Stand: 19.08.2020 17:35 Uhr

Bettina Böhler über ihre Schlingensief-Doku

Egal ob er Filme machte oder Theater, als aktivistischer Performer auftrat oder Parteien gründete: Christoph Schlingensiefs Leben und Wirken waren von enormer Kreativität und Sprengkraft, von viel Humor, aber auch großer Ernsthaftigkeit gekennzeichnet. Er polarisierte und provozierte wie kaum einer vor und nach ihm. Eine, die eindeutig zur Pro-Schlingensief-Fraktion gehört, ist Bettina Böhler. Die Filmeditorin hat eine Doku über ihn gemacht, die diese Woche in den Kinos anläuft.

Frau Böhler, Sie sind ja eigentlich Filmeditorin - mit "In das Schweigen hineinschreien" haben Sie Ihre erste Regiearbeit vorgelegt. Warum wollten Sie diesen Film über Schlingensief machen?

Bettina Böhler © picture alliance/dpa Foto: Jörg Carstense
"Es gibt heute niemanden, der mit dieser Bandbreite, Vielfältigkeit und Vehemenz die Gesellschaft künstlerisch aufrüttelt", sagt Bettina Böhler über Christoph Schlingensief.

Bettina Böhler: Ich hatte eigentlich nie Regie machen wollen, weil ich mit meinem Beruf als Editorin sehr glücklich bin. Aber vor zwei Jahren kam Frieder Schlaich auf mich zu, ein langjähriger Wegbegleiter von Christoph Schlingensief. Er hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, einen Dokumentarfilm über Christoph zu machen - nicht nur als Editorin, sondern auch als Regisseurin. Ich dachte, dieses Thema ist wie für mich geschaffen, weil ich mit Christoph in den 90er-Jahren auch zusammen gearbeitet hatte: Ich habe zwei Filme von ihm montiert. Ich habe ihn sehr gemocht und fand das sehr aufregend und wichtig, was er gemacht hat. Und da habe ich gesagt: Okay, da knie ich mich rein und mache einen Film über ihn.

Es ist ein wahnsinnig reichhaltiges Werk. Wie sind Sie an den Film herangegangen?

Böhler: Frieder Schlaich hat ein riesiges Archiv angelegt mit sämtlichen Werken von Christoph Schlingensief, aber auch viel Material über ihn - wie etwa Fernsehsendungen und Interviews. Bei so einem umfangreichen Werk ist es nicht einfach, einen Zwei-Stunden-Film herauszufiltern - und ich bin ziemlich schnell auf die Idee gekommen, dass der Fokus dieses Films auf Christophs Auseinandersetzung mit Deutschland liegen muss, vor allen Dingen mit Nachkriegsdeutschland aber auch mit der bis heute davon geprägten Gesellschaft. Dieses Deutschland-Thema war der rote Faden für meinen Film - aber auch seine Herkunft, die Eltern, die Kindheit in Oberhausen. Es war ein Glücksfall, dass es dieses Super-8-Material gibt, das der Vater von Geburt an ab 1960 von Christoph gedreht hatte. Das war sehr hilfreich, weil das ein emotionaler Gegenpol zu den manchmal sehr anstrengenden und heftigen Werken Christophs ist.

Schlingensiefs Kernthemen in der Auseinandersetzung mit seiner Heimat waren Rassismus, Nationalsozialismus und Antisemitismus. Diese Themen sind heute noch genauso virulent, wenn nicht noch drängender als zu seinen Lebzeiten. Was wäre sein Kommentar zur heutigen Zeit?

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Böhler: Er würde sich natürlich an der Debatte beteiligen wie eh und je. Ihm würden bestimmt auch wieder sehr kluge und starke Bezüge einfallen. Es ist wahnsinnig beängstigend, dass das, was er schon vor 20, 30 Jahren fast visionär in seinen Werken bearbeitet hat - Rassismus, Neonazismus und so weiter - nicht weniger geworden ist sondern mehr. Er würde genauso laut in dieses Schweigen schreien, das heute im Grunde immer noch da ist.

In seinen Filmen, Theaterinszenierungen und Kunstaktionen sind viele Hakenkreuze und Nazi-Uniformen zu sehen. Da gibt es die Aktion, bei der er vor Jürgen Möllemanns Haus eine Israel-Flagge anzündet, um dessen antiisraelische Ausfälle zu kommentieren. Wäre diese Kunst heute so noch denkbar?

Böhler: Das ist eine interessante Frage, die ich mir während der Arbeit immer wieder gestellt habe. Wahrscheinlich würden solche Aktionen heute abgebrochen oder nicht zugelassen werden. Aber das heißt nicht, dass man nicht trotzdem noch etwas versuchen und bis an die Grenzen gehen kann. Oder auch mal über die Grenzen hinaus, was er ja auch immer gemacht hat. Deswegen hoffe ich auch, dass der Film die jüngere Generation inspiriert: Wenn man mutig ist und Fantasie hat, dann kann man auch mit Kunst und Aktionen gesellschaftliche Debatten anstoßen und die Politik herausfordern. Es gibt heute niemanden, der mit dieser Bandbreite, Vielfältigkeit und Vehemenz die Gesellschaft künstlerisch aufrüttelt.

Das Interview führte Alexandra Friedrich

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.08.2020 | 19:00 Uhr