Berlinale Bären stehen in einer Reihe © picture alliance/dpa | Christoph Soeder Foto: Christoph Soeder

Berlinale online: Katja Nicodemus zum Auftakt

Stand: 01.03.2021 11:33 Uhr

Heute hat sie begonnen, die 71. Berlinale. 134 Filme stehen auf dem Programm. Aber wie funktioniert ein Filmfestival ohne Publikum? Ein Gespräch mit Filmkritikerin Katja Nicodemus.

Berlinale Bären stehen in einer Reihe © picture alliance/dpa | Christoph Soeder Foto: Christoph Soeder
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Wie sah der erste Heimkinotag bei Ihnen aus? Konnten Sie Ihre persönliche Festivalstimmung simulieren?

Katja Nicodemus: Es ist ein bisschen absurd und auch ein bisschen lustig. Theoretisch 134 Filme in fünf Tagen zu sehen, ist natürlich viel Holz. Ich habe heute Fotos von Kolleginnen und Kollegen geschickt bekommen, die ihre Fenster mit Betttüchern abgehängt haben, um eine Kinodunkelheit herzustellen. Ein Kollege hat sein Bügelbrett vor dem Fernseher aufgebaut, um bei nicht so spannenden Filmmomenten Wäsche wegzuarbeiten. Leider läuft nicht der sehr schöne Trailer der Berlinale vor den Filmen, in dem sich der Berlinale-Bär in Lichtpunkte verwandelt. Ich denke morgen werde ich den Trailer auch mal abspielen, weil das für mich der ultimative Beginn der Festivalstimmung ist - und warum das nicht im Wohnzimmer wenigstens versuchen?

Welche von den vielen, vielen Filmen haben Sie denn heute gesehen?

Nicodemus: Ich habe heute mehrere Filme gesehen. Über zwei darf ich noch nicht sprechen, denn - das ist neu - die Verleiher, die diese Filme zeigen, legen relativ willkürlich ein Embargo fest, also eine Frist, ab der man über die Filme berichten darf. Aber ich habe einen sehr interessanten libanesischen Film im Wettbewerb gesehen: "Memory Box" von dem Regie-Duo Joana Hadjithomas und Khalil Joreige. Erzählt wird darin eine Mutter-Tochter-Geschichte aus dem heutigen Kanada. Die Tochter findet eine Kiste mit Fotos, Tonbändern und Briefen aus der Jugend der Mutter im Libanon. Dadurch werden im Film Rückblenden in die 1980er-Jahre eingeleitet, als die Mutter als Teenager den Bürgerkrieg im Libanon erlebt hat und sich auch zum ersten Mal verliebt hat. Das ist eine sehr interessante Konstruktion. Und auch wenn die Szenen in Beirut ein bisschen steril wirken, fand ich das einen gelungenen Auftakt für den ersten Wettbewerbstag dieser seltsamen digitalen Berlinale.

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Was ist grundsätzlich von dieser Berlinale zu halten, also diesem Konstrukt "Filmmarkt plus Journalisten", aber ohne Publikum?

Nicodemus: Ich glaube schon, dass es wichtig ist, dass der Filmmarkt stattfindet, denn die Kinos sind zwar geschlossen, aber es wurde die ganze Zeit weiter produziert, gedreht und Drehbücher geschrieben. Auf der diesjährigen Berlinale wird der Filmmarkt mit ungefähr 800 Filmen laufen. Diese werden online von Verleihern, Kinobetreibern und den Betreibern von Streaming-Plattformen angeschaut und gekauft. Hinzu kommen jetzt diese 1300 Journalisten und internationale Filmkritiker, die über das kuratierte Berlinale-Programm, also rund 130 Filme, berichten sollen. Die Frage stellt sich natürlich für uns Journalisten: Für wen berichten wir eigentlich und für welche Öffentlichkeit? Es gibt ja kein Publikum, keinen roten Teppich, keine Bilder der Berlinale als Veranstaltung und auch keinen Applaus, um ein Beispiel dieser Problematik zu nennen. Normalerweise organisiert die Berlinale Pressekonferenzen mit den Regisseurinnen und Regisseuren des Wettbewerbs. Heute gab es eine Pressekonferenz mit Maria Schrader, die ihren neuen Film "Ich bin dein Mensch" auf der Berlinale vorstellt. Aber diese Pressekonferenz wurde vom Verleih organisiert. Das heißt, dort werden nur Journalistinnen und Journalisten zugelassen, die vom Verleih eingeladen sind. Das ist natürlich eine seltsame Privatisierung, denn so sehr man manchmal auch von den vielleicht auch absurden Fragen der Kolleginnen und Kollegen genervt war, war die Pressekonferenz doch eine demokratische Veranstaltung. Und jetzt sind sie einer marktwirtschaftlichen Organisation unterworfen.

Wie frustrierend ist es denn, von diesen 134 Filmen in fünf Tagen nicht alle sehen zu können?

Nicodemus: Es ist seltsam, weil normalerweise auf der Berlinale weit mehr Filme, rund 400, liefen. Die habe ich immer als eine große Fülle und Herausforderung begriffen. Das Problem ist jetzt, dass man die Filme immer nur 24 Stunden lang online sehen kann. Das heißt, dass man mächtig unter Druck steht, an einem Tag möglichst viele Filme zu schaffen. Es ist menschlich und normal, dass die meisten dieser 1300 Journalisten natürlich nur die "wichtigsten" Filme anschauen werden, nämlich den Wettbewerb, um dann den potenziellen Gewinner des Goldenen Bären nicht zu verpassen. Das heißt, dass man automatisch weniger auf Entdeckungsreise gehen wird und dass automatisch eine Hierarchisierung der Filme eintritt.

Haben Sie schon irgendwelche Filme hier bei dieser Online-Berlinale, auf die Sie sich besonders freuen?

Nicodemus: Es gibt einen Film, auf den ich extrem gespannt bin: der neue Film der Berliner Regisseurin Maria Speth. Sie hat wunderbare Spielfilme gedreht, unter anderem "Madonnen". Sandra Hüller spielt darin die Rolle einer überforderten Mutter von fünf Kindern. Auf der Berlinale läuft ein dreieinhalbstündiger Dokumentarfilm von Maria Speth: "Herr Bachmann und seine Klasse" über einen Lehrer und seine Klasse, die im Wesentlichen aus Kindern mit migrantischem Hintergrund besteht. Sie ist eine Regisseurin mit ganz großem Formbewusstsein und ich bin wirklich gespannt, welche Form sie für diese deutsche Schulklasse findet.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

 

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NDR Kultur | Journal | 01.03.2021 | 18:00 Uhr