Die Schauspielerin Josefine Israel bei einer Inszenierung am Schauspielhaus Hamburg von "Serotonin" im rosafarbenen Kleid mit schwarzen Quadraten © picture alliance Foto: Christian Fürst

Boy-Gobert-Preis 2020: Josefine Israel - das Energiebündel

Stand: 22.10.2020 06:00 Uhr

Diesen Hamburger Theaterpreis bekommen nur die wirklich großen Schauspieltalente: Ulrich Tukur, Susanne Wolff - und nun Josefine Israel: den Boy-Gobert-Preis.

von Peter Helling

Benannt ist der Boy-Gobert-Preis nach dem ehemaligen Intendanten des Thalia Theaters. Seit 1981 wird er an junge Schauspieler und Schauspielerinnen an Hamburgs Bühnen verliehen. Die Preisträgerin dieses Jahres ist Josefine Israel. Sie ist im Ensemble des Deutschen Schauspielhauses. Sie erhält die Auszeichnung am 29. November im Thalia Theater. NDR Reporter Peter Helling hat sich mit ihr getroffen.

Josefine Israel - eine unverstellte Schauspielerin

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AUDIO: Boy Gobert (15 Min)

Springen, Rennen, bloß nicht zurücklehnen: Josefine Israel ist ein Energiebündel. Sie bewegt ihre Hände, als würde sie etwas aus Luft formen. Wenn die Schauspielerin auf die Bühne kommt, besser - schlurft, stapft, hüpft, schleicht - erlebt man eine junge Frau ganz unvergrübelt, unverstellt ihre Rolle verkörpern.

Szene in "Häuptling Abendwind" mit Sasha Rau, Samuel Weiss und Josefine Israel.  Foto: Matthias Horn
In "Häuptling Abendwind" am Schauspielhaus Hamburg spielt Israel an der Seite von Sasha Rau und Samuel Weiss.

Für den Boy-Gobert-Preis hat sie eine Metapher, die ihr beim Joggen eingefallen ist: "So ein Preis ist erst einmal wie ein warmes schönes Bett, aber da muss sich nicht drin einkuscheln und ausruhen; sondern man kann auf den Sprungfedern von diesen Matratzen springen und gucken, wo's einen so hinbringt."

Ob in einem Bett mit Sprungfedern, ob auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses: Diese Spielwütige will springen, will ihre Energie verschleudern. "Ich hatte schon immer einen Ausdruckswillen. Ich habe früh geschrieben und solche Sachen, früh angefangen mit Klavier. Und dann kam dieses Theater um die Ecke, und ich merkte: "Boah!'"

In Berlin aufgewachsen, Castorfs Volksbühne entdeckt

Um die Ecke kam das Theater schon, da war sie ein Kleinkind. Geboren 1991 in Frankfurt/Oder als Tochter einer Dramaturgin und eines Schauspielers, ist Josefine Israel in Berlin aufgewachsen. Als kleines Mädchen soll sie mit roten Wangen auf die Bühne gestarrt haben. Berlin und das wilde Jugendtheater der legendären Volksbühne unter Frank Castorf. Sie erinnert sich an "junge Leute, die sich da bis auf die Unterhose ausgezogen haben, auf 'ne stolze, gute Art und Weise. Und das mit einer Lässigkeit und Coolness. Da hab' ich beschlossen, dass ich gerne an dieses Jugendtheater möchte, und das hat dann geklappt!".

Staunend in den Saal gucken, klingt nach ihrem Rezept. Und dann: einfach los, machen. Spielen, nicht groß zaudern, zögern. Sich ent-äußern, sagt sie, sei das Tolle am Theater, dass man sofort eine Reaktion bekomme.

Moderatorin bei Marthalers "Häuptling Abendwind"

Wie neulich, als sie als urkomische Moderatorin in der Inszenierung "Häuptling Abendwind" von Christoph Marthaler, über die Bühne stöckelt. Mit dicker Brille und Dramaturgen-Blick - den kannte sie von der Mutter. "Da merkte ich, 'ah jetzt hast du so'n ganz trockenen Ton', und auf einmal kamen so die Lacher, und da merkte ich: 'jetzt einfach immer ernster werden, auf keinen Fall lockerlassen'. Dann hat man's manchmal und am anderen Tag wieder gar nicht", so die Schauspielerin.

Das klingt wie eine Surferin auf einer perfekten Welle. Ihre Rollen? Sind grundverschieden. Mal kühl, unnahbar, dann kumpelhaft und überbordend, lässig und hemmungslos verspielt. Seit 2015 ist das Deutsche Schauspielhaus ihre Bühne, es war das Erstengagement der heute 29-jährigen nach dem Studium. "Es ist immer ein Glück, in dieses Haus zu gucken, es ist einfach ein wunderschöner Saal, eine tolle Bühne, und man ist da gerne. Da flirrt was, das ist schön!"

Josefine Israel wirkt wie unter Strom

Das Flirren, die Elektrizität: Josefine Israel wirkt wie unter Strom. Aber den leitet sie um, gibt ihn nach außen. Sie trägt diesen flirrenden Widerspruch in sich: wirkt zerbrechlich und kraftvoll. Sie schnipst mit den Fingern, beinahe ungeduldig, mit einem strahlenden Lächeln. Irgendwie sucht sie immer nach dem besten Ausdruck. Auf der Bühne durchlaufe sie schon auch mal Zweifeltäler, wie sie es nennt - und malt Schlangenlinien in die Luft. Und dann gibt es diese anderen Augenblicke, die, in denen sie von der federnden Matratze abhebt.

Wer der Schauspielerin bei der Arbeit zusehen möchte, der kann es am 24. und 25. Oktober in "Häuptling Abendwind" am Schauspielhaus Hamburg tun.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 20.10.2020 | 19:00 Uhr