Stand: 15.06.2018 15:44 Uhr

"In der Gegenwartskunst tut sich ungeheuer viel"

Noch bis Sonntag findet die Art Basel statt, die neben ihren Ablegern in Miami Beach und Dubai nach wie vor bedeutendste Kunstmesse. Knapp 300 Galerien aus aller Welt bieten Werke von über 4.000 Künstlerinnen und Künstlern feil. Vor Ort ist auch Bettina Ruhrberg, Direktorin des Mönchehaus Museums Goslar.

Frau Dr. Ruhrberg, was macht eine Museumsdirektorin wie Sie auf einer Kunstmesse wie der Art Basel? Einkaufen?

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290 Galerien aus aller Welt präsentieren auf der Art Basel Werke von über 4.000 Künstlerinnen und Künstlern.

Bettina Ruhrberg: Leider Gottes können die Museen heutzutage nicht mehr einkaufen auf solchen Messen, seit die Preise in immense Höhen geschossen sind. Für kleine Museen wie die unseren ist es gar nicht mehr möglich, dort  Werke zeitgenössischer Kunst zu erwerben. Aber: Es ist natürlich ein ungeheuer großartiges Niveau auf dieser Messe und man kann sich umfassend informieren - einerseits über Tendenzen, andererseits über klassische Kunst, historische Kunst, Nachkriegskunst, junge Künstler, Nachwuchskünstler. Ganz wichtig für einen Museumsmann oder eine Museumsfrau ist es, Networking zu machen, Kollegen zu treffen, mit Galeristen zu sprechen. Das ist ein ungeheuer anregender Austausch, den man auf einer solchen Messe hat.

Konnten Sie, was die Gegenwartskunst betrifft, einen Trend ausmachen? Sie vergeben immerhin den Kaiserring, und da spielt das durchaus eine Rolle. Was tut sich gerade in der Gegenwartskunst?

Ruhrberg: In der Gegenwartskunst tut sich im Moment ungeheuer viel. Künstler reagieren auf aktuelle Probleme unserer Zeit, und da gibt es immense Themen: nach dem Amtsantritt von Donald Trump, dem Brexit, der Flüchtlingskrise, dem Terrorismus, den allgemeinen Finanzkrisen, der Digitalisierung - das sind Mega-Themen, auf die vor allen Dingen junge Künstler reagieren. Und es gibt - gerade bei jungen Künstlern - so etwas wie eine Repolitisierung von künstlerischen Positionen. Man kann auch beobachten, dass Gender-Themen, Frauen- und Männer-Rollen eine große Rolle spielen. Außerdem gibt es einen Fokus auf außereuropäische Kunst: Afrika, Lateinamerika, Indien, China, Asien ganz groß - das sind alles neue Zentren der Bildenden Kunst. Früher war es so, dass alles auf Europa und Amerika fokussiert war, und heute haben wir die ganze Welt, und das ist ungeheuer spannend.

Wie kann diese Erkenntnis Ihre Programmgestaltung für das Mönchehaus Museum Goslar beeinflussen? Oder sagen Sie: Nein, da sind wir ein so kleines Museum, da können wir auch nur Zuschauer sein.

Ruhrberg: Das würde ich so nicht sagen. Sie können es zum Beispiel an der Vergabe des Kaiserrings ein wenig ablesen: Da ist es in der Geschichte so, dass sich am Anfang alles auf Europa und Amerika konzentrierte und dass sich im Laufe der Jahre der geografische Radius ungeheuer erweitert hat. Zunächst schaute man nach Osteuropa, dann kam Südafrika hinzu. Das sind durchaus Dinge, die indirekt auch den Kaiserring beeinflussen, aber natürlich auch mein Programm. Ich hatte aktuell eine Ausstellung, die "Breaking News" hieß, mit sehr viel Videokunst und Fotografie, und wo sich viele junge Künstler mit den Problemen unserer Zeit auseinandersetzen: Finanzkrise, Bürgerkriege in Afrika, ökonomische Finanzströme, die heutzutage unüberblickbar sind für jedermann, oder deutsch-deutsche Problematiken.

Die Kunst hat sich spätestens seit der Moderne den Gestus gegeben, dass man sich nicht vereinnahmen lassen will und möchte. Nun ist man aber auf der Messe, wo Kunst als Ware feilgeboten wird. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Ruhrberg: Nein, eigentlich nicht. Es ist so, dass die Künstler ganz wesentlich durch ihre Galerien existieren können. Früher war es traditionell sogar so, dass die Galerien eine ganz wichtige Funktion gehabt haben, um Künstler aufzubauen, sie kontinuierlich zu unterstützen, wenn sie keinen Erfolg hatten. Diese Arbeit von den Galerien ist ungeheuer wichtig, und ohne diese Arbeit könnten die Künstler überhaupt nicht existieren. Insofern ist der Markt für die Künstler sehr wichtig.

Es ist aber auf der anderen Seite so, dass der Markt eine Eigendynamik entwickelt hat, und dass es natürlich unter den Käufern und unter den Galeristen Kunst protegiert wird, die gerade en vogue ist, die hip ist, wo man bestimmte Trends ausnutzt und davon profitiert. Das ist aber wie in jedem Geschäft so; ich würde das Kunstgeschäft nicht anders betrachten als das von jedem anderen Unternehmen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.06.2018 | 19:00 Uhr

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