Stand: 07.09.2020 14:56 Uhr  - NDR Kultur

Braunschweig: Ausstellung über den Philosophen Amo

Vom Denkmalsturz über das Sperren von Twitter-Accounts bis zur Absage von kulturellen Veranstaltungen oder dem Stopp von Buch-Veröffentlichungen: "Cancel Culture" kann ganz Unterschiedliches meinen. Im Fokus steht aber oft die Frage, ob jemand oder etwas boykottiert oder stumm geschaltet werden soll. Jule Hillgärtner, Direktorin vom Kunstverein Braunschweig, geht es in ihrer aktuellen Ausstellung um das Gegenteil: nämlich darum, ungehörte Stimmen laut werden zu lassen.

Frau Hillgärtner, "The Faculty of Sensing" heißt Ihre Schau zu Ehren von Anton Wilhelm Amo. Er hat im 18. Jahrhundert in Niedersachsen seine wissenschaftliche Karriere gestartet und gilt als erster schwarzer Philosoph. Dennoch war er bis vor kurzem in der Region und auch darüber hinaus für die meisten ein weißer Fleck auf der Landkarte. Warum haben Sie sich der Sache verschrieben, dieser ungehörten Stimme im Kanon der Philosophie Gehör zu verschaffen?

Sitz des Kunstvereins Braunschweig © picture alliance/imageBROKER Foto: Thomas Robbin
Die Schau "The Faculty of Sensing" ist noch bis zum 13. September im Kunstverein Braunschweig zu sehen.

Jule Hillgärtner: Ich bin davon überzeugt, dass Anton Wilhelm Amo ein faszinierender Philosoph des frühen 18. Jahrhunderts ist, also der sogenannten Frühaufklärung, die später in der Aufklärung mündet, und von der Idee her schließlich auch in den Menschenrechten und der Französischen Revolution - Freiheit und Gleichheit. Parallel dazu läuft in Europa der Kolonialismus. Und das sind zwei Erzählstränge des 18. Jahrhunderts, die sich nur über die Brücke des Rassismus miteinander verbinden lassen oder das eine das andere rechtfertigt. Vor dem Hintergrund ist es eine mögliche Erklärung dafür, dass Anton Wilhelm Amo sehr unbekannt ist.

Bonaventure Ndikung, der zusammen mit mir und Nele Kaczmarek die Ausstellung kuratiert, hat mich vor zweieinhalb Jahren gefragt, ob ich Anton Wilhelm Amo kenne, und ich musste damals noch mit "Nein" antworten. Ich habe aber gleichzeitig angefangen, mich damit zu beschäftigen und fand vor allem sein Denken, aber auch seine spektakuläre Biografie, extrem faszinierend. Deshalb haben wir uns entschieden, dass wir hier unbedingt diese Ausstellung machen möchten.

Im Fokus steht sein Denken und sein Arbeiten. Wie sind Sie konkret dieses Thema angegangen?

Hillgärtner: Man könnte fast sagen, Anton Wilhelm Amo ist ein Phänomenologe vor seiner Zeit. Auch der Ausstellungstitel deutet das schon ein bisschen an. Er geht auf ein Zitat von Amo zurückgeht: "The Faculty of Sensing" - die Fähigkeit, wahrzunehmen. Man hat den Eindruck, dass die philosophischen Gedanken von Anton Wilhelm Amo vorher einmal durch den Körper geschleust wurden. Das ist eine sehr körperbetonte Philosophie und Denkweise. Das ist besonders interessant für bildende Künstlerinnen und Künstler. Das ist an ganz vielen Stellen in der Ausstellung der Zugang zu seiner Philosophie und zu den Arbeiten, die man hier sehen kann. Das Ganze kam so zustande, dass wir den insgesamt 16 Künstlerinnen und Künstlern die Texte Amos zur Verfügung gestellt haben. Und die bilden die Grundlage für alles Weitere, was man hier sieht.

Der Name Anton Wilhelm Amo ist in der jüngeren Vergangenheit auch im Zuge der Diskussion um die Straßenumbenennungen in Berlin gefallen. Eine Straße mit heute als rassistisch geltendem Namen soll jetzt nach ihm benannt werden. Wie haben Sie diese Debatte verfolgt?

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Eine junge Frau hält sich den Mund zu und schaut ernst in die Kamera. © photocase.de Foto: nanihta

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Hillgärtner: Das war ein Highlight für uns, dass in unserer Laufzeit dieser Straßenname entschieden wird. Ich finde das eine fabelhafte Entscheidung. Wenn ich richtig informiert bin, gab es auch die Überlegung, die Straße Nelson-Mandela-Straße zu nennen. Was für mich persönlich für die Anton-Wilhelm-Amo-Straße spricht, ist, dass sich allein an Amos Namen sehr viel an Komplexität ablesen lässt, auch in direktem Bezug auf die deutsche Kolonialgeschichte. Er wurde nach seinen Herrschern, nach seinen Sklavenhaltern benannt: Anton Ulrich war der Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, dem er "geschenkt" wurde. Kurz nach seiner Ankunft in Braunschweig-Wolfenbüttel wurde er Anton Wilhelm Amo getauft. Wie er wirklich als Kind hieß, weiß man bis heute nicht - vermutlich Amo, aber sicher ist das nicht. Allein diese Vielschichtigkeit durch diese Namenskombination spricht Bände. Ich finde diese Benennung des Straßennamens sehr interessant und ergiebig.

Denken Sie, die Cancel-Culture-Debatte wird zu negativ geführt? Sollten wir vielleicht mehr Energie investieren, um Minderheiten zu stärken und in den Fokus zu ziehen, als andere Stimmen zu schwächen und zu boykottieren?

Hillgärtner: An ganz vielen Stellen in unserer Ausstellung geht es genau darum. Das ist auch eine unserer Grundideen: Wir sprechen von Dekanonisierung, und es geht nicht darum, einen vorhandenen Kanon durch einen anderen auszutauschen, sondern unseren bestehenden Kanon durchlässiger zu machen für diese vielen anderen Stimmen, die nicht gehört oder gelesen werden und dadurch im Grunde nicht vorkommen. Es geht darum, dass man sich für diese Vielschichtigkeit und die Vielstimmigkeit begeistert. Das ist ein großer Gedanke in dieser Ausstellung, der aber auch in der Ausstellung als solche spürbar wird, wenn man sich klarmacht, wie sie sich zusammensetzt: indem 16 verschiedene Perspektiven auf Amo treffen und dadurch ein Bild über eine Figur entworfen wird, über die man so wenig weiß. Letzten Endes fungiert Amo für uns auch als eine Projektionsfläche im positivsten Sinn. Es ist eine multiperspektivische Gestalt, die da entsteht.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Sitz des Kunstvereins Braunschweig © picture alliance/imageBROKER Foto: Thomas Robbin

AUDIO: Braunschweig: Ausstellung über den Philosophen Amo (8 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.09.2020 | 18:00 Uhr