Das Berliner Humboldt Forum wird am 20. Juli mit mehreren Ausstellungen eröffnet. © picture alliance/dpa Foto: Wolfgang Kumm

Berliner Humboldt Forum wird eröffnet: "Ganz große Attraktion"

Stand: 20.07.2021 17:30 Uhr

Seit Dienstag ist das Berliner Humboldt Forum wieder geöffnet. Gleich sechs Ausstellungen werden gezeigt. Reporterin Maria Ossowski vom RBB hat sich die neuen Räumlichkeiten angeschaut.

Das Berliner Humboldt Forum wird am 20. Juli mit mehreren Ausstellungen eröffnet. © picture alliance/dpa Foto: Wolfgang Kumm
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Frau Ossowski, was hat Sie am meisten beeindruckt? Was ist Ihnen besonders aufgefallen?

Maria Ossowski: Das ist ein Schloss und doch kein Schloss. Das ist ein Museum und doch kein Museum. Außen Barock und innen modernste Räume mit hypermodernen Ausstellungen, die Partizipation erfordern, die interaktiv sind. Ganz viel Video, ganz viele Leinwände und so weiter. Negativ könnte man sagen, das ist ein Widerspruch - positiv könnte man sagen, das ist eine große Spannung.

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Eine große Ausstellung etwa heißt "Berlin global". Man bekommt beim Eintritt ein Chip-Armband, das registriert, welche Tür man benutzt. Über den Türen steht jeweils ein Motto, und man muss sich entscheiden: Nimmt man die Tür, an der "Ich will eine offene Stadt" steht, oder die Tür, an der "Ich will eine soziale Stadt" steht? Die Tür "Ich schütze, was wir haben" oder die Tür "Ich wage Veränderungen"? Man muss sich immer für eine Tür entscheiden, und zum Schluss bekommt man ein Ticket, und man kann mit den anderen Besucherinnen und Besuchern darüber diskutieren.

Über dieser Ausstellung steht das Thema Kolonialismus in starker Form. Natürlich wird auch viel über den Ort gesprochen: ehemaliger Palast der Republik, zerstörtes Schloss, und jetzt der Wiederaufbau. Berlin wird auch abgefragt nach Mode, nach Krieg - aber immer wieder kommt auch das Thema Kolonialismus vor. Was mir ein bisschen fehlte: Wir haben ein sehr gutes jüdisches Museum, aber diese Stadt ist ganz stark jüdisch geprägt. Das kommt mir ein bisschen zu kurz. Es gibt Max Reinhardt und eine Tafel mit Exilanten, aber mehr auch nicht.

Ansonsten ist die Ausstellung aber extrem unterhaltsam. Sie hat keinen Zeitstrahl, und wenn jemand gar nichts über Berlin weiß, dann ist er überwältigt.

Das Thema Kolonialismus hat von Anfang an für große Unruhe gesorgt. Zuletzt ging es um die Benin-Bronzen. Die zentrale Ausstellung dazu wird erst im September eröffnen. Wie werden die Kuratoren mit diesem Thema umgehen? Gibt es dazu einen Plan?

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Ossowski: Der Plan ist so ein inneres Schild, wo draufsteht: "Vorsicht, kolonialer Kontext". Es gibt auch solche Schilder dort, zum Beispiel bei dem Film "Entertain Berlin". Dort gibt es vorher ein Warnschild: "Dieser Film enthält rassistisches Material, ist herabwürdigend und verletzend. Also Vorsicht!". "Vorsicht" ist also das zentrale Wort. Menschen aus den Herkunftsgesellschaften soll eine Stimme gegeben werden. Es gab so viel Krach ums Humboldt Forum, so viel Kritik, und ich habe das Gefühl, alle sind jetzt übervorsichtig, damit es nicht zu viel Kritik an irgendwelchen Gegenständen geben könnte. Selbst die Humboldt-Brüder werden als "alte weiße Männer" bezeichnet. Man will versuchen, alle Minderheitsgruppen mit einzugemeinden, damit die Kritik nicht überhandnimmt. Das ist sicherlich wichtig, denn der Kolonialismus muss aufgearbeitet werden, und wir haben viel zu lange damit gewartet. Manchmal kommt es mir ein klein wenig so vor, als sei diese Vorsicht ein bisschen zu übertrieben. Aber nichtsdestotrotz ist sie wichtig, und sie ist einfach ein Teil dieses Ortes.

Sie haben viel im Vorfeld über das Humboldt Forum berichtet. Es ist kein Geheimnis, dass Sie kein Fan der Schlossrekonstruktion sind. Der Bau ist nun fertig - können Sie sich inzwischen damit anfreunden?

Ossowski: Ob in Rom oder in Florenz - man liebt diese Palazzi, weil sie eine ungeheure Patina haben. Ja, ich hätte mir dort sehr viel lieber etwas Hochmodernes vorgestellt. Aber ich will nicht nur meckern. Der Schlüterhof innen ist wunderschön geworden. Drei Seiten sind barocke Fassade - er ist großzügig, hat mehrere Eingänge. In der Mitte können die Leute sitzen, es gibt ein Bistro, es ist eine wunderschöne Atmosphäre. Es wird dort viele Konzerte geben, es gibt sogar einen Humboldt-Forum-Shop, wo man Lampen aus dem abgerissenen Palast der Republik für 2.495 Euro kaufen kann.

Es wird ein riesiger Hotspot werden. Es wird das Zentrum werden, wo alle Touristen hingehen. Es ist genau gegenüber von der Museumsinsel, und ich glaube, dass die Leute sich dort letztendlich sehr wohlfühlen werden. Es wird für Berlin eine ganz große Attraktion.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.07.2021 | 18:00 Uhr

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