Stand: 20.02.2020 17:51 Uhr  - NDR Kultur

"Das Kino bleibt ein Ort der emotionalen Erfahrung"

Die 70. Berlinale hat begonnen - und erstmals zeichnet ein Duo für das Filmfestival verantwortlich: Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian. Die beiden Berlinale-Chefs sprechen über den Fall Alfred Bauer, das Festival-Programm und die Hollywood-Stars auf dem roten Teppich.

Mariette Rissenbeek, Sie führen als erste Frau die Geschäfte der Berlinale. Was zeichnet die Berlinale als Festival aus?

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Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian eröffnen die 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Rissenbeek: Für mich ist die Berlinale deshalb einzigartig, weil es eine gelungene Verbindung zwischen Publikumsfestival mit fast einer halben Million verkauften Tickets und Branchenveranstaltung ist. Weder in Cannes und Venedig gibt es so einen großen Publikumszuspruch - in Cannes kann man gar keine Tickets als Zuschauer kaufen. Und dieser Einfluss der Stadt auf das Festival und die Wechselwirkung mit dem Festival machen die Berlinale so besonders.

Carlo Chatrian, Sie dürfen sich als künstlerischer Direktor der Berlinale auf die Filme selbst konzentrieren. Sie sind 1971 in Turin geboren und vom Filmfestival Locarno nach Berlin gewechselt. Sie bringen sicherlich Erfahrungen aus Locarno mit, die wichtig für ihre künstlerische Handschrift bei der Berlinale sind.

Chatrian: Aus einem kleinen Ort, der eine Festivalstadt geworden ist, bin ich in eine Großstadt mit einem Filmfestival gekommen. Ein großer Sprung. Aber es gibt ein gemeinsames Element: das Publikum. Das gefällt mir am besten: Mit dem Publikum verbunden zu sein. Und die Gefühle, die wir beim Ansehen eines Films hatten, dem Publikum zu vermitteln. Dass wir das in einer so lebendigen, modernen Stadt wie Berlin tun können, einer Stadt, die sich ständig verändert, ist besonders aufregend.

Am Tag der Präsentation der Wettbewerbsfilme wurden Sie mit einem Artikel konfrontiert, der ein Schlaglicht auf die dunkle Vergangenheit des ersten Berlinale-Chefs Alfred Bauer wirft: Bauer, 25 Jahre Festivalleiter, war Mitglied der NSDAP und ab 1942 Referent der Reichsfilmintendanz von Joseph Goebbels. Wie überraschend kam diese Nachricht für Sie?

Rissenbeek: Für mich kam die Nachricht sehr überraschend. Wir hatten uns mit so vielen Themen beschäftigt, seitdem wir im Juni 2019 an Bord gekommen sind, dass wir uns nicht mit der Vergangenheit des Festivals auseinandergesetzt haben. Wir hatten uns mit der Frage "Wer ist Alfred Bauer?" vorher einfach nicht beschäftigt.

NDR Kultur Mikrofon auf der Bühne im Kleinen Sendesaal des Landesfunkhauses Niedersachsen in Hannover © NDR.de Foto: Willem Konrad

Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek im Gespräch

NDR Kultur - Das Gespräch -

Die 70. Berlinale hat begonnen - und erstmals zeichnet ein Duo für das Filmfestival verantwortlich: Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian sprechen über ihr Festival-Programm.

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Chatrian: In der Schule habe ich gelernt, dass Geschichte immer wieder neu erzählt werden muss. Geschichte ist nie in Stein gemeißelt - weil wir uns und unseren Blick auf uns und unsere Geschichte verändern. Natürlich hat uns die Nachricht sehr überrascht. Aber wir möchten die Gelegenheit ergreifen, die Zeit vor der Berlinale genauer zu betrachten. Andererseits glaube ich, dass die Geschichte der Berlinale von den Filmen und Filmemachern gemacht wird. Die Rolle der Festivalleiter wird von der Presse manchmal überbewertet. Auf Französisch gibt es das Wort "passeur" - "Weitergeber". Als Brückenbauer bringen wir etwas von einer Seite zur anderen. Aber entscheidend sind die Filme - und die Filme, die auf der Berlinale gezeigt wurden, erzählen von Freiheit. Das wird sich niemals ändern.

Es ist jetzt ungefähr zweieinhalb Jahre her, dass die #MeToo-Bewegung ein ganz neues Licht auf die Filmbranche geworfen hat - auf Machtverhältnisse und männlichen Machtmissbrauch im Filmgeschäft. Hat sich Ihr Blick auf Ihr eigenes Metier mit der #MeToo-Kampagne verändert?

Rissenbeek: Sicherlich hat man in der Vergangenheit von dem einen oder anderen Mann gehört, der möglicherweise seine Macht hat spielen lassen. Dass die Gesellschaft heutzutage anders damit umgeht und das jetzt "Machtmissbrauch" nennt, ist eine Errungenschaft. Es gibt eine größere Sensibilität dafür, weshalb sich jetzt auch mehr Frauen mit ihren Erlebnissen herauswagen. Früher hätte man sich dafür vielleicht geschämt und gedacht: Ich bin auch ein bisschen mit schuld, weil ich mich falsch verhalten habe oder weil ich nicht eindeutig klar gemacht habe, dass ich dieses oder jenes nicht will.

Dennoch haben sie Jeremy Irons zum Jurypräsidenten gewählt. Irons wurde wegen früherer sexistischer und homophober Äußerungen schnell als alter, weißer Mann mit reaktionären Ansichten kritisiert. Tut man ihm da Unrecht?

Chatrian: Ich glaube, ein Künstler drückt sich durch seine Arbeit aus. Als wir Jeremy Irons auswählten, dachten wir an die Filme, in denen er gespielt hat, statt an die dummen Sätze, die er vor Jahren gesagt hat. Wenn ich mir seine Filme ansehe, bekomme ich ein anderes Bild. Er hat viele sehr offene Rollen gespielt, Rollen mit unscharfen Geschlechtergrenzen. Die Filme von David Cronenberg sind dafür ein gutes Beispiel. Irons hat einen Mann gespielt, der die eigene Identität hinterfragt - oder die eigene Rolle, wie in "Mission" von Roland Joffé. Ich verstehe, dass die Sätze, die er gesagt hat, Gefühle verletzen können. Aber uns ist auch bewusst, dass er seine Worte bereut.

Mariette Rissenbeek, es fällt auf, dass bei dieser Berlinale doch einige deutsche Produktionen dabei sind. Liegt das daran, dass Sie die neue Geschäftsführerin der Berlinale sind und von der deutschen Exportorganisation German Films kommen - oder daran, dass der deutsche Film gegenwärtig so stark aufgestellt ist?

Rissenbeek: Mein Eindruck ist, dass sich der deutsche Film seit einigen Jahren sehr vielfältig entwickelt hat. Als Carlo in Locarno Festivaldirektor war, habe ich ihm immer vorgestellt, welche deutschen Filme er für sein Programm auswählen kann. Von daher kann ich mir gut vorstellen, was ihn anspricht und was nicht. Das hat sicher dabei geholfen, dass wir uns über deutsche Filme gut verständigen können. Aber mit Linda Söffker, die die Perspektive Deutsches Kino kuratiert, hat die Berlinale auch eine sehr fähige und erfahrene Person, die sich mit deutschem Filmschaffen hervorragend auskennt und die auch eine sehr gute Botschafterin für den deutschen Film ist.

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"Das Kino ist tot, es lebe das Kino", so heißt ein neuer Dokumentarfilm über Ihren Vorgänger Dieter Kosslick. Wo sehen Sie die Zukunft des Kinos - insbesondere, wenn wir an den Erfolg von Streamingdiensten und TV-Serien denken?

Rissenbeek: Ich bin davon überzeugt, dass das Kino auch in Zukunft als besonderer Ort der Begegnung, der Aufmerksamkeit, der Konzentration und der emotionalen Erfahrung bestehen bleiben wird. Aber natürlich werden andere Formate, da sie dagegen konkurrieren, auch einen Teil der Aufmerksamkeit wegnehmen. Ich glaube aber nicht, dass das Publikum diesen Ort Kino - im dunklen Saal zu sitzen, auf die Leinwand zu blicken - vermissen will. Ich bin sicher, dass auch künftig dafür Interesse bestehen bleibt.

Chatrian: Es ist sehr schwer zu sagen, wo das Kino in zehn oder sogar in zwei Jahren sein wird, weil sich so viel so schnell verändert. Was bleiben wird, ist das Bedürfnis, mit anderen Menschen durch Geschichten verbunden zu sein. Auf eine Art, die größer ist als das eigene Szenario. Das Festival ist ja nicht nur erfolgreich durch die Stars oder die mit Spannung erwarteten Filme, sondern auch als Ereignis, bei dem Menschen ihre Emotionen teilen. Das ist wichtig. Sogar wann man einen Film für sich allein sieht, möchte man teilen, was man sieht. Vielleicht tut das jüngere Publikum das eher über Twitter oder Instagram - doch die Notwendigkeit, an einem Ort zusammen zu sein, wird bleiben.

Das Gespräch führte Natascha Freundel.

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NDR Kultur | Das Gespräch | 22.02.2020 | 18:00 Uhr

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