Laura Pooth © Holger Hollemann/dpa Foto: Holger Hollemann

Corona-Aufholprogramm: "Das ist der falsche Weg"

Stand: 05.05.2021 17:09 Uhr


Die Bundesregierung hat ein Corona-Aufholprogramm für Kinder und Jugendliche auf den Weg gebracht: Rund eine Milliarde soll in Nachhilfe- und Förderprogramme fließen, eine weitere Milliarde ist für verschiedene Sozialprogramme vorgesehen. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Niedersachsen, Laura Pooth, ist skeptisch.

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Frau Pooth, zwei Milliarden Euro für Kinder und Jugendliche, um die Corona-Langzeitfolgen im Bildungsbereich abzumildern - was gefällt Ihnen an diesem Vorhaben nicht?

Laura Pooth: Dass Kinder und Jugendliche sehr schwere Zeiten hinter sich haben, und dass wir jetzt alles dransetzen müssen, damit unsere Kinder gut durch diese Krise kommen, da sind wir uns alle einig. Aber wir kritisieren die Tatsache, dass es bei diesem Programm, das Ministerin Karliczek vorschlägt, im Grunde um das Aufholen von vermeintlichen Lernrückständen gehen soll. Und das ist aus meiner Sicht der falsche Weg. Müssen wir jetzt nicht eher pädagogische und psychologische Betreuung gewährleisten? Kinder können wir jetzt nicht Wissen eintrichtern, so, als wären sie ein Glas, das man einfach befüllen kann. So einfach funktioniert das nicht.

Es geht also nicht um die Summe, sondern um den Weg des Geldes, der Sie stört, richtig?

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Pooth: Genau. Dass Geld in die Hand genommen wird, ist grundsätzlich gut. Aber es sieht so aus, als würde dieses Geld in eine Art Kommerzialisierung der Bildung, in private Nachhilfeinstitute investiert werden. Wir brauchen aber eine Stärkung des öffentlichen Bildungssystems. Wir brauchen eine Ausstattung an Personal an den Schulen. Das ist jetzt ganz wichtig, damit die Kinder und Jugendlichen wieder aufgefangen werden können.

Wenn Sie von öffentlichen Bildungseinrichtungen sprechen - wo braucht man das Geld dort?

Pooth: Wir haben einen riesigen Fachkräftemangel, auch im Bildungsbereich. Und da ist ein Problem, dass wir sehr viele prekäre Beschäftigungsverhältnisse haben. Gerade in privaten Bildungsinstituten kommt das häufig vor. Wir brauchen attraktive Arbeitsplätze, tarifgebunden, die aus öffentlicher Hand bezahlt werden und Fachkräfte, die vor allem langfristig beschäftigt werden. Da sind jetzt Löcher, fast Wunden entstanden, die jetzt gestopft werden müssen. Es ist nicht mit einer Einmalzahlung getan, sondern wir brauchen langfristige Investitionen in die öffentlichen Schulen, in mehr Personal, in Fachpersonal.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sagt, die psychische Entwicklung müsse stärker in den Fokus gerückt werden, etwa mit Blick auf Übergewicht, fehlende Motivation, Depression, den Mangel an sozialen Kontakten. Auch von Lehrerinnen und Lehrern hört man, dass es gar nicht so sehr darum geht, den Kindern Wissen zu vermitteln, sondern sie erst einmal zu kontaktieren und sie zu motivieren. Was gibt es für Möglichkeiten, Kinder psychisch zu stärken oder auch Angebote zu machen, die öffentlich stattfinden?

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Pooth: Genau das ist der Kern. Meine Kolleginnen und Kollegen berichten, wie schwer belastet ihre Schüler zurückkehren, ganz in sich gekehrt. Das ist ein wirkliches Problem. Wir brauchen jetzt nicht Klausuren, Tests und Lernstandsermittlungen, sondern wir brauchen Bewegungsangebote, die Ermöglichung von sozialen Kontakten, wir müssen die Kreativität wieder fördern. Kinder und Jugendliche müssen alles das lernen, was der Rechner nicht kann: Empathie, Teamfähigkeit, Kreativität. Genau das muss jetzt gefördert werden.

Wo gibt es diese Angebote in Niedersachsen, die man jetzt finanziell stärken könnte?

Pooth: Minister Tonne hat begonnen, das Projekt "LernRäume" auf den Weg zu bringen. Da geht es zum Beispiel um Sprachförderung, um sportliche Angebote, Bewegungsangebote, kreative Angebote. Das ist jedenfalls unsere Forderung, dass darauf Rücksicht genommen wird, dass es nicht um das Eintrichtern von Wissen gehen soll. Das klappt noch nicht überall, aber das halten wir ganz oben auf der Agenda.

Sie waren heute im Niedersächsischen Landtag - mit welchem Anliegen?

Pooth: Wir nehmen wahr, dass der Sinn unserer Forderungen von der Politik immer unterstrichen wird, aber sie sagen, sie hätten kein Geld. Damit werden wir oft abgespeist. Wir haben noch mal dezidiert daraufhin gewiesen, welche Defizite, welche Mängel es an den Schulen in Niedersachsen gibt und dass die Schulen jetzt dringend krisenfest gemacht werden müssen, damit Kinder und Jugendliche gut durch diese Krise kommen und so für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft gesorgt werden kann. Dafür braucht es gut ausgestattete Gebäude und viel mehr Personal. Wenn man das finanzieren will, dann brauchen wir deutlich mehr Investitionen in Bildung. Die Bundesregierung hatte sich im Jahr 2008 darauf geeinigt, zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Bildung auszugeben, aber das ist lange nicht erreicht worden. Wenn man das auf Niedersachsen herunterbricht, müsste der Bildungsetat um 750 Millionen Euro pro Jahr aufgestockt werden. Das muss wenigstens benannt werden, dass es da mangelt, und dass die Politik jetzt dringend in der Verantwortung ist, diese Gelder zu generieren.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.05.2021 | 18:00 Uhr