Stand: 24.02.2020 19:27 Uhr  - NDR Kultur

Berlinale: "Wettbewerb bisher ziemlich mau"

Halbzeit beim wichtigsten deutschen Filmfestival: Noch bis Sonntag zeigt die Berlinale in verschiedenen Reihen neue Kinoproduktionen aus aller Welt. 340 Filme sind insgesamt zu sehen, auch der neue Streifen von Regisseur Christian Petzold. "Undine" ist eine moderne Adaption des Sagenstoffs aus dem 14. Jahrhundert. NDR Filmkritikerin Katja Nicodemus war bei der Premiere dabei und spricht mit NDR Kultur zudem über weitere hoffnungsvolle Filme des Festivals.

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Frau Nicodemus, Sie haben Christian Petzolds Film "Undine" gesehen. Worum geht es da genau?

Katja Nicodemus: Er interessiert sich für das Wasserelement, was diese Figur umgibt. Das Wasser hat in Christian Petzolds Filmen immer wieder eine große Rolle gespielt. Man denke an die Ostsee in "Barbara", über die die Ärztin aus der DDR zu ihrem westdeutschen Geliebten fliehen wollte. Oder auch in "Yella": Da stürzt Nina Hoss zu Beginn mit einem Auto in einen Fluss und kommt als Geist wieder heraus. Und in "Undine" haben wir einen Wassergeist, gespielt von Paula Beer.

Christian Petzold katapultiert sie ins heutige Berlin. Undine ist Historikerin im Märkischen Museum, hält Vorträge vor Touristen, Journalisten und Kunsthistorikern und erklärt die Architekturstile der Stadt Berlin. Sie wird zu Beginn des Films von ihrem Freund verlassen und lernt dann einen Industrietaucher kennen, gespielt von Franz Rogowski. Ab da beginnt eine wunderschöne Liebesgeschichte, die mit Wassermotiven spielt: mit einem platzenden Aquarium, mit Lichtreflexen der Spree. Der Taucher hat auch Einsätze an einer Talsperre mit Turbinen und nimmt seine neue Freundin mit zu diesen Tauchgängen. Der Film hat da ein ganz mythisches oder auch mystisches Element.

Das ist die vordergründige Erzählebene. Aber Petzold wäre nicht Petzold, wenn auch dieser Film nicht eine politische Ebene hätte. Ist das auch diesmal so?

Nicodemus: Es gibt diesmal nicht so eine direkt auf Deutschland zu beziehende politische Ebene wie zum Beispiel bei seinen Filmen in der DDR. Hier gibt es eine kleine geschichtspolitische Pointe. Als Historikerin ist Undine Hüterin der Geschichten und der Geschichte der Stadt Berlin. Beiläufig macht sie zum Beispiel eine Bemerkung über das Berliner Schloss. Sie sagt, dass es in der Geschichte keinen Fortschritt gibt, wenn man solche Gebäude wieder neu errichtet; das sei letztlich etwas Reaktionäres.

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Es gibt auch eine geschlechterpolitische Pointe in diesem Film. Undine ist letztlich eine zart feministische Rebellin gegen die Projektion der Männer, die Mythen und Märchen erfunden haben und den Frauen darin sehr feste Plätze zuteilen. Eigentlich ist Undine eine Frau, die sich in einen Mann verlieben muss, um eine Seele zu bekommen; sie wird dann verlassen und muss sich rächen. Die Undine bei Christian Petzold rebelliert aber gegen den Mythos und dessen Mechanik. Sie will sich nicht rächen, sie will nicht töten - sie will lieben und leben im heutigen modernen Berlin.

Wie präsentiert sich das US-amerikanische Kino in diesem Jahr auf der Berlinale?

Nicodemus: Mit zwei tollen Filmen von zwei Frauen. Ich habe hier einen ganz tollen Film mit der Schauspielerin Elisabeth Moss gesehen. Sie spielt in dem Film "Shirley" der amerikanischen Regisseurin Josephine Decker eine manisch-depressive Schriftstellerin in den 50er-Jahren. Sie lebt mit ihrem Ehemann, einem Professor, auf einem Campus und verlässt kaum das Haus. Dann zieht ein junges Paar für eine Weile in das Haus dieser Schriftstellerin ein, und es entsteht eine wunderschöne Freundschaft zwischen den beiden Frauen. Die Schriftstellerin kommt irgendwie aus ihrer Depression heraus und kann wieder schreiben. Aber das ist keine Happy-End-Geschichte, sondern ein sehr schöner Prozess mit einer irrwitzigen Ästhetik, in der zum Beispiel der von ihr geschriebene Roman bebildert wird. Es wird mit mit Weitwinkeln, mit seltsamen Kameraobjektiven gearbeitet, und man kommt in eine Romanwelt hinein.

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Der andere Film heißt "First Cow", gedreht von Kelly Reichardt. Sie ist eine Regisseurin, die sich immer an der amerikanischen Geschichte abarbeitet und immer die Textur einer Epoche sucht, um zu verdeutlichen, wie sich das wirklich angefühlt hat. Hier ist es ein wilder Western über das Menschen- und Kulturengewimmel während der Zeit des Goldrausches um 1880. Reichardt beschreibt die Freundschaft zwischen zwei Goldsuchern. Ein Western des Alltags, ein sehr außergewöhnlicher Film - ich könnte mir vorstellen, dass er etwas gewinnt.

Der Schauspieler Willem Dafoe spielt die Hauptrolle in "Siberia", dem neuen Film von Kultregisseur Abel Ferrara. Worum geht es da?

Nicodemus: Das ist ein irrwitziger Film. "Sibiria" ist die Reise eines Mannes ins Unbewusste, ein Film, der Archetypen der Männlichkeit erkundet: den einsamen Wolf, den treusorgenden Vater, den Liebhaber. Und gleichzeitig erkundet Ferrara Lebensformen von Ureinwohnern in der Wüste, im ewigen Eis. In diesem Film gibt es für Frauen keinen Platz, außer für Sex, vorzugsweise auf dem Boden oder auf dem Tisch. Und das fand ich, selbst wenn es ein männlicher Psychotrip ist, dann doch ein bisschen schade. Ferrara fehlen inzwischen so ein bisschen die Bilder. Dieser Film müsste, wenn er ins Unbewusste eines Mannes geht, auch ein Bilder-Trip sein - es ist aber leider nur eine Illustration von verschiedenen Szenen und Ideen.

Die Berlinale hat ein neues Intendanten-Paar. Wie ist bisher Ihr Gesamteindruck von der Berlinale?

Nicodemus: Ich fand den Wettbewerb der Berlinale um den Goldenen Bären bisher ziemlich mau. Es gibt ja noch einen zweiten Wettbewerb für sogenannte innovative Filme: "Encounters". Da laufen teilweise fantastische Filme, und man versteht nicht, warum sie nicht im Hauptwettbewerb laufen. Es gibt dort eine konzeptionelle Schwäche, denn diese beiden Wettbewerbe haben bisher keine Profile, die sich aneinander reiben könnten. Aber es ist erst Halbzeit auf der Berlinale, und vielleicht tritt das noch ein.

Das Gespräch führte Janek Wiechers

 

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NDR Kultur - Journal Gespräch -

Halbzeit beim wichtigsten deutschen Filmfestival: Filmkritikerin Katja Nicodemus hat bei der 70. Ausgabe der Berlinale eine "konzeptuelle Schwäche" festgestellt.

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NDR Kultur | Journal | 24.02.2020 | 19:00 Uhr

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