet, die DNA von zwei Babys genetisch verändert zu haben. "Ein grundstürzender Eingriff in die Wissenschaft", findet Medizinethikerin Christiane Woopen. mehr

Schlegelberger: Das ist kein Klonen, sondern es ist eine Möglichkeit, die wir seit wenigen Jahren haben, mit einer neuen Technik in das menschliche Genom einzugreifen, ganz gezielt Veränderungen zu setzen und damit Gendefekte zum Verschwinden zu bringen. Ich sehe da keine Schwierigkeiten, wenn wir dieses Werkzeug zum Beispiel an Knochenmarkstammzellen dieses Babys anwenden und damit letztlich diese Krankheit heilen. Wir müssten diesem Kind dann keine fremden Stammzellen transplantieren, sondern könnten die eigenen Stammzellen korrigieren. Das ist aus unserer Sicht ethisch nicht anders als die Therapie mit einem neuen Medikament.

Wo verläuft denn bei Ihnen die ethische Grenze?

Schlegelberger: Im Moment ist die ganz klare Grenze - und da gibt es in Deutschland auch ein gesetzliches Verbot - bei einem Eingriff in die Keimzellen. Das nennt sich Keimbahn-Gentherapie. Darüber gibt es weltweit große Übereinstimmung, dass eine Keimbahn-Gentherapie im Moment nicht zulässig ist. Wir haben die Technik noch nicht entwickelt. Bei dem chinesischen Baby wurde die "erste Keimbahn-Therapie" beim Menschen angewandt, die aber von allen abgelehnt wurde, weil die ethischen Bedingungen in keinster Weise akzeptabel waren.

Sie sagen, es gibt große internationale Übereinstimmungen - gibt es aber auch große Unterschiede? In Israel zum Beispiel wird mit embryonalen Stammzellen ganz anders umgegangen als hierzulande, und viele Forscher fühlen sich hier deswegen eingeengt.

Schlegelberger: Ja, das ist vollkommen richtig, dass zum Beispiel der Deutsche Ethikrat sehr intensiv darüber nachdenkt, ob Forschungsarbeiten in Richtung Keimbahn-Gentherapie auch an menschlichen Zellen erlaubt sein sollen. Es ist heute klar, dass wir mit Tiermodellen nicht weiterkommen, und es ist auch klar, dass in vielen anderen Ländern intensive Anstrengungen in diese Richtung unternommen werden. Und da ist die Frage, wenn diese Techniken irgendwann ohne Komplikationen und ohne Nebenwirkungen möglich sind, ob wir sie den deutschen Patienten vorenthalten dürfen. Ich habe mich in einer ethischen Diskussion in der Katholischen Akademie in Bayern extrem gewundert, dass katholische Moraltheologen die Keimbahn-Gentherapie, wenn sie zum Ziel hat, schwerwiegende Erbkrankheiten zu heilen, nicht ablehnen und keinerlei Vorbehalte haben.

Wo steht Deutschland in diesem internationalen "Wettbewerb"?

Schlegelberger: Ich habe große Sorge, dass Deutschland ins Hintertreffen gerät. Deutschland beteiligt sich nicht an den großen Forschungsinitiativen. In England, in den USA, in Frankreich, in China werden große Programme ausgerufen - und Deutschland hat sich noch nicht einmal in die europäischen Initiativen integriert. An dieser Stelle müssten wir unsere Ängste überwinden und sehr schnell aktiv werden.

Werden in den kommenden Tagen ethische Fragen auch eine Rolle spielen, oder ist es eher ein Fachkongress, wo Sie sich beispielsweise über die Mukoviszidose unterhalten werden?

Schlegelberger: Die deutsche Humangenetik hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg ganz intensiv mit ihrer Geschichte und auch immer mit ethischen Fragen auseinandergesetzt. Auf einem unserer Poster geht es zum Beispiel um die Einstellung von Studierenden und Schülern zur Keimbahn-Gentherapie, also auch um ethische Fragen. Da hat die deutsche Humangenetik eine sehr gute Tradition, auf die ich auch als Präsidentin dieser Gesellschaft durchaus stolz bin.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.03.2019 | 19:00 Uhr

Übersicht

NDR Kultur

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

51:09
NDR Info