Stand: 16.05.2018 18:38 Uhr

Carsten Jensens Kampf für die europäische Idee

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Carsten Jensen ist der erste Preisträger des Europa-Preises der Europa Universität Flensburg.

Morgen wird der dänische Schriftsteller Carsten Jensen mit dem Europa-Preis der Europa Universität Flensburg (EUF) ausgezeichnet. Mit der morgigen Verleihung erblickt der Europa-Preis das Licht der Welt, denn er wird erstmals verliehen. Birgit Däwes ist Professorin für Amerikanistik an der EUF und wird die Laudatio auf Carsten Jensen halten.

Frau Däwes, es gibt ja nun schon den einen oder anderen Preis für engagierte Europäerinnen und Europäer - nehmen wir beispielsweise den am vergangenen Wochenende in Aachen verliehenen Karlspreis. Warum stiftet die EUF noch einen weiteren Preis?

Birgit Däwes: Erst mal ist die grundsätzliche Frage: Warum eigentlich nicht? Es gibt natürlich noch einige weitere Preise, die diesen Namen tragen, die aber alle unterschiedliche Zielsetzungen, Zielgruppen und Zwecke haben, obwohl sie alle "Europa" im Namen haben. Der Europapreis des Europarats zum Beispiel ist für Gemeinden und Städte ausgeschrieben - da könnte sich Flensburg durchaus auch noch qualifizieren. Der Karlspreis, den Sie erwähnten, sollte in den 50er-Jahren vor allem auf die wirtschaftliche Vereinigung hinwirken. Und wir haben an der EUF zwar nicht die Könige von Spanien und Belgien als Schirmherren, aber wir sind sehr daran interessiert, in unserer grenzübergreifenden Region diejenigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder Persönlichkeiten öffentlichen Lebens zu würdigen, die Europa in ihren Gedanken mittragen und die vor allem die europäische Idee besonders stark machen. Und das können wir in dieser Grenzregion zwischen Deutschland und Dänemark schon ganz gut. Wir sind hier in Flensburg sehr an Minderheiten interessiert, und deswegen dieser Preis.

Carsten Jensen, den Sie morgen auszeichnen, ist nicht Emmanuel Macron, der am vergangenen Wochenende den Karlspreis bekommen hat, also kein Machthaber, kein Entscheider. Was zeichnet Carsten Jensen aus?

Buchtipp

Der erste Stein
von Carsten Jensen
Penguin Verlag
Seiten: 640
ISBN: 978-3328102953
Preis: 13,00 Euro

Däwes: Er ist vor allem durch sein schriftstellerisches Werk preiswürdig. Er schafft es wie kein anderer, uns in seinem Werk europäische Idee und europäische Werte zu vermitteln, ohne dabei polemisch, didaktisch oder moralisch zu werden. Es geht an der Oberfläche immer um dänische Marinemaler oder die dänische Seefahrtsgeschichte - es scheint also erst mal etwas besonders typisch Nationales. Darunter hat er aber immer universelle Werte liegen. Vor allem finde ich sehr wichtig, dass er in seinem Werk immer Dialog, Komplexität, Vielstimmigkeit betont - das sind Werte, die wir in Europa ganz dringend brauchen. Robert Habeck hat zum Beispiel in der "Zeit" in einem ganz anderen Zusammenhang gesagt: "Wenn wir im Kampfmodus argumentieren, erzeugt das Widerstand. Wenn man aber bereit ist, sich irritieren zu lassen, und annimmt, dass auch der Andere Recht haben kann, macht man die Tür auf." Und genau das macht Jensen mit seinem Werk: Er versucht immer, auch die Position des Anderen einzunehmen. Und das ist die Herausforderung in einem immer weiter auseinanderfallenden Europa. Deswegen ist er besonders preiswürdig.

Nun wird Jensen auch mit den Worten zitiert: "Die Idee der Europäischen Union wird gegenwärtig von populistischen Bewegungen und zunehmend autoritären Regimes angegriffen. Sie sieht sich aber auch bedroht durch ihre Mitglieder selbst, die nicht entschieden genug ihre Menschenrechte und demokratischen Werte verteidigen." Ist der Europa-Preis angesichts dieses Lamentos wie ein Pfeifen im Walde?

Däwes: Wenn Sie mit dem Pfeifen im Walde das Mutmachen meinen und nicht die Irrelevanz, dann auf jeden Fall. Ich glaube wir brauchen die Verantwortung des Einzelnen, genau in dieser Situation - das sagt Jensen selbst. Und dazu laden seine Romane uns ein. Es sind relativ lange Romane, und man muss sich einlassen, man muss die Energie und die Zeit mitbringen. Und dann verpflichtet er uns immer darauf, dass wir lernen, andere Sprachen und andere Register zu verstehen und uns darauf einzulassen. Das ist so ein bisschen wie mit der Schiffsethik in seinem Roman "Wir Ertrunkenen": Auf dem Schiff geht es auch darum, dass man auf den Kapitän hört, wenn es kriselt, und dass alle in den vorgegebenen Hierarchien auch funktionieren. Der Gemeinschaftsgeist und das Regelwerk sind wichtig. In Europa ist es so ähnlich: Je mehr wir auseinanderbrechen, desto mehr kommt es auf die Verantwortung des Einzelnen an, sich in dieser freiheitlichen Rechtsstaatlichkeit nicht nur die Rosinen herauszupicken, sondern auch die Verantwortung zu sehen und die Verpflichtung, die damit einhergeht.

Die europäische Gemeinschaft driftet auseinander. Aus der ursprünglichen Europa-Müdigkeit, die man vor ein paar Jahren hatte, und der Skepsis ist jetzt immer mehr eine offene Ablehnung und Feindschaft geworden. Ist Europa noch zu retten - zumindest das Europa, wie wir es kennen und kannten?

Däwes: Zunächst glaube ich gar nicht an die Europa-Müdigkeit - die Generation unserer Studierenden zeigt uns da etwas ganz anderes: Das sind ganz engagierte und politisch sehr interessierte junge Menschen. Von daher glaube ich gar nicht, dass es so sehr um Müdigkeit geht. Wir sind natürlich alle durch mehr als 70 Jahre Frieden verwöhnt und können uns kaum noch vorstellen, wie es anders war. Andererseits haben wir vor gar nicht so langer Zeit auch gesehen, wie es anders wieder sein kann, im Jugoslawien-Krieg. Das sehen wir heute auch - man muss nur ein bisschen über Europas Grenzen hinaus gucken. Dafür tragen wir alle Verantwortung, das ist nichts, was von selber kommt und was wir für selbstverständlich nehmen dürfen. Und das fängt mit dem Wahrnehmen demokratischer Grundrechte an. Das ist sehr traurig, wenn die Wahlbeteiligungen zurückgehen, aber deswegen darf man nicht aufhören, es immer wieder zu sagen, dass es um die Verantwortung jedes Einzelnen geht. Ich glaube auch, dass Emmanuel Macron Recht hat: dass wir mehr Europa brauchen und nicht weniger. Dass wir mehr Verpflichtungen und mehr Verantwortung übernehmen müssen, wenn wir das Ganze retten wollen. Aber natürlich ist es zu retten - alles andere können wir uns ja gar nicht leisten.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.05.2018 | 19:00 Uhr

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